Unter Beschuss – über Perumal Murugans Roman “Zur Hälfte eine Frau”

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Unter Beschuss – über Perumal Murugans Roman “Zur Hälfte eine Frau”

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So kann man sich täuschen: Auf den ersten Blick wirkt die deutsche Ausgabe von Perumal Murugans großartigem Roman “Zur Hälfte eine Frau” (Draupadi Verlag, Euro 18) ja ziemlich unscheinbar. Ein Irrtum ist dies allerdings in zweierlei Hinsicht: Die karge, konzentrierte Geschichte entwickelt eine ungeheure Dynamik, die einen noch lange nach der Lektüre beschäftigen kann. Immense Wirkung hatte dieser Roman zweitens aber nicht bloß literarisch, sondern auch gesellschaftspolitisch: Er führte zu heftigen Protesten, in deren Verlauf nicht bloß ein Verbot des Buches, sondern auch Gewalt dem Autor gegenüber gefordert wurde – so dass der sogar seinen “Tod” ankündigte, um sich zu schützen. Erst ein höchstrichterliches Urteil des Madras High Courts beruhigte nach Jahren die Lage. Warum das alles? Und wer ist überhaupt dieser Schriftsteller, dessen Worte eine solche Wirkung haben können? Das erklärt Übersetzer Torsten Tschacher in seinem spannenden Nachwort, das er mir für diesen Blog freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Tausend Dank dafür an ihn und an den Draupadi Verlag!

Der Streit um “Zur Hälfte eine Frau”

Im Oktober 2012 trat Kannan Sundaram, Sohn des Schriftstellers Sundara Ramaswamy und mit seinem Verlag Kalachuvadu derzeit der bedeutendste Verleger tamilischer Literatur, auf der Frankfurter Buchmesse auf mich zu. Ich hatte gerade Thoppil Mohammed Meerans „Die Geschichte eines Dorfes am Meer“ ins Deutsche übersetzt. Kannan überreichte mir drei Romane, welche es seiner Meinung nach verdienten, ins Deutsche übersetzt zu werden. Unter ihnen befand sich Maadhorubaagan, „Der, welcher zur Hälfte eine Frau ist“, von Perumal Murugan. Diese ungewöhnliche Geschichte über ein kinderloses Ehepaar interessierte mich von Anfang an, nicht nur, weil er unter den drei Romanen der rezenteste war – Maadhorubaagan wurde zuerst im Dezember 2010 veröffentlicht. Meine Aufgaben als Dozent an der Universität Göttingen machten es mir allerdings unmöglich, sofort einen weiteren Roman zu übersetzen, und so legte ich das Buch mit den anderen beiseite, um auf günstigere Zeiten zu warten. Als ich im Oktober 2014 eine neue Stelle an der Freien Universität Berlin annahm, schien ein neues Übersetzungsprojekt jedoch weiter entfernt denn je. Doch dann kam der Januar 2015.

Am 8. Januar 2015 hatte Perumal Murugan, auf ausdrückliche Aufforderung durch die Polizei, seine Heimatstadt Tiruchengode im Namakkal-Distrikt, Tamil Nadu, verlassen müssen. Seit Weihnachten 2014 hatte es vermehrt Proteste in Tiruchengode gegen seinen Roman gegeben. Radikal-hinduistische und kasten-basierte Gruppierungen forderten immer ungehemmter auch gewalttätige Maßnahmen gegen den Autor, der in ihren Augen moralische Schranken gebrochen, „Lügen“ über lokale Gebräuche verbreitet und sich blasphemisch über die Schutzgottheit Tiruchengodes, Ardhanarishvara, eben der, „der zur Hälfte eine Frau ist“, geäußert hatte. Einen Tag, nachdem Perumal Murugan Tiruchengode verließ, folgten fast alle Geschäfte einer öffentlichen Aufforderung durch seine Kritiker, in Protest gegen den Roman geschlossen zu bleiben. Am 12. Januar wurde Perumal Murugan, in Begleitung eines Rechtsanwaltes, vor die Distrikt-verwaltung in Namakkal zur „Schlichtung“ des Konfliktes geladen. Während des gesamten Schlichtungsprozesses übten sowohl die Polizei wie auch die Verwaltung Druck auf den Autor aus, den Forderungen seiner Gegner zuzustimmen. Am Ende standen eine „bedingungslose Entschuldigung“ und eine Zusicherung, alle beanstandeten Teile des Romans zu ändern oder zu streichen. Kurz nach dieser „Schlichtung“ veröffentlichte Perumal Murugan auf seiner Facebook-Seite den folgenden Text: „Peru-mal Murugan der Autor ist tot. Da er kein Gott ist, wird er nicht wiederauferstehen. Er glaubt auch nicht an Wiedergeburt. Er wird als einfacher Lehrer P. Murugan weiterleben. Lasst ihn in Ruhe“.

Der „Tod“ des Schriftstellers Perumal Murugan mobilisierte nicht nur die tamilische, sondern eine weitere, nationale Öffentlichkeit in Indien, welche wenige Monate nach der Vereidigung des Hindunationalisten Narendra Modi in den Angriffen gegen Perumal Murugan düstere Vorboten für die Rede- und Meinungsfreiheit in Indien sah. Innerhalb literarischer Zirkel war Perumal Murugan keineswegs ein unbekannter Autor. Bereits früh begann er zu schreiben, seine ersten Kurzgeschichten erschienen ab 1988 in der literarischen Zeitschrift Manavosai. Zum Zeitpunkt der Kontroverse um Maadhorubaagan im Januar 2015 hatte er unter anderem bereits neun Romane, je vier Sammlungen von Kurzgeschichten und Gedichten sowie acht Essaysammlungen veröffentlicht, drei der Romane lagen in englischer Übersetzung vor.

Perumal Murugan

Geboren wurde Perumal Murugan am 15. Oktober 1966 in der Nähe der Stadt Tiruchengode. Sein Vater war ein Kleinbauer, der das Einkommen der Familie mit den Einkünften aus einem Sodastand in einem Kino in Tiruchengode zusätzlich aufbesserte. Perumal Murugan hat die Erfahrungen aus seinen Kindheitsjahren sowohl in dem Roman Nizhal Mutram („Der schattige Innenhof“, 1993; 2004 ins Englische übersetzt als Current Show) als auch in seinen Memoiren Nizhal Mutratthu Ninaivugal („Erinnerungen an den schattigen Innenhof“, 2013) verarbeitet.

Gleichzeitig studierte er tamilische Literatur an Colleges in Erode und Coimbatore, um schließlich ab 1988 an der Universität von Madras zu promovieren. Nach seiner Promotion arbeitete Perumal Murugan lange als Professor für tamilische Literatur am Government Arts College in Namakkal. Als er in Folge der Kontroverse um Maadhorubaagan 2015 Namakkal verlassen musste, wurde er zunächst ans Presidency College in Chennai versetzt, um dann im Sommer 2016 seine jetzige Stellung als Leiter der Abteilung für Tamil am Government Arts College in Attur bei Salem anzutreten.

Sowohl als Schriftsteller wie als Wissenschaftler ist Perumal Murugan eng seiner Heimat, dem Kongu Nadu im nordwestlichen Tamil Nadu, verbunden. Bereits seine Dissertation beschäftigte sich mit den Werken R. Shanmugasundarams (1917-77), dem bis dahin wichtigsten Schriftsteller der Kongu-Region. Sein bedeutendstes wissenschaftliches Werk ist wohl ein Wörterbuch des Kongudialektes, welches er im Jahr 2000 veröffentlichte.

Noch deutlicher wird Perumal Murugans Verwurzelung im Kongu Nadu aber in seinen Romanen, welche sich immer wieder mit den sozialen Problemen der Region beschäftigen. Sein erster Roman, Eeru Veyil („Steigende Hitze“, 1991) behandelte die Probleme einer Familie, deren Ackerland dem Bau einer Siedlung zum Opfer fällt. Insbesondere setzt sich Perumal Murugan immer wieder mit seiner eigenen Kaste, den Gounder oder Kongu Vellalar, der dominanten landbesitzenden Kaste in der Region, auseinander. Kuulamaadhaari („Kurzer Maadhaari“, 2000, 2004 ins Englische übersetzt als Seasons of the Palm) behandelt das Leben einer Gruppe junger Unberührbarer aus der Maadhaari- oder Chakkiliyar-Kaste. Mit großem Einfühlungsvermögen und Verständnis für die oft paradoxen Effekte von Kastenbeziehungen beschreibt Perumal Murugan die Freundschaft zwischen einem der Unberührbaren, Kuulaiyan (dem „Kurzen“), und dem Sohn des Gounders, für den er arbeitet, eine Freundschaft, in der die brutale Realität der Kastendiskriminierung immer präsent ist. Enger auf die Situation der Gounders bezogen ist der Roman Kanganam (etwa „Der Schwur“, 2007), der die Effekte der Abtreibung und Tötung neugeborener Mädchen in der Gounder-gesellschaft behandelt. Die Geschichte handelt von Marimuthu, einem Gounder, der gerne heiraten würde, wegen des Mangels an Frauen in seiner Kaste dazu aber nicht in der Lage ist. Auch Aalandaappatschi („Der Menschen meidende Vogel“, 2012) setzt sich mit den Problemen von Bauern und Landbesitz auseinander. Puukkuzhi (etwa „Glühende Kohlen“, 2013; 2016 ins Englische übersetzt als Pyre) schließlich behandelt die Schwierigkeiten einer Ehe über Kastengrenzen hinweg.

Perumal Murugans Kritik an den sozialen Verhältnissen in der Gesellschaft des Kongu Nadu, und insbesondere sein ungeschminkter Blick auf die Verhältnisse in seiner eigenen Kaste, waren wohl schon vor der Publikation von Maadhorubaagan vielen konservativen Elementen ein Dorn im Auge. Mit Maadhorubaagan, und vor allem mit der Veröffentlichung der englischen Übersetzung im Jahr 2013 („One Part Woman“), gelang es diesen Elementen, eine breite Front gegen den Roman und seinen Autor zu mobilisieren.

“Zur Hälfte eine Frau”

Das Thema des Romans sind die vielen großen und kleinen Diskriminierungen und Demütigungen, denen ein kinderloses Paar in der ländlichen Gesellschaft des Kongu Nadu ungefähr um das Jahr 1946 ausgesetzt ist. Kaali und Ponna sind bereits viele Jahre verheiratet, aber bisher haben weder Volksmedizin noch Rituale ihren Kinderwunsch erfüllen können. Kaali weigert sich standhaft, eine zweite Ehefrau zu nehmen. Jetzt scheint es nur noch einen Ausweg zu geben: Am Ende des alljährlichen Tempelfestes in der nahegelegenen Stadt fallen alle gesellschaftlichen Regeln. Frauen können ohne soziale Sanktionen auf den Straßen mit jedem Mann schlafen, denn niemand weiß ja, in welcher Form der hermaphroditische Gott aus dem Tempel über der Stadt sich den Gläubigen zeigen mag. Während Kaali und Ponna diese Methode, ein Kind zu bekommen, ablehnen, schleichen sich Spannungen in ihre Beziehung, Spannungen, welche ihre Familien ausnutzen, um Ponna schließlich doch zum Fest zu schicken, in dem Glauben, Kaali habe eingewilligt.

Mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt Perumal Murugan die komplexe Beziehung zwischen den beiden Protagonisten, ihre Gefühle, ihre Liebe, aber auch, wie die konstanten Demütigungen von Kaali wie Ponna ihren Tribut fordern und beide voneinander entfremden. Gleichwohl wird Perumal Murugan nie parteiisch. Obwohl Kaali sich standhaft gegen eine zweite Ehe wehrt, hat er gleichzeitig selbst als junger Mann an den Orgien zum letzten Tag des Tempelfestes teilgenommen, und die soziale Meidung des Paares trifft Ponna härter als ihn. Aber Perumal Murugan stellt auch dar, dass die Diskriminierung sich nicht einseitig gegen Ponna richtet, sondern auch Zweifel an Kaalis Männlichkeit und Status aufkommen lässt. Selbst die intrigierenden Familien agieren aus Mitleid gegenüber dem Paar, in der Hoffnung, dass trotz des Bruchs sozialer Tabus und der emotionalen Belastung, die das Ritual mit sich bringt, den beiden durch die Geburt eines Kindes Erleichterung zuteilwird. Bezeichnend ist es, dass Perumal Murugan das Ende seines Romans nicht nur offen lässt, sondern gleich zwei alternative Fortsetzungen geschrieben hat (Aalavaayan, „Der mit der Schlange“, und Artthanaari, „Halbe Frau“, beide 2014).

Seinen Kritikern lieferte Perumal Murugan mit Maadhorubaagan allerdings genug Material, um weitere Kreise gegen den Autor zu mobilisieren. In der Erstausgabe des Romans verwendete Perumal Murugan lokale Ortsnamen und identifizierte den Tempel, dessen jährlicher Feiertag in einer ausschweifenden Sexorgie endete, eindeutig mit dem Ard-hanarishvara-Tempel von Tiruchengode. Dies erlaubte es, Perumal Mu-rugan nicht nur der Blasphemie und Verleumdung gegenüber seinem Heimatort zu beschuldigen, sondern auch, ihn als Feind hinduistischer Traditionen darzustellen. Selbst Indiens bedeutendste radikal-hinduistische Organisation, der Rashtriya Svayamsevak Sangh (RSS, „Nationale Freiwilligenvereinigung“), rechtfertigte das Vorgehen der Kritiker. Dass Perumal Murugan über die Zugehörigkeit der im Roman erscheinenden Figuren zu bestimmten Kasten und Religionsgemeinschaften keinen Zweifel ließ, ermöglichte ihnen weiterhin, ihn der Anstachelung von Hass zwischen den einzelnen Gruppen zu bezichtigen. Und die oft vulgäre Sprache – immerhin trägt eine von Perumal Murugans Essaysammlungen den programmatischen Titel Ketta Vaartthai Peesuvoom (etwa „Wir sprechen vulgär“, 2011) – ließen ihn als Gefahr für die öffentliche Moral erscheinen.

Nochmal: Der Streit um “Zur Hälfte eine Frau”

Allerdings mag eine nicht unbedeutende Zahl von Kritikern eine ganz andere Motivation für ihre Angriffe gegen den Roman und seinen Autor gehabt haben. Die Erwähnung des Filmes Sri Valli (1945) im 31. Kapitel des Romans, sowie die Tatsache, dass der Roman noch zur britischen Kolonialzeit spielt, erlaubt es, den Haupthandlungsstrang in die erste Hälfte des Jahres 1946 oder 1947 zu datieren. Dies bedeutet aber, dass jeder Einwohner der Region um Tiruchengode, der zu dieser Zeit geboren ist bzw. dessen Eltern oder Großeltern zu dieser Zeit geboren wurden, potentiell seine Geburt dieser Orgie verdankt – wohl für viele ein kaum zu ertragender Gedanke.

Die Kontroverse schwelte anderthalb Jahre weiter. Am 5. Juli 2016 entschied der Madras High Court, dass die Perumal Murugan von der Polizei und der Verwaltung aufoktroyierte Schlichtung ungültig sei, wies alle Klagen gegen den Autor ab und lehnte eine Petition ab, die ein Verbot des Romans forderte. Das Gericht wies darauf hin, dass der Roman von der Kritik positiv aufgenommen worden war und viele Preise gewonnen hatte, dass die indische Kultur vor der britischen Kolonisierung Sexualität offen behandelt hätte und dass offen sexuelle Beschreibungen im Roman nicht der Erzeugung sexueller Erregung dienen würden. Wie der Rechtsanwalt Gautam Bhatia ausführte, hinterließen diese Ausführungen des Gerichts einen fahlen Beigeschmack in einem ansonsten bedeutenden Sieg für die Meinungsfreiheit, denn was wäre, wenn der Roman keine Preise gewonnen hätte, Indien schon immer prüde gewesen wäre und die Beschreibungen doch der Erregung dienen würden? Nichtsdestotrotz stärkte dieses Urteil die Position Perumal Murugans. Und entgegen seiner pessimistischen Facebookbotschaft im Januar 2015 kam es doch zu einer Wiedergeburt des bereits für tot erklärten Autors.

Noch im Jahr 2016 erschien die Gedichtsammlung Koozhaiyin Paadalgal („Lieder eines Feiglings“), welche ein Jahr später von Ani-ruddhan Vasudevan, der auch Maadhorubaagan übersetzt hatte, ins Englische übertragen wurde. Und kurz darauf folgte auch ein neuer Roman: Poonachi alladhu Oru Vellaattin Kathai („Puunaatschi oder die Geschichte einer schwarzen Ziege“), der seit Kurzem auch in englischer Übersetzung vorliegt. Und als wollte er alle Zweifel ausräumen, dass es wirklich Perumal Murugan ist, der da von den Toten auferstanden ist, begründet der Autor seine Wahl einer Ziege als Heldin des Romans in der Einleitung so: „Ich fürchte mich davor, über Menschen zu schreiben; und davor, über Götter zu schreiben, fürchte ich mich noch mehr. Ich könnte vielleicht über Dämonen schreiben. An das dämonische Leben habe ich mich sogar ein bisschen gewöhnt … Lassen Sie mich über Tiere schreiben. Es gibt nur fünf Tierarten, die mir ganz vertraut sind. Von diesen sind Hunde und Katzen für die Poesie bestimmt. Über Kühe und Schweine darf man nicht schreiben. Bleiben also nur Ziegen und Schafe. Ziegen sind unproblematisch, harmlos, und vor allem tatkräftig. Eine Geschichte braucht ein gewisses Erzähltempo. Daher habe ich mich entschieden, über Ziegen zu schreiben.“

Eine deutliche Spur hat die Kontroverse aber doch hinterlassen. Im Januar 2015 hatte Perumal Murugan sich verpflichtet, Maadhorubaagan zu bearbeiten und eine Reihe der beanstandeten Passagen zu streichen oder zu ändern. Die überarbeitete Ausgabe wurde im Dezember 2016 veröffentlicht, als Perumal Murugan vor Gericht bereits den Sieg über seine Gegner errungen hatte. Seinem Wunsch gemäß liegt dieser deutschen Übersetzung eben diese veränderte Auflage zu Grunde. An der Geschichte wurde nichts Grundlegendes verändert. Am meisten von Streichungen betroffen ist das 14. Kapitel, wo große Teile der ursprünglichen Beschreibung der Orgie zensiert wurden. Außerdem wurden die meisten Eigennamen von Personen wie Ortschaften geändert, vor allem der Name des Tempelortes und seines Gottes. Geflissentlich hat Perumal Murugan auch jeden Hinweis auf spezifische Kasten durch einfache Berufsbezeichnungen ersetzt. So wurden aus Gounders „Landwirte“ und aus Shanars „Toddyzapfer“. Und der Zeitpunkt des Tempelfestes wurde vom Monat Vaigaasi (Mai-Juni) in den Monat Maasi (Februar-März) verlegt. In charakteristischer Weise geschahen eine Reihe dieser Änderungen aber in so mechanischer Weise, dass die ursprünglichen Bedeutungen einem Leser, der mit lokalen Gegebenheiten vertraut ist, kaum entgehen werden. Für den Übersetzer aber verursachten genau diese Änderungen Probleme, da ein deutsches Publikum nicht unbedingt mit der Kultur des Kongu Nadu oder Südindiens vertraut ist. Daher habe ich an einigen Stellen in Absprache mit dem Autor entschieden, Elemente der Erstausgabe beibehalten, um diese Passagen für deutsche Leser verständlicher zu machen.

Zur Übersetzung

Alle Übersetzungen zwingen den Übersetzer zuweilen, erläuternde Sätze hinzuzufügen oder Änderungen vorzunehmen. „Zur Hälfte eine Frau“ war dabei keine Ausnahme. Dass die meisten Unterhaltungen im Roman im lokalen Dialekt des Kongu Nadu gehalten sind, angereichert durch ein gerütteltes Maß an Schimpfwörtern, die in keinem Wörterbuch stehen, war dabei eine von den leichteren Aufgaben. Die größte Herausforderung für mich war aber Perumal Murugans Sprachwitz, seine Anspielungen genauso wie seine zuweilen krasse Unverblümtheit. Den Höhepunkt in dieser Hinsicht bildet der Auftritt des Clowns einer Theatertruppe im 31. Kapitel, dessen Wortspiele und -verdrehungen kaum in deutscher Sprache wiedergegeben werden können. Ich habe mich dennoch bemüht, den Lesern wenigstens einen Eindruck dieses Kapitels zu geben. Gescheitert bin ich allerdings an der Passage, in der der Clown zu Beginn des Kapitels das Publikum als „Väter“ und „Brüder“ anspricht. Im tamilischen Original benutzt der Clown dabei die altertümliche Pluralendung -maar, was den Harmoniumspieler zu einem Wortspiel veranlasst, denn das Wort maar hat auch die Bedeutung von „Brust“ – einer eher unpassenden Beschreibung für Väter und Brüder! Der Clown korrigiert sich folgerichtig, und spricht das Publikum daraufhin als Mütter und Schwestern an! Mir blieb an dieser Stelle nichts anderes übrig, als einen ähnlichen Kalauer mit Bezug auf ein anderes, von volkstümlichen Theatergruppen gerne aufgegriffenes Thema zu verwenden – der Korruption. Das sexuelle Innuendo des ursprünglichen Textes ging dabei allerdings verloren.

Abschließend möchte ich mich bei denjenigen bedanken, ohne deren Unterstützung ich diese Übersetzung nicht fertig hätte stellen können. Kannan Sundaram gebührt aufrichtiger Dank dafür, dass er mich als erster mit Perumal Murugan und Maadhorubaagan vertraut gemacht hat und als Inhaber der Urheberrechte die Übersetzung des Romans gestattet hat. Christian Weiß hat dieses Projekt von Seiten des Draupadi Verlages tatkräftig unterstützt und seinen oft widerspenstigen Übersetzer zum (weitgehenden) Einhalten seiner Abgabetermine angehalten. Der Autor Perumal Murugan selbst hat das Projekt nicht nur enthusiastisch verfolgt, sondern stand mir auch immer mit Rat und Erklärungen diverser Dialektformen und Schimpfwörter zur Seite. Dank gebührt schließlich nicht zuletzt meiner Frau Deepra Dandekar, die die Tatsache, dass ihr Mann tagelang vor Wörterbüchern und dem Computer zubrachte, mit Geduld und viel Liebe ertragen hat.

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