Tag 31: Lopavent-Chef Schaller im Zeugenstand

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Tag 31: Lopavent-Chef Schaller im Zeugenstand

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Dieser Tag ist anders. Auf dem Weg zum Gerichtssaal erfahre ich, dass Rainer Schaller sich schon geäußert hat –  vor der Kamera. Ich bin überrascht. Adolf Sauerland, dessen Aussage ich mit der gleichen Spannung erwartet habe, wollte außerhalb des Gerichts keinen Kommentar abgeben. Schaller so höre ich, sei froh, dass der Prozess endlich begonnen hat. Werden wir heute endlich mehr erfahren?

Bescheiden und bestimmt

Rainer Schaller trägt einen schwarzen Anzug. Er ist braungebrannt und auf seinem glattrasierten Kopf spiegeln sich die Deckenlichter. Die Reflektion wirkt fast wie ein Heiligenschein. Schaller sitzt betont aufrecht. Die Hände legt er übereinander, stützt sich mit den Unterarmen auf dem Tisch ab. Die Körperhaltung wird er den gesamten Prozesstag über beibehalten. Auch seine Stimme ist gleichbleibend ruhig und sicher.

Schaller ist vorbereitet

Zwei Wassergläser stehen neben dem Mikrofon. Ich erinnere mich an den Hustenanfall, den Adolf Sauerland während seiner Aussage bekam. Ein Justizbeamter musste rausgehen und ihm ein Glas Wasser bringen. Schaller ist abgesichert, doppelt – mit zwei Wassergläsern.

Die Selbstdarstellung

Es beginnt ein souveräner Auftritt des Kaufmanns aus Berlin vor Gericht. So stellt sich der Inhaber einer großen Fitnesskette vor. Demütig bittet er um die Erlaubnis das Wort an die Angehörigen der Opfer und Verletzen richten zu dürfen. “Ich habe mir etwas aufgeschrieben, weil ich so aufgeregt bin”, sagt er. Seine Art wirkt befremdlich auf mich. Er möchte aufstehen und sich zu den Nebenklägern umdrehen. Der Richter weist auf die Kameras und Projektionen hin und Schaller bleibt sitzen. Er wolle den Betroffenen sein herzliches Beileid aussprechen, sich aufrichtig entschuldigen. “Alles Leid, was Sie in Duisburg erleben mussten, ist auf meiner Veranstaltung passiert. Ich übernehme dafür die moralische Verantwortung.” Schaller wolle alles tun, um das Unglück aufzuklären.

Ein vielversprechender Einstieg. Was folgt, ist ein Vortrag Schallers darüber, wie er damals die Rechte an der Loveparade erworben und sie gerettet habe. Darüber, was die Loveparade überhaupt war und wie sie finanziert wurde. Seine Ausführungen wirken eloquent und frei vorgetragen, sodass sie bei mir weniger wie eine Zeugenaussage und mehr wie die Erfolgsgeschichte eines Unternehmers ankommen.

Die Schuldfrage

Am Nachmittag sind beide Wassergläser zum wiederholten Mal leergetrunken und auch Schallers Erinnerungen weisen jetzt immer häufiger Lücken auf. An konkreten Entscheidungen will er nicht beteiligt gewesen sein. Die Verantwortung gibt er weiter an seine ehemaligen Mitarbeiter, die auf der Anklagebank sitzen. Nach dem Unglück habe er wochenlang gemeinsam mit seinen Team die Videoaufzeichnungen studiert. Eine Schuld bei sich und seinen Leuten habe er bis heute nicht entdeckt. Nach fast sechs Stunden wird Rainer Schaller entlassen. Seine Befragung wird morgen fortgeführt.

Schaller geht, Gericht macht weiter

Das Gericht beschäftigt sich anschließend noch mit einem Antrag der Verteidigung. Es geht um die Zulassung einer Nebenklage, deren Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen wird.

Über den Autor

1979 in Duisburg geboren. Nach einem Volontariat bei einem TV-Sender ging es weiter als freie Videojournalistin für verschiedene TV Sender und internationale Online-Plattformen. Seit 2016 im WDR Studio Duisburg zuhause.

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