Tag 95: Der Float-Manager

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Tag 95: Der Float-Manager

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Es sind gespenstische Bilder, die von der Loveparade 2010 in Erinnerung bleiben: Technowagen, sogenannte Floats, fahren auch lange nach der Katastrophe noch über das Partygelände. Laute Musik, Menschen feiern – obwohl es kurz zuvor wenige Meter entfernt an der Rampe zum Veranstaltungsareal Tote und Verletzte gab. Die Polizei hatte damals darum gebeten, die Party nicht abzubrechen, um eine weitere Eskalation bei der Abreise der Technofans zu verhindern.
Im Strafprozess sagt heute der damalige Float-Manager aus, der die Wagen aus einer Funkzentrale in einem nahe gelegenen Hochhaus steuerte. Erst gegen 18 Uhr, also rund eine Stunde verspätet, habe man ihn am Unglückstag informiert über die Katastrophe, berichtet der heute 59 Jahre alte Zeuge.
Der Meister für Veranstaltungstechnik ist seit 1985 in der Branche beruflich aktiv. Im Auftrag der Veranstalterfirma Lopavent hatte er schon bei vorangegangenen Loveparades gearbeitet. Der Vorsitzende Richter Mario Plein stellt wie gewohnt viele Detailfragen – wobei sich der Zeuge an vieles nicht mehr erinnern kann, an manches aber doch.

„Aus dem Ruder gelaufen“

Bei Vorbesprechungen habe man über die „Thematik der Menschenkonzentration am Rampenkopf“ gesprochen, sagt der Zeuge. Der Veranstalter habe ihm versichert, dass Ordner und Polizisten dafür sorgen würden, dass die ankommenden Menschen zügig über Tunnel und Rampe zum höher gelegenen Partygelände durchgehen. Er selbst sei „in keinster Weise“ für das Sicherheitskonzept zuständig gewesen, sondern nur für die „Floats“, betont der Zeuge. Er habe aber noch Zusatz-Absperrungen vorgeschlagen – ohne Erfolg.
Im Gerichtssaal werden E-Mails vorgelesen, wonach einer der heutigen Angeklagten aus den Reihen des Veranstalters Lopavent dem Zeugen geschrieben haben soll, über die Möglichkeit von Lautsprecher-Durchsagen über alle Technowagen besser nichts den Behörden zu sagen – denn dies könne ja Begehrlichkeiten wecken. Laut Zeugenaussagen von Polizisten sollen solche Notdurchsagen am Unglückstag abgelehnt worden sein, weil das nicht gehe.
Am Nachmittag des 24. Juli 2010 sei es so eng am Zugang des Geländes geworden, dass die Technowagen ihre Route änderten und schließlich gestoppt worden seien. Der Zeuge berichtet, wie er mit Feldstecher und via Überwachungskameras sah, wie sich „eine kompakte Menschenmenge“ bildete. Personen seien Masten hinaufgeklettert. „Ab dem Zeitpunkt war für mich klar, dass wir nicht mehr im Normalbetrieb sind, dass da was aus dem Ruder gelaufen ist.“
Die Befragung des Zeugen wird morgen fortgesetzt.

Über den Autor

Jahrgang 1974. Geboren im westlichen Münsterland. Ich berichte seit 2002 über Politik und News aus Nordrhein-Westfalen. Bis 2007 für die taz, danach knapp fünf Jahre als Korrespondent der Nachrichtenagentur ddp/dapd. Seit 2012 arbeite ich für den WDR.

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