Aus aller Welt vom aktuellen “Weltempfänger”

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Aus aller Welt vom aktuellen “Weltempfänger”

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Exzellente Literatur aus Syrien, Japan und Großbritannien/Pakistan. Von Dima Wannous, Nanae Aoyama und Kamila Shamsie

Ganz oben gleich zwei Titel aus Syrien, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit den unerträglichen Umständen befassen, die „Leben“ in dem zerklüfteten Land bedeutet: Khaled Khalifa mit seinem Roman „Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“ habe ich hier schon vor einiger Zeit vorgestellt – drei Geschwister irren mit der Leiche des verstorbenen Vaters durch das Land, der sich gewünscht hat, nicht in Damaskus, sondern weit entfernt im Heimatdorf begraben zu werden. Eine surreale Road Story, die versucht, die Lage im Land mit den Mitteln der Groteske zu spiegeln, sehr stark konzipiert und erzählt. (Übersetzt von Hartmut Fähndrich.)

Khaled Khalifa konzentriert sich auf das Aberwitzige, die Abgründe werden eher indirekt, dahinter sichtbar. Dima Wannous dagegen schaut mit ihrem Roman „Die Verängstigten“ (Blessing, Euro 20) direkt in die Abgründe, in die eigenen und in die des Landes: Sie erzählt die Geschichte einer jungen Frau, ihre eigene möglicherweise, die so komplex traumatisiert ist durch ihre Existenz, dass nur (fast) noch komplexere Erzählstrukturen es möglich machen, davon überhaupt erzählen. Ein dichter und ein wichtiger Roman, der weniger auf die „aktuellen“ Ereignisse der letzten Jahre in Syrien zielt, als auf die Zustände, die dazu überhaupt erst führten: Diktatur, Überwachung, Willkür, Korruption – Angst. Eine Angst, die das Leben austrocknet und versiechen lässt, in vielen Schichten abgelagert; sich ihr zu nähern, sich mit ihr auseinanderzusetzen, dafür sucht und findet „Die Verängstigten“ auf beeindruckende Weise Mittel und Wege. (Übersetzt von Larissa Bender.)

„Bruchstücke“ von Nanae Aoyama (Cass Verlag, Euro 17), geboren 1983, ist kein Roman, sondern ein Band mit drei längeren Erzählungen, in denen die Autorin den Untiefen und toten Winkeln menschlicher Beziehungen nachspürt, indem sie kleine, alltägliche Begebenheiten zwischen ihren Protagonisten, bei denen eigentlich gar nichts passiert, genau und präzise auslotet und ausleuchtet auf der Suche nach den Dynamiken, die dann jederzeit eben doch „passieren“. Zum Beispiel bei einem Tagesausflug, den ein Vater und seine erwachsene Tochter miteinander unternehmen – oder bei einem Paar, das für ein paar Tage seine Nichte zu Gast hat. Nichts Spektakuläres also, aber durchaus fesselnd, durch die Art, wie Nanae Aoyama mit ruhiger Hand und feinem Strich Beziehungen zeichnet – Stilleben, in denen hinter den Fassaden jede Menge Bewegung herrscht. (Übersetzt von Katja Busson und Frieder Lommatzsch.)

Über Menschen (Männer meist), die sich dem radikalen Islam zuwenden, hat man schon jede Menge hören, sehen und lesen können – die Angehörigen (eher Frauen in der Regel) blieben weitgehend im Nebenbei. Das ändert sich mit „Hausbrand“ von Kamila Shamsie (Berlin Verlag, Euro 22), die in ihrem feinen Roman die Geschichte einer jungen Muslimin mit pakistanischen Wurzeln aus London erzählt, die nach dem Tod der Eltern die beiden Geschwister, Zwillinge, großgezogen hat – bis der Zwillingsbruder sich (wie schon der Vater seinerzeit) dem Djihad zugewandt hat, während die Zwillingsschwester ein Jurastudium aufnahm. Diese Story ist allerdings nur ein Aspekt, der Antrieb dieser Geschichte; mindestens ebenso wichtig sind die vielen Facetten, mit denen die Frage durchdekliniert wird, was es bedeuten kann, in diesen Zeiten eine (junge) Muslim zu sein, so wie etwa Isma, die große Schwester, die theoretisch alle Freiheiten hat, so zu leben, wie sie es will – aber kaum Räume, das, was sie will, auch umzusetzen. (Übersetzt von Nicolaus Hansen.)

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