Tag 141: Der Fluss der VIPs

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Tag 141: Der Fluss der VIPs

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Wieder einmal versucht das Gericht, Licht ins Dunkel der Loveparade-Veranstalterfirma zu bringen. Wer war konkret zuständig für die Planung des Zugangssystems bei der Techno-Parade am 24. Juli 2010? Wer hat wie genau mitgearbeitet am Eintrittskonzept über Vereinzelungsanlage, Tunnel und Rampe? Drei damalige Lopavent-Mitarbeiter sitzen noch auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Tötung vor. 21 Menschen starben im Zutrittsbereich der Loveparade 2010 bei einer Massenpanik. Hunderte wurden verletzt.

Die heutige Zeugin ist 38 Jahre alt. Sie arbeitet noch immer im Konzern von Loveparade-Macher und Fitness-Unternehmer Rainer Schaller. Die Veranstaltungs-Kauffrau gibt an, 2010 für die „VIP-Area“ zuständig gewesen zu sein. Rund 1.500 sehr wichtige Gäste, Promis und Partner habe man bewirtet – unter anderem sei der Boxer Wladimir Klitschko da gewesen. Der „Gästefluss“ im VIP-Bereich habe funktioniert, berichtet die Zeugin.

„Alles in Ordnung“

Anders sah es bekanntlich beim „Gästefluss“ der einfachen Besucher aus. Doch vom tödlichen Chaos im Eingangsbereich habe sie zunächst nichts mitbekommen. „Aus meiner Sicht war alles in Ordnung“, sagt die Zeugin. Gegen 16.30 Uhr am Tag der Katastrophe habe sie erste Gerüchte über ein Unglück gehört. In den Tagen danach habe sie Lopavent-intern fünf Tage lang geholfen, aus Material der Überwachungskameras ein Ablauf-Protokoll des Geschehens zu erstellen.

Mit Tunnel und Rampe habe sie bei ihrer Arbeit nichts zu tun gehabt, betont die Zeugin. Der Vorsitzende Richter Mario Plein hakt mehrfach nach, ob die Zeugin womöglich etwas wisse über die Handlungen der Angeklagten vor und bei der Parade. Aber die Zeugin verneint dies – gibt nur ungefähre Auskünfte über die Zuständigkeit der drei Männer (mit einem hat sie sich noch Anfang 2019 in dessen Café getroffen; sie gibt jedoch an, dabei sei nicht über den Prozess gesprochen worden). Sie weist zahlreiche Erinnerungslücken auf.

„Joa…“

Plein blickt etwas verloren durch den erneut sehr leeren Gerichtssaal, wo sich nur wenige Zuschauer und Journalisten eingefunden haben. „Joa…“, sagt er nach drei Stunden mit etwas seufzendem Unterton und beendet seine Befragung. Auch Staatsanwaltschaft und Nebenkläger haben nur wenige Nachfragen an die Zeugin. Die Verteidigung hat gar keine Fragen an die Frau. Ende des Prozesstags schon zur Mittagszeit. Morgen ist die nächste Zeugin dran.

Über den Autor

Jahrgang 1974. Geboren im westlichen Münsterland. Ich berichte seit 2002 über Politik und News aus Nordrhein-Westfalen. Bis 2007 für die taz, danach knapp fünf Jahre als Korrespondent der Nachrichtenagentur ddp/dapd. Seit 2012 arbeite ich für den WDR.

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