Tag 119: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen

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Tag 119: An ihren Taten sollt ihr sie erkennen

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Der Zeuge ist Polizeibeamter und sollte am Tag der Loveparade eigentlich den Einsatz auf dem Veranstaltungsgelände leiten. Allerdings kam er damals erst dort an, als das Unglück bereits geschehen war: Am Morgen des 24. Juli 2010 setzten bei seiner Frau die Wehen ein und er blieb bis zur Entbindung seines Sohnes bei ihr im Krankenhaus. Den Einsatz übernahm sein Stellvertreter.
Von dem Unglück habe er erst von seiner Mutter erfahren, sagt der Bochumer. Die habe er nach der Geburt angerufen und nach der Gratulation habe sie gesagt: „Ich bin froh, dass Du heute nicht in Duisburg bist. Da hat es schon zehn Tote gegeben.“ Erst danach sei er zum Veranstaltungsgelände gefahren.

Das war für mich ein Abbruchgelände

Bei den Vorbereitungen war der Zeuge aber dabei. Auch, weil er schon in Dortmund die polizeiliche Verantwortung für das Veranstaltungsgelände hatte. Und er sagt aus: Er und seine beiden Kollegen, die sich um die Wegeführung zum Gelände kümmerten, seien sehr skeptisch gewesen, als sie sich dort zum Ortstermin trafen. „Ich hab mir nicht vorgestellt, dass es da Tote geben wird, aber ich habe schon damit gerechnet, dass es Probleme geben würde. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei“, erinnert er sich. Und auch die Rampe hätten sie sofort als problematisch empfunden. Der Kollege habe ein Szenario entworfen, das dann später auch eintrat: „Die Besucher müssen die Rampe erst hoch, von der aus sehen sie nichts vom Gelände und dann fahren da oben die Floats (Musik-Trucks) und die Leute bleiben stehen. Zudem ist die Rampe eigentlich viel zu eng.“

100 Ordner, die die Leute „weg-sprechen“

Die Lopavent habe damals erklärt, es würden Ordner – im Veranstaltungs-Sprachgebrauch Pusher genannt – eingesetzt, die die Leute „weg-sprechen“, also dazu bewegen, weiter zu gehen. Und zwar 100 Leute, allein an dieser Stelle. Die seien am Veranstaltungstag aber nicht da gewesen. Und auch ein versprochener, mit normalen Fahrzeugen befahrbarer, Rundweg ums Gelände sei nicht vorhanden gewesen. Der Veranstalter habe zwar einen professionellen Eindruck auf ihn gemacht, allerdings habe er schon in Dortmund Absprachen nicht eingehalten. „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“, zitiert der heute 60-Jährige aus dem Johannes-Evangelium. „In Dortmund waren schon weniger Ordner gekommen, als vereinbart und auch Zäune wurden da zum Teil nicht so aufgestellt wie versprochen.“

Detaillierte Nachfragen

An viele Details, die der Richter im Anschluss von ihm wissen will, kann sich der Zeuge, verständlicherweise nach mittlerweile neun Jahren, nicht mehr erinnern. Und nach der Mittagspause fragen einige Verteidiger, wie lange der Richter denn heute – am Freitag – zu verhandeln gedenke. „Bis 19 Uhr“, scherzt Plein. Tatsächlich ist um kurz vor vier Uhr Schluss. Kommende Woche Donnerstag muss der Bochumer noch mal wiederkommen, damit die anderen Verhandlungsbeteiligten ihre Fragen stellen können. Spannend könnte es dann am Freitag werden. Dann wird wieder ein ehemaliger Lopavent-Mitarbeiter vernommen. Der kennt sich gut aus in der Düsseldorfer Außenstelle des Landgerichts Duisburg, denn bis zum sechsten Februar saß er auf der Anklagebank.

Über den Autor

Geboren 1969 in Bremen, Mensch- und Journalistenwerdung in Rheinland und Ruhrgebiet und seit 2008 für den WDR als Reporterin in Düsseldorf, Duisburg und Umgebung unterwegs. Das Unglück bei der Loveparade habe ich von Anfang an immer wieder journalistisch begleitet, vom Folgetag an viel Zeit im Tunnel verbracht, Eindrücke gesammelt, Menschen befragt, berichtet. Auch über die politischen Folgen, wie die Abwahl des Oberbürgermeisters Sauerland und das juristische Hickhack im Vorfeld dieses Prozesses.

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