Tag 127: „Ich fühle mich verarscht von Ihnen“

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Tag 127: „Ich fühle mich verarscht von Ihnen“

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„Ich möchte Sie bitten, die Sache äußerst ernst zu nehmen.“ Nach nur 20 Minuten sieht sich der Vorsitzende Richter erstmals veranlasst, den Zeugen zu rügen. „Ein pauschales ‚Ich kann mich daran nicht erinnern und dann sind wir fertig‘, das gibt’s hier nicht.“

In der Tat antwortet der Mann im roten Hemd bemerkenswert einsilbig. Er spricht in kurzen Sätzen, die er oft gar nicht zu Ende bringt. Rekordverdächtig häufig sagt er den Satz, den Zeugen in diesem Prozess so oft aussprechen: „Kann ich mich nicht dran erinnern.“ Das ist sein gutes Recht, Vermutungen kann das Gericht schließlich nicht gebrauchen. Nur: Der heute 50-jährige Busfahrer scheint sich nicht einmal um Erinnerungen zu bemühen. Er blockt ab.

Als Funker in der Sicherheitszentrale

Am Tag der Loveparade 2010 saß er im Auftrag der Veranstalterfirma als Funker in der Sicherheitszentrale. Seine Qualifikation für den Job: Eine Bundeswehr-Ausbildung zum Fernmelder sowie mehrere Jahre Erfahrung im Veranstaltungsbereich. Die Anfrage für die Loveparade in Duisburg habe ihn über einen der angeklagten Lopavent-Mitarbeiter erreicht, sagt der Zeuge. „Wir kennen uns schon eine ganze Weile.“

Seine Version der Loveparade-Mitarbeit ist kurz erzählt: Am Tag vor der Veranstaltung habe es eine Geländebegehung gegeben. Mehr nicht. Konkrete Einweisungen in seine Aufgaben habe er nicht bekommen. Er habe auf Bildschirmen das Gelände beobachten und den Funk bedienen müssen. Sein Blick auf den Monitor sei „so allgemein“ gewesen. Was genau er beobachten sollte, kann er nicht erklären.

Keine Antworten

Nicht nur der Vorsitzende Richter scheint am Ende seiner Befragung ernüchtert über den Auftritt des Zeugen. Der Oberstaatsanwalt beteuert scheinbar resigniert, „keine Fragen mehr“ zu haben. Ein Nebenklägeranwalt versucht schließlich, dem Zeugen mit Videoaufnahmen auf die Sprünge zu helfen. Vergebens. Der Zeuge lehnt sich inzwischen mit verschränkten Armen zurück: „Was nicht mehr da ist, ist nicht mehr da. Es war nicht gestern.“

Die Nebenklägeranwälte werden deutlich: „Ich fühle mich verarscht von Ihnen“, sagt einer. Es wird laut im Gerichtssaal. „Ich gehe davon aus, dass Sie ganz viel von dem, was sie wissen, zurückhalten“, ergänzt ein anderer Anwalt. Morgen muss der Zeuge wiederkommen.

 

Über den Autor

Geboren 1985 in Rees am Niederrhein. Studium in Bochum (Germanistik und Geschichte). Seit 2012 als Journalist in Duisburg. Onliner bei der WDR Lokalzeit aus Duisburg sowie Radiomacher (u.a. WDR5 und Deutschlandfunk Nova).

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