Tag 101: Da waren’s nur noch drei

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Tag 101: Da waren’s nur noch drei

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Dem Beginn des Verhandlungstags ist seine Bedeutung in diesem Prozess nicht anzumerken. Heute wird das Gericht entscheiden, ob das Verfahren gegen sieben Angeklagte nach § 153 eingestellt wird. Weil aber alles seine prozessuale Ordnung haben muss, startet Richter Plein auch heute mit der Feststellung der Anwesenheit.

Ein Nebenkläger appelliert

Anwesend sind heute auch die Nebenkläger Klaus-Peter Mogendorf und seine Frau Stefanie. Der Bauingenieur hat eine lange Erklärung vorbereitet, die er – anfangs noch etwas holprig, später immer flüssiger – verliest. Rund eine halbe Stunde lang führt der Vater des verstorbenen Eike aus, warum das Gericht die Verfahren gegen die sechs Mitarbeiter des Bauamts und einen ehemaligen Mitarbeiter der Lopavent seiner Meinung nach nicht einstellen darf. Zu wenige Zeugen seien gehört worden, die etwas über die Planungen beim Veranstalter oder im Bauamt sagen könnten, zum Beispiel. Zu viel sei ungeklärt.
Und er appelliert am Ende:
„Es gibt noch so viele brennende Fragen, die es lohnt aufzuklären. Bleiben wir im Dialog Schauen wir genauer hin. Fragen wir weiter. Stellen wir uns gemeinsam darauf ein, diesen Prozess nicht einzustellen.“

Der Richter wirkt angefressen

Richter Plein scheint sich dadurch angegriffen zu fühlen, er wirkt etwas angefressen. Den Vorwurf, das Gericht habe selektiv Teilaspekte des vorläufigen Gutachtens herausgepickt, um Argumente für eine Einstellung zu sammeln, hört er nicht zum ersten Mal. Auch nicht den, der Vermerk zum Rechtsgespräch sei so akribisch ausgestaltet, dass er schon sehr lange vorbereitet gewesen sein müsse.
„Das ist was, was Sie erwarten können, dass wir hier nicht einfach irgendwelche Behauptungen aufstellen, sondern das auch belegen. Es gibt gute Gründe dafür, das so zu sehen wie wir das sehen.“

Immer noch hinreichender Tatverdacht

Es sei definitiv nicht so, dass das Gericht die Angeklagten für unschuldig halte und deshalb die Einstellung vorgeschlagen habe. „Es besteht immer noch ein hinreichender Tatverdacht. Es ist nicht richtig zu sagen, wir würden keine Schuldigen sehen. Das Gegenteil ist richtig, wir sehen sehr viele Schuldige.“

Prozess noch nicht zu Ende

Anschließend zieht sich die Kammer zurück, um sich zu beraten. Wir Kollegen sind uns ziemlich sicher, es läuft auf Einstellung hinaus. Und Richter Plein gibt uns recht, als er um Punkt 12 Uhr erklärt:
„Das Verfahren wird gegen die Angeklagten“ – der Richter nennt Namen und Paragraf – „eingestellt. Eine Begründung erfolgt nicht.“

Für Überraschung sorgt das auch im Rest des Saales nicht wirklich. Kein erleichtertes Raunen von den jetzt Ex-Angeklagten, kein entsetztes Stöhnen aus den Reihen der Nebenklage. Ja, erwartet habe man das schon, sagt Klaus-Peter Mogendorf später, enttäuscht sei er trotzdem. Dass die sechs städtischen Mitarbeiter und der ehemalige Kreativdirektor der Lopavent nun als Zeugen im Verfahren gegen die drei übrigen Angeklagten geladen werden und damit ganz neue Erkenntnisse gewonnen werden könnten, ist ihm nur ein geringer Trost.

Über den Autor

Geboren 1969 in Bremen, Mensch- und Journalistenwerdung in Rheinland und Ruhrgebiet und seit 2008 für den WDR als Reporterin in Düsseldorf, Duisburg und Umgebung unterwegs. Das Unglück bei der Loveparade habe ich von Anfang an immer wieder journalistisch begleitet, vom Folgetag an viel Zeit im Tunnel verbracht, Eindrücke gesammelt, Menschen befragt, berichtet. Auch über die politischen Folgen, wie die Abwahl des Oberbürgermeisters Sauerland und das juristische Hickhack im Vorfeld dieses Prozesses.

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