Tag 38: „Kreative Lösungen“

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Tag 38: „Kreative Lösungen“

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Wann kommen die „Hardcore-Fans“, wann die Schaulustigen? Mit welchen Verkehrsmitteln? Und wer wird wie lange bleiben? Wüsste ich nicht um die 21 Toten und hunderten Verletzten – ich fände es bemerkenswert, wie detailliert der Veranstalter An- und Abreisewellen im Vorfeld kalkuliert hat. 

Entsprechende Tabellen lässt der Vorsitzende Richter am Vormittag auf die Leinwand projizieren. Der Zeuge – auch heute ist das wieder der damalige Anwalt der Firma Lopavent – soll dazu Stellung nehmen. Er scheint, wie er auch später mehrfach betont, von theoretischen Zahlen wenig zu halten: „Eine Veranstaltung findet am Tag statt und nicht auf dem Papier.“

Das „Papier“ fördert heute Bemerkenswertes zutage. In einem Gesprächsprotokoll von Stadt und Veranstalter heißt es etwa, „dass es in Duisburg ein Büro gebe, welches veranstalterfreundliche Gutachten erstelle.“ Der Zeuge kommentiert: „So ganz unvoreingenommen ist niemand.“ Das sei bei Gutachtern ja kein Geheimnis. Im Saal lacht jemand laut. 

„Gutachterwahnsinn“

Die grundsätzliche Haltung des Veranstalters und dessen Anwalts wird auch im Mailverkehr deutlich. Betreffszeilen wie „Gutachterwahnsinn“ sprechen Bände. Der Zeuge erinnert sich, die Gutachterproblematik sei auch eine Kostenproblematik gewesen. Er merkt an: „Das Bauamt hat sich im Guten wie im Schlechten auf seinen Verantwortungsbereich beschränkt.“

Bei Detailfragen mangelt es dem Zeugen acht Jahre nach dem Unglück oft an konkreten Erinnerungen. Im August 2010 habe er sein Lopavent-Mandat beendet und „mit der Loveparade abgeschlossen.“ Die Festplatten haben aber nichts vergessen. Chronologisch arbeitet sich das Gericht durch die Beweisstücke.

„Kreative Lösungen“

Am 14.06.2010 fordert die Stadt Unterlagen zur Baugenehmigung vom Veranstalter nach. Der Zeuge vermutet heute, damals „bestimmt etwas sauer“ gewesen zu sein. Das Gericht hilft ihm auf die Sprünge. In einer Mail an Lopavent-Mitarbeiter nennt der Zeuge den Punkt Entfluchtung einen „Killer“. Hier müsse eine „kreative Lösung“ her. „Diese Voraussetzungen können wir ‚in echt‘ nicht erfüllen.“ Der Ton gegenüber städtischen Angestellten wird rauer. 

Ein Treffen im Duisburger Rathaus am 15.07.2010 bezeichnet der Zeuge als „Punkt of no return“. Seine Sicht: Danach sei es nicht mehr möglich gewesen, die Veranstaltung abzusagen. Das Protokoll belegt: Bei dem Treffen haben weder Veranstalter, noch Stadt oder Polizei Sicherheitsbedenken geäußert.

Als drei Tage vor der Veranstaltung – am 21.07.2010 – trotzdem noch immer keine Genehmigung vom Bauamt vorliegt, mailt der Zeuge einen „Plan B“ an zwei Lopavent-Mitarbeiter. Seine Idee: Den Druck auf den Baudezernenten erhöhen und im Notfall auch OB Sauerland zu einer Unterschrift bewegen. Ob der Zeuge selbst in Gesprächen Druck ausgeübt habe, will der Richter wissen. Antwort: „Kontroverse anwaltliche Diskussionen beinhalten immer Druck.“

Der Lopavent-Anwalt ist möglicherweise der bisher wichtigste Zeuge im Prozess. Er hat die Veranstalterfirma offenbar nicht nur einfach beraten. Es scheint, als sei er – ganz im Sinne des Veranstalters – selbst einer der Motoren gewesen.

Über den Autor

Geboren 1985 in Rees am Niederrhein. Studium in Bochum (Germanistik und Geschichte). Seit 2012 als Journalist in Duisburg. Onliner bei der WDR Lokalzeit aus Duisburg sowie Radiomacher (u.a. WDR5 und Deutschlandfunk Nova).

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