Tag 71: (Nicht) im Tunnel

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Tag 71: (Nicht) im Tunnel

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Ein Zeuge tritt auf, von dem alle Prozessbeteiligten eigentlich reichlich Fachwissen erwarten könnten: promoviert, Brandschutzexperte, Sicherheitsingenieur. Für die Loveparade 2010 in Duisburg erstellte der Fachmann das Brandschutzkonzept. Der Zeuge kann auch ausführlich erzählen über spannenden Fragen wie die Entfluchtung von Besuchermassen bei Großveranstaltungen – aber eher allgemein und theoretisch.

Denn schnell betont der 64-Jährige, dass er nicht für die Zugangszone mit Tunnel und Rampe zuständig gewesen sei – also für jenes Areal, wo die Massenpanik geschah. Er habe sein Konzept vielmehr für das eigentliche Partygelände, wo die Technowagen fuhren, erstellt, sagt der Mann mit den weißgrauen Haaren.

„Heiße“ Vorbereitungssitzung

„Im Tunnel waren wir auf keinen Fall“, sagt er etwa bei seiner Befragung, als es um einen Rundgang über das Loveparade-Gelände kurz vor der Veranstaltung am 24. Juli 2010 geht. Auf die Nachfrage des Vorsitzenden Richters Mario Plein, wie er denn dann zu dem Techno-Gelände gelangt sei, muss der Zeuge einräumen: „Selbstverständlich sind wir durch den Tunnel gegangen.“ Über diesen Widerspruch scheint der Zeuge selbst etwas amüsiert zu sein. Auch im Gerichtssaal wird leise gekichert.

Der Zeuge berichtet über eine Vorbesprechung mit Vertretern der Stadt Duisburg, Feuerwehr und Veranstalter am 15. Juli 2010. Dabei sei es „heiß her“ gegangen. Doch wenn offene Fragen zum Zugang über Tunnel und Rampe aufkamen, sei gesagt worden, dafür sei eine andere Arbeitsgruppe zuständig. Bei Nachfragen der Staatsanwaltschaft sagt der Zeuge mehrfach, er könne sich nicht erinnern. Oder: „Das war nicht meine Aufgabe.“

Über die Zeit nach der Katastrophe mit 21 Toten und über 650 Verletzten berichtet der Zeuge, er sei in einem Pressebericht in „unverschämter Art angemacht“ worden. Eine Rechnung für das von ihm erstellte Brandschutzkonzept habe er im übrigen nach dem Unglück nicht geschrieben.

Die Befragung des Ingenieurs ist damit beendet. Morgen wird ein Polizist vernommen.

Über den Autor

Jahrgang 1974. Geboren im westlichen Münsterland. Ich berichte seit 2002 über Politik und News aus Nordrhein-Westfalen. Bis 2007 für die taz, danach knapp fünf Jahre als Korrespondent der Nachrichtenagentur ddp/dapd. Seit 2012 arbeite ich für den WDR.

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