Tag 128: Fassungslos im Großen Saal

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Tag 128: Fassungslos im Großen Saal

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Die Nacht im Hotel hätten sich die teils von weit her angereisten Prozessbeteiligten sparen können, bilanziert Richter Plein in anderen Worten den Prozesstag. Nach knapp einer Stunde ist der nämlich schon vorbei. Nach Ansicht des Richters waren die Erkenntnisse des Morgens so überschaubar, dass man sie auch gestern Nachmittag hätte gewinnen können.

Abwehr

Denn die Nacht im Hotel hat nichts an der Haltung des Zeugen geändert: „Kann mich nicht erinnern“, sagt er auf so gut wie jede Frage, die die Loveparade 2010 betrifft. Haltung und Gesichtsausdruck des Mannes mit der unverkennbar berlinerischen Sprachfärbung drücken im Wesentlichen eines aus: Abwehr und Verschlossenheit.

Ganz unten angefangen

Eine Aufgabe wie bei der Loveparade – in der Sicherheitszentrale Monitore im Auge behalten, funken und kritische Situationen beurteilen – hatte der Zeuge vorher noch nie. Und hinterher auch nie wieder, räumt er ein. Aber er ist sich noch heute sicher, dafür ausreichend qualifiziert gewesen zu sein: Er habe schließlich mit 17 in der Branche angefangen und sich von ganz unten hochgearbeitet. Als Türsteher, als Ordner, als Aufbauer.

Hochgezogene Augenbrauen

Die Rat- und Fassungslosigkeit der Nebenklage-Vertreter angesichts des Wenigen, was von dem Zeugen überhaupt zu erfahren ist, ist fast mit Händen greifbar. Mit einem der Angeklagten sei er mal befreundet gewesen, sagt der 50-Jährige. Seit festgestanden habe, dass dieser angeklagt werden würde, habe es aber keinen Kontakt mehr gegeben. Die hochgezogenen Augenbrauen nahezu aller Anwesenden im Gerichtssaal drücken erhebliche Zweifel aus – nicht nur an dieser Aussage des Mannes.

Eine Rüge für den Nebenklage-Vertreter

„Jetzt stellen Sie sich doch nicht so dumm“, raunzt schließlich einer der Anwälte den Zeugen an. Das bringt ihm eine – berechtigte – milde Rüge des Richters ein. So etwas zu sagen, sei nicht in Ordnung, „bei aller teilweise nachvollziehbaren Verwunderung über das Erinnerungsvermögen des Zeugen“.

Nach einer Stunde geben die Nebenklage-Anwälte auf, und die Verteidigung hat keine Fragen. Der Zeuge wird entlassen. Aber nicht weil keine Fragen offen geblieben wären….

Über den Autor

Geboren 1969 in Bremen, Mensch- und Journalistenwerdung in Rheinland und Ruhrgebiet und seit 2008 für den WDR als Reporterin in Düsseldorf, Duisburg und Umgebung unterwegs. Das Unglück bei der Loveparade habe ich von Anfang an immer wieder journalistisch begleitet, vom Folgetag an viel Zeit im Tunnel verbracht, Eindrücke gesammelt, Menschen befragt, berichtet. Auch über die politischen Folgen, wie die Abwahl des Oberbürgermeisters Sauerland und das juristische Hickhack im Vorfeld dieses Prozesses.

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