“Weiß” von Han Kang: Eine Hommage ans Leben

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“Weiß” von Han Kang: Eine Hommage ans Leben

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Frisch aus der Druckerei: Heute erscheint “Weiß”, das neue Buch der sükoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Das ist ein Ereignis in mehrfacher Hinsicht: Sowieso dieses sehr persönliche und eigenwillige Buch, bei dem man lange diskutieren könnte, ob es sich nun dabei um einen Roman handelt oder nicht. Ein Werk jedenfalls, dass sich Kategorisierungen entzieht, ein Hybrid aus Reflexion, Erinnerung und Fiktion, damit schon formal auf der Höhe der Zeit. Abgesehen davon ist es eh ein Ereignis, wenn etwas Neues von Han Kang übersetzt wurde und auf den Markt kommt; sie ist eine der interessantesten literarischen Stimmen, global gesehen – und sie war und ist die Türöffnerin schlechthin für den Trend zur Literatur aus Asien, der seit einiger Zeit großes Vergnügen für LeserInnen bedeutet.

In “Weiß” erzählt Han Kang von einer Schriftstellerin aus Südkorea, die sich zu winterlicher Zeit in einer namenlosen Stadt in einer kargen Wohnungen eingemietet hat. Dort befallen sie nicht bloß Fremdheit und Migräne, sondern vor allem die Erinnerungen an einer größere Schwester, die nur zwei Stunden gelebt hat, nachdem die Mutter sie allein und weitab von allem ohne Hilfe zu früh gebären musste. Die Erzählerin ist ein Alter Ego von Han Kang, die sich nun an die Erinnerungs- und an die Trauerarbeit macht – immer in Assoziation zum Weißen und zu weißen Dingen, Wesen, Formen. Mit ihrer Erzählerin spürt Han Kang den Spuren und auch den Lücken nach, die dieses kurze, kleine Leben hinterließ, das nur einen Wimpernschlag währte – und eben trotzdem andere Leben prägte. Und sie vergegenwärtigt sich Momente und Stationen eines Lebens der großen Schwester, wie es hätte sein können, die Grenzen zwischen Tod und Leben lösen sich auf, bis zu einem gewissen Punkt, in einem Dazwischen, verschmelzen sie, und für diesen Moment ist der eine Tod, der längst war, gebannt. Ein Wimpernschlag – und zugleich eine Hommage ans Leben.

All das geschieht auf Teils wundersame und gleichzeitig wunderbare Weise mit den Mitteln der Literatur; es ist beeindruckend aus welchen Füllhorn an Möglichkeiten Han Kang schöpft, formal, inhaltlich, sprachlich. Und ist “Weiß” nun ein Roman? Das Buch besteht aus drei Teilen, im ersten geht´s um die Erzählerin, im zweiten um die große Schwester, im dritten um das Loslassenkönnen; ein komprimierter Weg der Trauer, wenn man so will. Han Kang arbeitet mit den verschiedensten meist sehr knapp gehaltenen Textformen – Erinnerungssplitter, Assoziationen, Verse, Reflektionen, Momente. Es gibt keinen Plot, trotzdem erzählt Han Kang eine (Familien-) Geschichte auf mehreren Ebenen, die allerdings zwischen den verschiedenen Bausteinen erst allmählich ihre Form und ihren Verlauf annehmen, nämlich im Hirn des Lesenden. Insofern: Klar ist das ein Roman, warum nicht? Und zwar ein ziemlich raffiniert gedachter und gemachter. So oder so: Erzählkunst vom Allerfeinsten.

Han Kang: Weiß. Aufbau Verlag. Aus dem Koreanischen Ky-hiang Lee. 151 Seiten. ISBN 978-3351037222. Euro 20,–

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