Tag 118: Gemeinsame Aufarbeitung

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Tag 118: Gemeinsame Aufarbeitung

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Es ist der zweite Prozesstag für eine ehemalige Lopavent-Mitarbeiterin. Die 48-Jährige koordinierte die Arbeit auf dem Gelände. Sie war am Auf- und Abbau der Veranstaltung beteiligt. Der erste Teil ihrer Zeugenaussage hat bereits vor 14 Tagen stattgefunden. Deshalb geht es heute darum, was sich nach der Katastrophe ereignete und wer in der Firma Lopavent welche Aufgaben innehatte.

Freunde und Kollegen

Die Zeugin ist mit zwei Angeklagten und weiteren ehemaligen Mitarbeitern, die bereits im Prozess ausgesagt haben, befreundet. Inwiefern sie unbefangen antwortet, wird vom Gericht hinterfragt, lässt sich aber nicht völlig nachvollziehen. Sie stehe zwar in regelmäßigem Kontakt mit ihren ehemaligen Kollegen und sie sprächen seit neun Jahren bei jedem Treffen über die Ereignisse. Es gehe dabei aber nie um Inhalte des Prozesses, sagt sie.
Im Laufe ihrer Aussage widerspricht sie sich in diesem Punkt. Die Zeugin bezieht sich auf Dinge, die ihre Freundin bereits vor Gericht ausgesagt hat. Bei näherem Hinterfragen durch den Richter sollen das aber keine inhaltlich relevanten Dinge sein, wie sie meint.

Die Beziehungen innerhalb der ehemaligen Lopavent-Crew bleiben undurchschaubar für mich. Bekannte, Freunde, Mitarbeiter, Freie Mitarbeiter, Auftraggeber, Auftragnehmer… Mal bezahlt die Firma Mitarbeitern Anwälte. Dann überwirft sie sich mit ihnen. Die Zeugin bleibt in ihren Aussagen aus meiner Sicht vage. Fragezeichen und ein komisches Gefühl machen sich breit. Nicht nur bei mir. Auch unter den Nebenklageanwälten höre ich während der Pausen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin.

Was ist mit der Verantwortung?

Schnell wird deutlich, dass uns die „Site Managerin“ – Koordinatorin auf dem Loveparade Gelände nicht mehr viel zu sagen hat und dass der Erkenntnisgewinn ihrer Aussage für den Prozess wohl erschöpft ist.

Doch dann wird die Zeugin durch den Verteidiger des Produktionsleiters befragt. Er legt diverse E-Mails vor, in denen es um Müllbehälter, die Herrichtung des Geländes, Toilettenanlagen, Einfahrtzeiten für Medien, etc. geht. Immer mit der Frage, ob sein Mandant diese Dinge geregelt habe oder nicht. Im Groben geht es wohl darum zu belegen, wofür der Angeklagte nicht zuständig war. Darum, dass er eine Reihe von Aufgaben delegiert haben muss und diese von anderenentschieden und umgesetzt worden sein müssen.

Es ist eine zähe Befragung. Das Licht im Prozesssaal wird gedimmt, verschiedene E-Mails, wie die über Dixi-Klo-Bestellungen, werden an die Wand projiziert und verlesen. Und ich frage mich: War der Angeklagte an der Planung der Toiletten beteiligt und was hat das mit 21 Toten zu tun?
Auch wenn es banal oder unverhältnismäßig auf mich wirkt, ist dies Gegenstand der Verhandlung. Es geht darum, zu klären, wer welche Aufgaben hatte, Entscheidungen getroffen und damit auch welchen Einfluss auf das Geschehen ausgeübt hat.
In jeder Firma werden tagtäglich Aufgaben delegiert. Doch was ist mit Verantwortung? Lässt die sich auch in Scheiben schneiden und verteilen? Und sind dann am Ende alle ein bisschen Schuld und keiner so ganz? Für mich hat das Gericht diese Frage bereits nach dem Rechtsgespräch vom 16.1.2019 mit „ja“ beantwortet. Und auch hier schwebt dieses Thema wie eine dunkle Wolke über der Befragung.

Keine Abweichungen

Die Zeugin meint jedenfalls, die Ursache für die Katastrophe zu kennen. Wie alle Lopavent Mitarbeiter, die sich zu diesem Thema bisher geäußert haben, ist sie der Meinung, die Polizeiketten seien ursächlich für das Unglück.

Ich habe bisher keinen Lopavent Mitarbeiter gehört, der etwas anderes behauptet hätte. Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass bei mir der Eindruck entstanden ist, dass es beim Veranstalter eine enge und gemeinsame „Aufarbeitung“ der Katastrophe gegeben haben muss.

Über den Autor

in Duisburg geboren. Nach einem Volontariat bei einem TV-Sender ging es weiter als freie Videojournalistin für verschiedene TV Sender und internationale Online-Plattformen. Seit 2016 im WDR Studio Duisburg zuhause.

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