Tag 62: Mangelhafte Entfluchtungsanalyse

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Tag 62: Mangelhafte Entfluchtungsanalyse

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Im Zeugenstand sitzt heute der damalige Geschäftsführer einer Duisburger Verkehrsforschungsfirma. Es ist der Mann, dessen Büro im Rathaus offenbar für „veranstalterfreundliche Gutachten“  bekannt war. Der Vorsitzende Richter konfrontiert den Zeugen mit einem entsprechenden Zitat des ehemaligen Ordnungsdezernenten. Der Zeuge selbst versteht darunter, termingerecht gearbeitet und Veranstalter unterstützt zu haben. Ein feiner Unterschied.

In einem Zeitungsinterview soll der heute 43-Jährige eine Loveparade in Duisburg schon weit im Vorfeld als „prinzipiell möglich“ bezeichnet haben. Diese Aussage habe keinen wissenschaftlichen Anspruch gehabt, antwortet der Forscher heute. „Das ist allenfalls eine grobe, schnelle Abschätzung, ob das realistisch sein kann“. Straßen und Bahnhof hätten grundsätzlich genügend Kapazitäten, erklärt er. Wo die Veranstaltung stattfinden würde, habe er da noch nicht gewusst. Ein Zeitungsinterview habe er aber auch als Marketing für seine Firma verstanden.

Lopavent gibt Entfluchtungsanalyse in Auftrag

Die Veranstalterfirma Lopavent hat den Verkehrsforscher schließlich kurz vor der Loveparade damit beauftragt, eine Entfluchtungsanalyse zu erstellen. Zwei Wochen hatte er dafür Zeit. Der Tunnel sei bei entsprechender Besucherführung „unkritisch“, heißt es in der Analyse unter Anderem. Der Zeuge gesteht: „Das ist widersprüchlich, insgesamt, und der Absatz ist nicht gut formliert.“

Damals sei er davon ausgegangen, dass über die breite Rampe nur der Einlass stattfinde. Wie er darauf kam, will später ein Nebenkläger-Anwalt wissen: „Ich hielt das für offensichtlich“, sagt er, „und dann habe ich da nicht weiter drüber nachgedacht.“ Oft scheint es, als sei das Gutachten auf einer hauchdünnen Datengrundlage entstanden. Der genaue Prüfauftrag bleibt schwammig. Wissenschaftliches Arbeiten geht meiner Meinung nach anders.

Je mehr der Vorsitzende Richter und später auch Staatsanwaltschaft, Nebenkläger und Verteidiger nachfragen, desto stärker offenbaren sich auch mir Mängel im Gutachten. Es basiert auf Ungenauigkeiten, falschen Annahmen und widerspricht sich in Teilen selber. Der Zeuge erklärt, die Besucherströme auf einer Veranstaltung ließen sich nicht wie nicht wie ein Motor vermessen. „Mir scheint, als wäre der Herr kein unbefangener Sachverständiger“, ruft jemand in den Raum.

Erinnerungslücken

An mehrere wichtige Vorab-Treffen in Duisburg – etwa im Hoist-Hochhaus oder im Rathaus – kann der Zeuge sich nach eigenen Angaben nicht mehr erinnern, auch wenn ihn alle Seiten mit Nachdruck befragen. Er versucht, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen: „War die Feuerwehr in Uniform anwesend?“ Gelächter im Saal, ob dieses Ausdrucks mutmaßlicher Ahnungslosigkeit. Das macht den Zeugen natürlich nicht sicherer. Irgendwie fühle ich auch mit ihm.

Über den Autor

Geboren 1985 in Rees am Niederrhein. Studium in Bochum (Germanistik und Geschichte). Seit 2012 als Journalist in Duisburg. Onliner bei der WDR Lokalzeit aus Duisburg sowie Radiomacher (u.a. WDR5 und Deutschlandfunk Nova).

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