Tag 130: Verunsicherte Zeugen

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Tag 130: Verunsicherte Zeugen

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Der Prozesstag beginnt damit, dass das Gericht handschriftliche Notizen des Zeugen vom 24. Juli 2010 verlesen lässt. Er saß für eine beteiligte Security-Firma mit in der Sicherheitszentrale der Lopavent. Die Stimmung am Morgen der Veranstaltung sei gut gewesen, man habe sich über frühere Loveparades ausgetauscht. „Man freute sich schon auf den Anblick von barbusigen Damen“, heißt es da.

Notiz oder Protokoll?

Auf dieses handschriftliche Protokoll und weitere vom Zeugen zur Verfügung gestellte Unterlagen stürzen sich im Anschluss die Verteidiger. Mehr als zwei Stunden lang stellt allein der Anwalt des ehemaligen Lopavent-Sicherheitschefs detaillierte Nachfragen zu notierten Zeiten und Formulierungen. Die Notiz: „16:00: Alle Kameras sind zerstört“ beschäftigt uns gefühlte Stunden und immer wiederkehrend. In der maschinell erstellten Reinschrift des Zeugen taucht diese Formulierung gar nicht mehr auf. Und ich beginne mich zu fragen, ob ich womöglich mal in die Verlegenheit käme, meine Notizen zum Prozessgeschehen vor einem Gericht erläutern zu müssen. Denn akribisch genau halte ich hier nur die Zitate fest, alles andere schreibe ich so auf, dass es vor allem mir als Erinnerungsstütze dient, und da achte ich nicht so genau auf präzise Formulierungen.

Verunsicherung beim ersten Zeugen

Auch bei den anderen Verteidigern scheint die Befragung nach meinem Eindruck hauptsächlich darauf hinauszulaufen, den Zeugen zu verunsichern, wenn nicht gar unglaubwürdig zu machen. Man kann es ihnen nicht verdenken – hat der Zeuge bei seiner Aussage in der vergangenen Woche doch das ein oder andere gesagt, das für die Angeklagten nicht unbedingt entlastend war.
Richter Plein ist jedenfalls zunehmend verstimmt darüber, dass die Befragung auch zeitlich so umfangreich ausfällt. Schließlich ist für heute noch ein anderer Zeuge, ein weiterer Polizeibeamter, geladen.

Todesangst

Der kommt erst nach der späten Mittagspause in den Saal und schildert recht knapp, was er am Tag des Unglücks erlebt hat. Unter anderem, dass er dafür zuständig war, eine der drei umstrittenen Polizeiketten einzuziehen und dass er, als das Gedränge auf der Rampe tödlich wurde, mit dem Rücken zur Tunnelwand gestanden und gedacht habe: „Ich weiß nicht, ob ich meine Kinder noch mal wiedersehen werde!“

Verunsicherung beim zweiten Zeugen

Bei der anschließenden Befragung durch den Richter muss er, anders als viele seiner Kollegen zuvor, häufig einräumen, sich nicht oder nur ungenau erinnern zu können. In einem Fall ist das allerdings kein Wunder, denn der Richter befragt ihn aufgrund des polizeilichen Vernehmungsprotokolls eines anderen Zeugen ausgiebig nach einer Besprechung, an der er nach eigener Erinnerung gar nicht teilgenommen hat. Er sei schon am 22. Juli nach Duisburg gefahren, um einen Eindruck vom Loveparadegelände zu bekommen. Zur finalen Besprechung am 23. Juli habe er nämlich nicht gekonnt: Er sei auf einer Beerdigung gewesen.

Über den Autor

Geboren 1969 in Bremen, Mensch- und Journalistenwerdung in Rheinland und Ruhrgebiet und seit 2008 für den WDR als Reporterin in Düsseldorf, Duisburg und Umgebung unterwegs. Das Unglück bei der Loveparade habe ich von Anfang an immer wieder journalistisch begleitet, vom Folgetag an viel Zeit im Tunnel verbracht, Eindrücke gesammelt, Menschen befragt, berichtet. Auch über die politischen Folgen, wie die Abwahl des Oberbürgermeisters Sauerland und das juristische Hickhack im Vorfeld dieses Prozesses.

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