Tag 57: Die medialen Zahlen

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Tag 57: Die medialen Zahlen

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Gestern Nachmittag hat sich das Gericht um kurz nach vier vertagt, weil einer der Schöffen wegen Knieproblemen nicht mehr sitzen konnte. Es waren auch alle ziemlich erschöpft, wir Pressevertreter eingeschlossen. Deshalb wird der Duisburger Feuerwehrchef erst heute von Nebenklage und Verteidigung befragt. Wesentliche neue Erkenntnisse gewinne ich dadurch nicht. Nur die Aussage, dass der Feuerwehrmann zwar fälschlicherweise aber dafür felsenfest davon überzeugt ist, die zentrale Rampe sei nie als Ausgang geplant worden, irritiert etwas.

Tatsächliche Zahlen, keine „medialen“

Was mich viel mehr irritiert ist die Tatsache, mit welcher Selbstverständlichkeit offenbar alle an den Planungen Beteiligten die Hochstapelei der Firma Lopavent hingenommen und gedeckt haben. Das wird mir wieder bewusst, als der Zeuge immer wieder gefragt wird, für welche Kapazitäten denn die Eingangsanlagen geplant worden seien und immer wieder davon spricht, man habe mit den tatsächlichen Zahlen geplant – keinesfalls mit den „medialen“.

Maßlose Übertreibung

Die medialen Zahlen. Zum ersten Mal habe ich diesen Begriff bei der Vernehmung des Zeugen Schaller, also des Chefs der Firma Lopavent, gehört. Der erklärte frei heraus, es sei üblich, bei den Besucherzahlen zu übertreiben, um Veranstaltungen wichtiger erscheinen zu lassen. Nach diesen medialen Zahlen jedenfalls wurden angeblich bei der Loveparade in Duisburg 1,2 Millionen Menschen erwartet. Geplant wurde mit maximal 300.000 – das nenne ich mal etwas mehr als eine leichte Übertreibung. Als die echten Zahlen ans Licht kamen, waren wir unter den Kollegen allerdings zunächst mal erleichtert: Gott sei Dank waren es deutlich weniger Besucher! Denn wer weiß, was passiert wäre, wenn tatsächlich vier Mal so viele Raver nach Duisburg geströmt wären.

Dreiste Lüge

Aber: Wir und damit auch die Öffentlichkeit wurden dreist belogen, als mit großem Tamtam die Pläne für die Loveparade in Duisburg vorgestellt wurden. Dass der Veranstalter mit seinen Schätzungen übertreibt – gut, das ist nicht schön, aber erwartbar. Dass aber eine ganze Stadt quer durch alle beteiligten Behörden aktiv lügt oder aber zu der Lüge schweigt, das empfinde ich als skandalös. Und es wirft überdies die Frage auf, ob die Verantwortlichen vielleicht doch zu dem Ergebnis gekommen wären, die Loveparade sei als Event verzichtbar für Duisburg gewesen. Wenn sie denn mal in Ruhe darüber nachgedacht hätten, wie wichtig sie denn tatsächlich in der öffentlichen Wahrnehmung war – also mal rein von den Besucherzahlen her betrachtet.

Über den Autor

Geboren 1969 in Bremen, Mensch- und Journalistenwerdung in Rheinland und Ruhrgebiet und seit 2008 für den WDR als Reporterin in Düsseldorf, Duisburg und Umgebung unterwegs. Das Unglück bei der Loveparade habe ich von Anfang an immer wieder journalistisch begleitet, vom Folgetag an viel Zeit im Tunnel verbracht, Eindrücke gesammelt, Menschen befragt, berichtet. Auch über die politischen Folgen, wie die Abwahl des Oberbürgermeisters Sauerland und das juristische Hickhack im Vorfeld dieses Prozesses.

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