Tag 123: Gorny, Rüttgers und Klitschko

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Tag 123: Gorny, Rüttgers und Klitschko

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Der Zeuge muss eine „Korrektur“ anbringen. Der Ex-Angeklagte sagt, dass er entgegen seiner gestrigen Angaben doch mit einem der verbliebenen drei Angeklagten über das neue Gutachten zur Loveparade-Katastrophe gesprochen habe. Es sei darum gegangen, ob Abmessungen am Rampenkopf korrekt im Gutachten dargestellt seien. Er habe an das Gespräch mit dem Angeklagten keine Erinnerung mehr gehabt, sagt der Zeuge: „Wie ein Brett vorm Kopf.“ Seine Anwältin habe ihn erinnert, dass er mal davon erzählt habe.

Ein Interview

Der heute 47 Jahre alte Kreativdirektor der Duisburger Loveparade 2010 saß bis Februar selbst auf der Anklagebank. 14 Monate lang schwieg er im Prozess. Dann wurde das Verfahren gegen ihn wegen geringer Schuld eingestellt. Jetzt steht er bereits den dritten Verhandlungstag in Folge als Zeuge Rede und Antwort.
Nach dem Gericht ist die Staatsanwaltschaft an der Reihe. Auch die Anklage tut sich schwer, Neues aus dem Zeugen zu Verantwortlichkeiten für das tödliche Gedränge an Tunnel und Rampe zum Partygelände herauszubekommen.
Oberstaatsanwalt Uwe Mühlhoff fragt den Ex-Angeklagten, ob er am Nachmittag der Katastrophe von Stauungen im Zugangsbereich gewusst habe. Der Zeuge verneint. Dann lässt die Staatsanwaltschaft ein Video im Gerichtssaal vorspielen. In dem TV-Clip vom 24. Juli 2010 ist der Zeuge zu sehen, wie er in einem Interview berichtet, es sei „schon ziemlich voll“ und man habe das Tunnelsystem teils schließen müssen. Der Zeuge kann sich nicht an das Interview erinnern – und auch nicht erklären, wie und warum er also doch Infos zu einer Überfüllung hatte.

Mit wichtigen Leuten beim Boxen

Nicht strafrechtlich relevant, aber interessant sind erneut die Berichte des Zeugen über die Vorgeschichte der Loveparade. Wie „Partner“ aus dem Ruhrgebiet etwa im Sommer 2009 zu einem Klitschko-Boxkampf nach Gelsenkirchen eingeladen worden seien – etwa Hanns-Ludwig Brauser, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung metropoleruhr. Auch (der heutige NRW-Landesminister) Stephan Holthoff-Pförtner sei dabei gewesen.
Den damaligen NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) habe er ebenfalls getroffen, sagt der Zeuge. Bei einem Stehempfang im Dortmunder „U“. Dieter Gorny, einer der künstlerischen Direktoren der Kulturhauptstadt Ruhr.2010, habe sie bekannt gemacht.
Die kleinen Schnipsel zu Begegnungen vor der Parade machen deutlich, dass Veranstalter Lopavent bei der Durchführung nichts dem Zufall überließ – zumindest wenn es darum ging, geschmeidig Entscheider aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung für die Parade zu überzeugen. Am Unglückstag sei der Befragte dann gegen 17 Uhr im VIP-Bereich mit dem damaligen NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) zusammengetroffen. Auf Bitten der Verteidigung soll der Zeuge demnächst noch Bildmaterial dazu übersenden.

Über den Autor

Jahrgang 1974. Geboren im westlichen Münsterland. Ich berichte seit 2002 über Politik und News aus Nordrhein-Westfalen. Bis 2007 für die taz, danach knapp fünf Jahre als Korrespondent der Nachrichtenagentur ddp/dapd. Seit 2012 arbeite ich für den WDR.

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