Tag 26: Ein Gefallen in einer politischen Gemengelage?

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Tag 26: Ein Gefallen in einer politischen Gemengelage?

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Nach den ersten Minuten im Prozess ist die vorerst wichtigste Erkenntnis: Wir sind in einer neuen Phase angekommen. Denn es geht seit diesem 26. Prozesstag um die Planung und Genehmigung der Loveparade 2010 und die Frage, ob dabei möglicherweise Fehler gemacht wurden. Im Zeugenstand sitzt heute ein Mitarbeiter des Immobilienunternehmens Aurelis, dem damals das alte Güterbahnhofsgelände gehörte. Es wird ein langer Tag mit sehr vielen Details.

Eine Zeitreise

Pläne für den alten Güterbahnhof gab es schon damals. Der Zeuge berichtet zum Beispiel vom Shopping-Center „Multi Casa“. Das war ungefähr 2005. Ich hätte nicht gedacht, dass wir im Prozess so weit in der Zeit zurückspringen würden. Später wurde das Gelände „Duisburger Freiheit“ getauft. Allerdings sollten all diese Pläne scheitern. Man sei deswegen „verärgert“ über die Stadt Duisburg gewesen. 2008 soll es dann den ersten Kontakt in Bezug auf die Loveparade gegeben haben. Der damalige Geschäftsführer der Duisburg Marketing Gesellschaft habe gefragt, ob man sich vorstellen könne eine Loveparade auf dem Gelände durchzuführen. „Ich wusste damals nicht, was das für eine Veranstaltung war“, sagt der Zeuge.

Planungen werden konkreter

Im Jahr 2010 steht dann das Flächenherrichtungskonzept. „Damit hatten wir die Grundlagen, mit der wir das Gelände für die Loveparade herrichten konnten“, so der Mitarbeiter der Immobilienfirma. Das Unternehmen rodet, ebnet die riesige Fläche, reißt alte Mauern und Gebäude ein. Größtenteils seien es Arbeiten gewesen, die sowieso gemacht werden mussten. Für 133.000 Euro wird allerdings auch die Verfestigung der Float-Strecke für den Veranstalter übernommen. Der Zeuge nennt es „Sponsoring“. Darüber hinaus bekommt Lopavent die „uneingeschränkten und exklusiven Durchführungsrechte“. Das Gelände nutzt der Veranstalter kostenlos.

Politische Einflussnahme?

Zwischen all den Details fragt das Gericht immer wieder nach. „Gab es Druck von der Politik?“, will der vorsitzende Richter Plein wissen. Keine unberechtigte Frage, denke ich. Immerhin war das Ruhrgebiet im Jahr 2010 Kulturhauptstadt Europas und die Loveparade sollte ein wichtiger Teil davon werden. Der Zeuge antwortet, dass der damalige Ordnungsdezernent der Stadt Duisburg in Gesprächen betont habe, dass auch Ministerpräsident Rüttgers die Loveparade will. Von Druck auf die Beteiligten will er aber nicht sprechen.

Die Zahl des Tages

Am Ende hakt auch die Staatsanwaltschaft noch mal nach. Sie will wissen, für wie viel das Gelände verkauft wurde. Der Zeuge hat mit dieser Frage scheinbar nicht gerechnet. Er windet sich und fragt den vorsitzenden Richter: “Muss ich die Frage beantworten?“. Dieser fragt trocken zurück: „Warum nicht?“. Der Zeuge spricht die Summe so schnell aus, dass man sie kaum versteht: „17,7 Millionen Euro“ – so viel bezahlte Investor Kurt Krieger für das Gelände. Der Kaufvertrag kam am 11.05.2010 zu Stande.

„17,7 Millionen“ – Getuschel im Saal. Der Verkaufspreis war bis jetzt nicht öffentlich bekannt. Aber warum wollte die Staatsanwaltschaft ausgerechnet den Verkaufspreis wissen? Hat er doch eigentlich nichts mit dem Fall zu tun. Ich fasse für mich also noch mal zusammen. Die Politik wollte die Loveparade, die Stadt Duisburg wollte sie, die Kulturhauptstadt-Macher von RUHR.2010 wollten sie. Und während ein Unternehmen Millionen für den alten Güterbahnhof bezahlt, bekommt der Veranstalter das Gelände für die Loveparade mietfrei. Dachte die Staatsanwaltschaft da vielleicht an einen Gefallen in einer politischen Gemengelage?

 

Über den Autor

1982 im Ruhrgebiet geboren. Nach dem Volontariat ging es für knapp drei Jahre nach Berlin. Dort unter anderem Nachrichtenredakteur beim rbb. Seit 2017 wieder zu Hause im Ruhrgebiet, beim WDR.

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