Systemische Genreliteratur: Colin Niel und sein Roman „Unter Raubtieren“

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Systemische Genreliteratur: Colin Niel und sein Roman „Unter Raubtieren“

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Die Natur des Menschen: In seinem Thriller “Unter Raubtieren“ spürt der Franzose Colin Niel dem menschlichen Jagdtrieb nach bis hin in die sozialen Medien – und lässt ihm zugleich literarisch freien Lauf, mit allen Konsequenzen.

Eine afrikanische Savannenlandschaft, eine blonde junge Frau mit Pfeil und Bogen, ein erlegter Löwe: Dieser Schnappschuss, der im Netz auftaucht, sorgt für großen Unmut – und er ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans „Unter Raubtieren“ von Colin Niel: Martin, ein Nationalparkranger in den Pyrenäen und engagierter Tierschützer, macht sich seinerseits auf die Jagd; mit dem Ziel, der Schützin eine Lektion zu verpassen.
Dazu muss er seine Beute aber erst einmal ausfindig machen, sich heranpirschen, selbst möglichst unbemerkt bleiben und so weiter und so fort. Und dann ist immer noch die Frage, wie so eine Jagd enden kann – mit einem Abschuss? Ganz so einfach ist es sicher nicht, denn dies ist ein komplexer Thriller, bis zum letzten Moment kann alles ganz anders sein und ausgehen – da haben die Genreliteratur und die Jagd (nach Raubtieren) erstaunliche Schnittmengen …
Die Gesetzmäßigkeiten der Jagd, Jäger und Gejagte, der Mensch als Raubtier unter Raubtieren – sehr beeindruckend, wie Colin Niel in seinem Roman diese Koinzidenzen zum Klingen bringt. Und zwar auf mehreren Ebenen, die schließlich zu einer werden: Vor dem Bild, der Moment des Schnappschusses, die Folgen. Eine entscheidende Frage ist, wer dieses Foto geschossen – und wer es ins Netz gestellt und damit die Jagd in den sozialen Medien eröffnet hat. Und hier wird die Konstruktion atemberaubend – und global verntzt. Der Roman erzählt aus vier Perspektiven, eine Stimme ist die des Löwen, das ist gewagt, funktioniert aber hervorragend.
Dabei ist „Unter Raubtieren“ – wie schon der Vorgängerroman „Nur die Tiere“ – auch eine Reflexion über den berühmt-berüchtigten „Reissack in China“: Alles hängt mit allem zusammen, ein kleines Ereignis irgendwo auf der Welt kann Geschehnisse und Prozesse prägen, die ganz woanders stattfinden, in der Konsequenz dann aber wieder zurückkommen: Systemische Genreliteratur, wenn man so will.
Hintergrundkontexte sind die Klimawandelfolgen und dabei insbesondere auch das Artensterben.
Also ein “Ökothriller“, wie es hier und da heißt? Das sicher auch, aber “Unter Raubtieren“ ist viel mehr analytischer als engagierter Text: Mit den Mitteln der Literatur macht er sich auf die Jagd nach der Natur des Menschen, es geht diesem Roman letztlich um nicht weniger als das Wesen des gefährlichsten unter den Raubtieren. Die Art, wie Colin Niel sich dabei heranpirscht an seine Beute, ist beeindruckend: Exzellente Genrekunst, die direkt in einen Blattschuss ins Tiefstschwarze mündet.

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