Aber oho! – Schmale Bücher aus kleinen Verlagen

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Aber oho! – Schmale Bücher aus kleinen Verlagen

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Lesenswerte Geschichten, Gedichte und Gedanken aus Mauritius, Georgien, Algerien, Marokko, Japan, Mexiko, Haiti und Griechenland

Das Chagos-Archipel im indischen Ozean, ein Traum von einem Paradies. Für amerikanische Militärs von der Militärbasis zumindest und deren Staff. Für die Chagosianer ist ihre Inselgruppe dagegen bloß noch eine Erinnerung: Sie wurden Ende der 1960er Jahre nach Mauritius deportiert, ohne dass man sie vorher gefragt hätte – eben wegen der Militärbasis der Amerikaner. Eine nahezu unbekannte Vertreibung, deren Dimensionen von damals bis heute die mauritanische Autorin und Journalistin Shenaz Patel, geboren 1966, in ihrem Roman „Die Stille von Chagos“ (Weidle, Euro 18) genau, geradlinig und achtsam nachspürt – eine Entdeckung ist dieser Roman in vielfacher Hinsicht. Mehr Details über Buch und Autorin folgen in den nächsten Tagen hier bei „Noller liest“.

Abo Iaschaghaschwili ist ein georgischer Schriftsteller, geboren 1977 in Tiflis; er hat in Deutschland studiert, lebt heute wieder in Georgien, finanziert sein Autorenleben als Bergführer. Für „Royal Mary. Ein Mord in Tiflis“ (edition fotoTAPETA, Euro 14,80) ist er mit dem SABA-Preis ausgezeichnet worden, der wohl der bedeutendste Literaturpreis Georgiens ist. Iaschaghaschwilis schmaler, gleichwohl prallvoller Roman erzählt eine gewitzte Polizei-, Detektiv- und Agentengeschichte, die am Ende des 19. Jahrhunderts spielt – wobei diese Geschichte nur der Motor ist, um durch die vielen verschiedenen Milieus der Vielvölkermetropole Tiflis zu mäandern, der dieser Roman als Hommage huldigt. Ein besonderes Buch, voller Situationskomik, Sprachwitz und Fabulierlust – ein Spaß von einer Geschichte.

Habib Tengour, geboren 1947, Pendler zwischen Frankreich und Algerien, zur Zeit Gast des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes DAAD, ist ein preisgekrönter algerischer Autor, der unter anderem Langgedichte schreibt, in denen er – autobiographisch unterfüttert – Entwicklungen der Zeit untersucht, spiegelt, bedenkt, kommentiert. Eines dieser Langgedichte, an dem der Autor seit Jahrzehnten immer weiter arbeitet, ist jetzt auf Deutsch erschienen: „Übers Meer. Poem mediterran“ (Verlag Hans Schiler, Euro 16). Eine komplexe, vielschichtige Reflexion übers Mittelmeer als ein Ort des Trennenden und Verbindenden zugleich – oft inspirierend, zum Teil aber auch etwas abweisend, weil spröde und sperrig; die vielen Verweise und Anspielungen müssen für sich sprechen, werden kaum erklärt; und die Übersetzung lässt nur hie und da wirklich einen Funken überspringen, was allerdings vermutlich auch dem Konzept des Textes entspricht. Wer´s überprüfen mag: Das Büchlein bietet Habib Tengours Poem zweisprachig – und dieses Buch ist im Übrigen toll gemacht, ein Hand- und Augenschmeichler.

Eines DER Themen der Zeit, auch hierzulande, wie man derzeit Literatur, Film und Fernsehen beobachten kann: Warum wenden sich junge Menschen von „westlichen Werten“ ab – und dem radikalen Islamismus zu? Die Radikalisierungsfrage, also. Ein Rätsel, für das es zwar keine Antworten, immerhin aber viele Erklärungswege gibt – auch in Rachid Benzines Roman „Der Zorn der Feiglinge“ (persona verlag, Euro 17,50), der sozusagen die marokkanische Variante der Geschichte durchspielt. Rachid Benzine, geboren 1971, islamischer Politologe und Historiker, lässt ein Alter Ego seiner selbst – einen liberalen, muslimischen Intellektuellen also – mit seiner Tochter diskutieren, per Brief, weil die Tochter, die er zur Freiheit (allein) erzogen hat, so frei war, zum IS zu gehen, um dort den „wahren Glauben“ zu leben. So lange zumindest, bis die Untaten des dortigen Ehemannes und seiner Gesinnungsgenossen ihr die rosa Radikalenbrille von der Nase fegen, da ist es allerdings schon zu spät für ein glückliches Ende, auch wenn am Schluss eine kleine, bittere Hoffnung leben darf. Eine so berührende wie packende Geschichte; gesellschaftspolitisch und sozialpsychologisch hoch relevant; literarisch hat sie allerdings Schwächen, die starre Form des Briefromans und der doch etwas pädagogische Abgang werden der Komplexität des Themas letztlich nicht ganz gerecht. Trotzdem: Ein auf jeden Fall lesenswerter Beitrag zum Thema der Radikalisierung – aus marokkanischer Perspektive.

Was kann passieren, wenn ein alter Freund zu Hause auftaucht – den man zwar nicht erkennt, dem man aber aus Gründen der Höflichkeit nicht die Tür weisen möchte? In seiner Erzählung „Alte Freunde“ (cass, Euro 18) spielt Osamu Dazai diese Frage in all ihren Facetten durch, angesiedelt 1948 – und entwirft dabei eine nuancierte Psychopathologie der traumatisierten, erstarrten japanischen Nachkriegsgesellschaft. Dazei wurde 1909 geboren, 1938 setzte der Existenzialist seinem Leben selbst ein Ende; er ist ein hierzulande eher unbekannter Klassiker der japanischen Literatur – der als früher Vertreter derselben eine literarische Methode pflegte, die heutzutage wieder einmal ganz und gar en vogue ist: das autobiographische Schreiben. „Alte Freunde“ eignet sich gut, um diesen Autor kennen zu lernen – und das toll illustrierte, sehr hochwertig gemachte kleine Buch wäre auf jeden Fall auch als „besonderes“ Geschenk unbedingt eine Empfehlung wert.

Noch eine eher Unbekannte: Lucero Alanis, mexikanische Schriftstellerin, geboren 1947. In ihrem Roman „Das Margeritenkloster“ (Ripperger und Kremers) erzählt sie die Lebensgeschichte einer Frau, die von Gewalterfahrungen und sexuellen Übergriffen traumatisiert ist, poetisch hoch verdichtet sucht die Autorin diese Erfahrungen und ihre Konsequenzen in Bilder und Worte zu fassen, ein Alptraum von einem Leben, der allerdings nicht immer nur schrecklich ist, sondern auch schrecklich schön sein kann. Basis des Romans sind wohl Gespräche, die die Autorin mit vielen Frauen über deren Erfahrungen (in der Machismo-Gesellschaft Mexikos) führte; eine komprimierte Kollektiverfahrung also.

Literatur aus Haiti – bekommt man gut auch auf Deutsch zu lesen, kein Problem. Das ist Peter Trier und seinem Litradukt-Verlag zu danken, der sich auf haitianische Literatur spezialisiert hat und regelmäßig Neues von der so geplagten Insel in der Karibik übersetzt. Der hierzulande wohl bekannteste haitianische Autor ist Gary Victor – wegen seiner großartigen Kriminalromane um den durchs Chaos delirierenden Inspektor Dieuswalwe Azémar; „Suff und Sühne“, der dritte Teil der Reihe mit diesem derangierten Helden erschien im März diesen Jahres. Lange vor den Kriminalromanen, schon 2007, brachte Litradukt allerdings Storys von Gary Victor ins Deutsche – und dieser Band mit Geschichten ist jetzt erfreulicherweise überarbeitet in zweiter Auflage neu erschienen: „Der Blutchor“ (Litradukt, 8,80 Euro), eine Storysammlung, die die Welten, die man aus den Victor-Krimis kennt, in Mikro-Varianten aufscheinen lässt – zugleich aber auch ganz andere Dimensionen eines ausgesprochenen vielseitigen Autors.

Zuletzt noch eine kurze Frage: Aktuelle Gedichte aus Griechenland – interessiert? Dann wäre der Band „Kleine Tiere zum Schlachten“ (Parasitenpresse, Euro 15) auf jeden Fall seinen Preis wert: Die Herausgeber und Übersetzer Wassiliki Knithaki und Adrian Kasnitz präsentieren die 29 zeitgenössischen Dichter Griechenlands, die sie für die interessantesten halten, mit jeweils zwei Gedichten, das ergibt dann wohl 58 ingesamt. Auf 114 Seiten. Macht gut 13 Cent pro Seite bzw. knapp 26 Cent pro Gedicht, Also, wenn man sich für Lyrik aus Griechenland interessiert – dann ist das doch schonmal was, oder?

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