Tag 80: “Die gehen die Rampe hoch und bleiben stehen”

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Tag 80: “Die gehen die Rampe hoch und bleiben stehen”

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Wenn es einen Angestellten gibt, in dessen Haut ich bei der Loveparade Katastrophe am wenigsten hätte stecken wollen, dann ist es der Crowd Manager. Am dritten und letzten Tag seiner Zeugenaussage, fasst der Psychologe nochmal zusammen, was seine Aufgaben waren. Hier sind einige seiner zentralen Zuständigkeiten:

  • Für die Sicherheit im Eingangsbereich sorgen
  • Den Tunnel freihalten
  • Die Ordner in ihre Aufgaben einweisen
  • Direkt mit der Polizei im Tunnel und im Rampenbereich zusammenarbeiten

Diese Aufgabenliste ist aus meiner Sicht gleichzeitig eine Aufzählung des Scheiterns. Denn wie ich im Laufe dieses Verfahrens verstanden habe, hat keiner der oben genannten Punkte einwandfrei funktioniert. Und das hat wohl verschiedene Gründe. Der Zeuge selbst drückt es so aus:

“Die Loveparade ist ein multikausales Versagen an verschiedenen Stellen.“

Ein toller Titel für eine wissenschaftliche Abhandlung oder intellektuelles Kauderwelsch, das ich so übersetzen würde: “Alle waren ein bisschen schuld, aber keiner so wirklich.“

Neben seinen Aufgaben lässt mich aber insbesondere der Aufenthaltsort des 48-jährigen während der Katastrophe erschaudern. Denn der Crowd Manager war im weißen Container im Tunnel stationiert und koordinierte von dort aus die Arbeit der Ordner.

Als sich die Menschenmassen nicht mehr unter Kontrolle bringen ließen, versuchte er gemeinsam mit dem Verbindungsbeamten Hilfesuchende zu retten, indem er ihnen über den Zaun half, der sich am Container befand. Doch hinter diesem Zaun waren auch sie gefangen. Die Menschen, die in Wellenbewegungen von der anderen Seite gegen den Zaun gedrückt wurden, drohten diesen umzustoßen, berichtet er. Er habe mit aller Kraft gegen den Zaun gehalten, um nicht davon erdrückt zu werden. Die Erinnerungen an diese traumatischen Ereignisse werden wieder geweckt und der Zeuge sagt:

“Wir haben da um unser Leben gekämpft. Wir dachten, wir schaffen es nicht.“

Es ist ein Handyvideo, dass in diesem Zeitraum an der Rampe gemacht worden ist und ihm heute vorgeführt wurde, das den Zeugen so aus der Fassung bringt. Er reagiert emotional und man merkt, dass ihn die Bilder extrem aufwühlen. Irgendwie will man den Mann nicht weiter quälen.

Die beiden Staatsanwälte, die bis dahin eine sachliche und flüssige Befragung durchgeführt haben, werden an diesem Punkt gestoppt. Es fühlt sich an, als wäre hier eine unsichtbare Grenze überschritten worden. Denn dieser Zeuge hat nicht nur im Auftrag der Lopavent bei der Loveparade gearbeitet, er ist auch ein Opfer der Katastrophe. Dennoch bringt der Prozesstag mindestens zwei Aspekte, die aus meiner Sicht im Verlauf des Verfahrens von Bedeutung sein werden.

  1. Stau an den Einlassschleusen. Der Veranstalter soll 32 Schleusen geplant haben, die den Besucherstrom in den Tunnel regeln sollten. Am Veranstaltungstag selbst sollen es aber nur noch halb so viele gewesen sein. Die Vermutung lautet, dass der Rückstau die Menschen dazu bewogen hat, die Einlassschleusen zu überrennen. Folglich könnte dadurch das Gedränge im Tunnel eskaliert sein. Diese Theorie ließ sich heute nicht eindeutig klären.
  2. Stau am Rampenkopf. Die Steuerung der Massen durch die Floats auf dem Gelände hat nicht wie geplant funktioniert. Eigentlich sollten sich die Besucher von den fahrenden Floats auf das Gelände mitziehen lassen. Doch es kam anders, sagt der Zeuge. Der Crowd Manager beschreibt die Situation folgendermaßen: “Die gehen die Rampe hoch und bleiben stehen. Die gehen nicht weiter. Das war um 14 Uhr. Da war schon der Einsatz von Polizei notwendig, weil die Leute nicht auf die Ordner gehört haben. (…) Die konnten von da auch schon die Floats sehen und sind nicht mit den Floats weitergegangen.“

Morgen wird der Polizist aussagen, der während der Katastrophe die Hundertschaften im Tunnel- und Rampenbereich geleitet hat und mit dem Crowd Manager zusammenarbeiten sollte. Dieses Verhältnis soll schwierig gewesen sein. Daher wird es interessant die Aussagen nebeneinander zu betrachten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Über den Autor

1979 in Duisburg geboren. Nach einem Volontariat bei einem TV-Sender ging es weiter als freie Videojournalistin für verschiedene TV Sender und internationale Online-Plattformen. Seit 2016 im WDR Studio Duisburg zuhause.

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