Tag 122: Eine blöde Situation

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Tag 122: Eine blöde Situation

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Richter Mario Plein ermahnt den Zeugen zur Wahrheit. Er wisse, das sei „eine blöde Situation“, sagt Plein, aber er müsse im Zeugenstand die Wahrheit sagen, sonst könne er „schwer bestraft“ werden. Die Befragung ist nach rund fünf Stunden des zweiten Tages an einem entscheidenden Punkt angelangt: Was weiß der frühere Loveparade-Mitarbeiter über die konkrete Rolle der verbliebenen drei Angeklagten (allesamt ebenfalls Lopavent-Leute) bei der tödlichen Katastrophe am 24. Juli 2010? Glaubt man dem Zeugen, nicht viel.
Nach 14 Monaten Prozess war das Verfahren gegen den 47-Jährigen unlängst eingestellt worden – genauso wie gegen sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg. „Die Verfahrenseinstellung ist nicht mit einer Feststellung von individueller Schuld verbunden“, teilte das Gericht dazu mit.

„Schwer nachvollziehbar“

Begleitet wird der Ex-Angeklagte, den Loveparade-Chef Rainer Schaller als seinen „Head of Organisation“ bezeichnete, von der Anwältin, die ihn auch verteidigte. Er ist dunkel gekleidet. Beim Sprechen hält er meist einen Kugelschreiber in der Hand.
Zu den Orten des Gedränges (Tunnel und Rampe, also jene Zone, in der 21 Menschen starben) sagt er wenig Erhellendes – trotz Mahnung des Richters. Das sei nicht „sein Thema“ gewesen, sagt der Marketing-Experte. Auch zu seiner Zeit als Angeklagter habe er mit den drei anderen Lopavent-Angeklagten nicht über deren Wissen zu „neuralgischen“ (Plein) Punkten wie etwa dem Rampenkopf gesprochen. „Schwer nachvollziehbar“, sagt der Richter.
Auch heute hat der Zeuge nach eigenen Angaben mit einem Angeklagten beruflich zu tun – man sei auch befreundet. Mit einem anderen Angeklagten habe er vor Jahren ein Experten-Gutachten intensiv besprochen. Das neue Gutachten habe er nicht mit ihm beredet, betont er. Mit dem dritten Angeklagten habe es nur Smalltalk gegeben.

Diese „schäbige Stadt“

Ausführlicher schildert der Zeuge seine Aufgaben in der Planungsphase der Loveparade. Die Aussagen sind aufschlussreich, weil sie die von PR-Sprech geprägte Zeit der Technoparade im Ruhrgebiet veranschaulichen. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 sollte Duisburg unbedingt zeigen, dass das Revier eine „Metropolregion“ ist. Darum sollte die Parade unbedingt nach Duisburg, in diese „schäbige Stadt“, wie es in einer vor Gericht verlesenen Mail eines Angeklagten aus dem März 2010 heißt.
Für das Veranstaltungskonzept habe er nur den „Überbau“ beigesteuert, sagt der Zeuge. Für die Sicherheit seien andere zuständig gewesen. Bei einer Führung über das Gelände vor der Veranstaltung habe er einer größeren Gruppe Tunnel und Rampe nicht einmal gezeigt. Das sei ja kein „attraction point“ gewesen, sagt er.

Über den Autor

Jahrgang 1974. Geboren im westlichen Münsterland. Ich berichte seit 2002 über Politik und News aus Nordrhein-Westfalen. Bis 2007 für die taz, danach knapp fünf Jahre als Korrespondent der Nachrichtenagentur ddp/dapd. Seit 2012 arbeite ich für den WDR.

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