Tag 58: Der erste Polizist

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Tag 58: Der erste Polizist

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Er hat keinen Rechtsanwalt dabei und wird von einem Polizeipfarrer begleitet, den er als Freund bezeichnet – nicht als seelischen Beistand. Am Tag der Loveparade hat der damals 48-jährige erst seinen Sohn und dessen Freund auf das Loveparade-Gelände begleitet und dann seinen Posten in der Stabsstelle bezogen. Seine Aussage beginnt er mit den Worten:

“Ich hoffe, dass ich mit meinen Antworten nicht nur die Fragen des Gerichts, sondern auch die der Opfer und ihrer Angehörigen beantworten kann.“

Vielversprechend. Wir haben bisher viel über die Polizei gehört. Nie von ihr selbst. Für den Zeugen sind viereinhalb Prozesstage eingeplant. Die vorangegangenen Zeugen sind maximal 3 Tage vernommen worden.

Die Spezialeinheit

Bei dem heute 55-jährigen Beamten handelt es sich um den Stabsleiter der Polizei. Das Gericht wird in den kommenden Prozesstagen mit der Vernehmung weiterer Polizisten fortfahren. Den Anfang macht es aber mit dem Beamten, der den höchsten Rang hatte. Er stammt aus einer Düsseldorfer Dienststelle, die vom LZPD (Landesamt für zentrale polizeiliche Dienste) der Loveparade zugewiesen wurde. Der Zeuge beschäftigt sich in seiner speziellen Dienststelle unter anderem mit der Sicherheit von Großveranstaltungen oder wird bei Geiselnahmen hinzugezogen. 10 Wochen vor der Loveparade ist er mit seinem Team nach Duisburg gekommen und hat gemeinsam mit der örtlichen Polizei, den Vertretern der Stadt und des Veranstalters an der Planung und Durchführung der Loveparade mitgewirkt.

Lang ersehnte Fragen

Der Zeuge wirkt ruhig, konzentriert und kompetent. So kompetent, dass ein Pressekollege sich irgendwann zu mir umdreht und sagt: “Man kann gar nicht verstehen, dass das Unglück passiert ist. Wenn es doch von so einem Polizeibeamten mitgeplant wurde.“ Ich stimme zu. Doch trotz der vertrauenserweckenden Wirkung, die der erfahrene Beamte auf uns hat, warten wir heute begierig auf Antworten. Denn die Fragen haben sich getürmt. Immer wieder haben Zeugen zuvor auf ein Fehlverhalten der Polizei hingedeutet und ihr vorgeworfen, dass sie mit der Errichtung von Sperren im Rampenbereich die Verengung und Verdichtung im Tunnel begünstigt habe. Sie soll sich nicht an Absprachen gehalten, mit Einsatzwagen durch den Tunnel gefahren sein und die Situation verschlimmert haben. Die Polizeiketten im Tunnel kamen heute nicht zur Sprache. Aber dass bei einem Schichtwechsel Polizeifahrzeuge gegen vorher getroffene Absprachen bewegt wurden, hat der Zeuge eingeräumt.

Im Großen und Ganzen bleibt es aber ein zäher und ermüdender Prozesstag mit langen, technischen Ausführungen. Morgen geht es weiter mit dem Beamten, dessen Aufgabe es war die Arbeit von 4100 Polizeibeamten, die am 24.7.2010 bei der Loveparade in Duisburg im Einsatz waren, zu koordinieren.

Über den Autor

1979 in Duisburg geboren. Nach einem Volontariat bei einem TV-Sender ging es weiter als freie Videojournalistin für verschiedene TV Sender und internationale Online-Plattformen. Seit 2016 im WDR Studio Duisburg zuhause.

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