Ein begnadeter Erzähler – “Reisen” von Helon Habila

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Ein begnadeter Erzähler – “Reisen” von Helon Habila

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Na endlich, ein neuer Roman von Helon Habila, nach klar zu langer Wartezeit, und was für einer! Helon Habila, geboren 1967 in Nigeria, lebt seit 2011 in den USA – 2012 erschien sein Roman “Öl auf Wasser” (Unionsverlag, Euro 12,95 im Taschenbuch) auf Deutsch, ein Öko-Thriller, der auf eine sehr eigene Weise beschreibt, wie Ölförderung und Korruption im Nigerdelta ganze Lebenskulturen zerstören, für mich persönlich einer der beeindruckendsten Romane zu dem Thema der letzten Dekade.

Jetzt also “Reisen” (übersetzt von Susann Urban, Verlag Das Wunderhorn, Euro 25,–), und wieder ist diesem Schriftsteller ein echter Wurf gelungen. “Travellers”, so der treffendere Titel des Romans im Original, die Reisenden, das sind einerseits die Glücklichen, die mit Visa und Aufenthaltsgenehmigungen unterwegs sein können nach Europa – und andererseits diejenigen, die “reisen” müssen, wollen sie überleben. Berlin steht im Zentrum diverser locker und sehr smart miteinander verwobener Episoden, in denen Helon Habila davon erzählt; vermutlich deshalb, weil er 2013/2014 ein Jahr lang mit einem Stipendium in der Hauptstadt lebte.

Helon Habila operiert in dem Roman auf zwei Ebenen: Zum einen geht es um einen Ich-Erzähler mit autobiographischem Anklang, der sich durch Berlin treiben lässt, später auch durch Europa – und der dabei verschiedenste Menschen aus unterschiedlichsten Gegenden Afrikas kennenlernt, die eines eint: Sie sind auf verschiedenste Weise Flüchtlinge und Flüchtige auf der “Reise” dahin, wo sie Sicherheit vermuten. Ebene zwei sind also die (Lebens-)Geschichten dieser Menschen – mit dem, was man die Fluchtursachen nennt, heftig meist, aber auch mit ihren teils extrem tragischen Fluchtgeschichten.

Und das ist der Punkt, an dem dieser Roman zu einem großen und bedeutenden Roman wird, abgesehen davon, dass Helon Habila sowieso ein begnadeter Erzähler ist: Mit den Mitteln der Literatur macht dieser Roman die Grenze zwischen “reisen können” und “reisen müssen” unkenntlich, die Ebenen werden dramaturgisch so verquickt, dass der Unterschied obsolet wird – und plötzlich ist man als lesender Beobachter mit dem Erzähler auf der Ebene des Reisen-Müssens unterwegs, dafür braucht es nur einen dummen Zufall, vertauschte Koffer zum Beispiel.

So entsteht unvermittelt ein ganz anderer Blick auf “Flucht” und “Asyl” als der, der sich bildet, wenn man solche Geschichten (wenn überhaupt) leicht distanziert in nüchterner Aufbereitung in der Zeitung liest oder in den Nachrichten verfolgt: Diese unsäglichen, unerträglichen Erinnerungen und Erfahrungen, die dazu führten, dass sich jemand aufmachte, aufmachen musste – sie werden für einen Moment zu den eigenen.

“Reisen” ist mithin ein Text, der belegt, welch enorme Kraft und welche Macht Literatur haben kann, wenn sie gut gedacht und gut gemacht ist und auch noch exzellent in Szene gesetzt wird. Einer der besten Romane zum Thema Flucht und Migration.

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