Tag 172: Viel Verdrängung und eine Idee aus der Mottenkiste

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Tag 172: Viel Verdrängung und eine Idee aus der Mottenkiste

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Am heutigen Prozesstag haben zwei Männer ausgesagt, die sich kaum an den Tag der Loveparade-Katastrophe erinnern können. Den ersten haben wir bereits gestern kennengelernt. Er war, wie er sagte, die rechte Hand des Crowd Managers. Heute hat er nur noch einige Fragen der Nebenkläger und Verteidiger beantwortet.

Abschließen, sonst “nervlich total am Ende”

Der zweite Zeuge des Tages führte am 24.7.2010 das Ordnerteam an, das an den Einlassschleusen am Eingang West an der Karl-Lehr Straße eingesetzt war. Gleich zu Beginn macht der 52-Jährige klar, dass er sich an nichts mehr erinnere: “Wenn man damit nicht abschließt, dann macht man sich nervlich total am Ende”, sagt der Duisburger in einer typischen Ruhrpott-Art. Mit seiner Ausdrucksform und dem graublauen MSV-Duisburg-Sweatshirt, das der Zeuge offenbar für das geeignete Kleidungsstück für eine Gerichtsverhandlung hält, verbreitet er für mich den Charme meiner Heimatstadt.

Verarbeitet oder verdrängt?

Man könne ja mit einer Sache abschließen, das hieße aber nicht, dass man sich an nichts mehr erinnern könne, ermahnt der Richter den Zeugen. Doch viele Informationen sind nicht aus dem Sicherheitsmann herauszubekommen. Er habe sich Vorwürfe gemacht, dass er Schuld an der Katastrophe gehabt haben könnte. Drei Wochen habe er damit verbracht. Doch er sei überzeugt, dass er und seine Kollegen nichts falsch gemacht hätten. Seinen Job hat er deshalb nicht an den Nagel gehängt. Heute sei er jedes Wochenende auf einer anderen Veranstaltung als Security-Mann unterwegs. Man dürfe nicht alles, was passiert, an sich herankommen lassen. “Dann würde ich zur Rheinbrücke fahren und mich herunterstürzen”, sagt er.

Beweise und Videos

Die Befragung des Zeugen wird trotzdem fortgesetzt. Ihm werden Dokumente und Videos vorgelegt. Aus den Einsatzplänen seiner Mitarbeiter geht beispielsweise hervor, dass nur zehn Personen für die Einlassschleusen an der Karl-Lehr-Straße geplant waren.

Die Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen wie die Zäune geöffnet und viele Hundert Menschen zu einem kritischen Zeitpunkt unkontrolliert in den Tunnel gelassen wurden. Der Zeuge kann mit den Videoaufnahmen nichts anfangen. An einem Punkt sagt Richter Mario Plein: “Dann haben Sie wohl tatsächlich den Schalter gefunden, um alles zu vergessen.” Und beendet den Tag mit: “Mir reicht’s für heute.” Morgen geht die Befragung des Zeugen weiter.

Aus der Mottenkiste

In der Pause unterhalte ich mich mit einem Kollegen über die Initiative “Rave the Planet”, die von einer neuen Loveparade in Berlin träumt und die Clubkultur zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären möchte. Mit der Aufforderung “Werdet fundraver” soll Geld zusammenkommen, um das Vorhaben zu realisieren. Geht es wohl nach “Rave the Planet”, dann verstehe ich das so, dass die Loveparade nie das schöne Berlin hätte verlassen und ins schäbige Ruhrgebiet kommen sollen. Außerdem sei die Loveparade auch erst durch Rainer Schaller kommerzialisiert worden und nicht durch diejenigen, die die Marke an ihn verkauft haben.

Ich habe eine klare Meinung dazu. Wer behauptet, dass er für den Weltfrieden auf die Straße gehen möchte, hat dazu jeden Freitag Gelegenheit. Das Ding heißt Fridays for Future und funktioniert klimaneutral, was ich von der Loveparade nicht unbedingt behaupten würde. Aus diesen und vielen weiteren Gründen, deren Aufzählung den Rahmen des Blogs sprengen würden, gehört eine Neuauflage wie “Rave the Planet” meiner Meinung nach dorthin, wo sie herkommt: in die Mottenkiste. Peace.

Über den Autor

1979 in Duisburg geboren. Nach einem Volontariat bei einem TV-Sender ging es weiter als freie Videojournalistin für verschiedene TV Sender und internationale Online-Plattformen. Seit 2016 im WDR Studio Duisburg zuhause.

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