Aktuelle Kriminalliteratur aus Belgien, Frankreich, Polen

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Aktuelle Kriminalliteratur aus Belgien, Frankreich, Polen

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Krimi und Zeitgeschichte, mal anders: Morgan, Jazzpianist, ein einsamer Typ, der in einer runter gekommenen Bude in Brüssel lebt, trifft an einem verschneiten Neujahrsmorgen vor seiner Wohnung auf eine junge Frau, die dort auf dem Boden sitzt. Er nimmt sie mit hinein, sie würde sonst erfrieren. Und Simona bleibt, ohne dass etwas passieren würde zwischen den beiden, erst für eine Nacht, dann für Wochen. Eine ungleiche Beziehung entwickelt sich, sie ist offensichtlich sehr reich, er bitterarm, und er weiß nichts über sie, sie dagegen jede Menge über ihn. Irgendwann stellt sich heraus (für uns LeserInnen), dass Morgan schwarz ist. Und er hat, offensichtlich im Gegensatz zu Simona, keine Ahnung, woher er eigentlich stammt. Er weiß nur noch, dass er bei weißen Adoptiveltern in Belgien aufwuchs. Simona verrät nicht viel – und eines Tages ist sie plötzlich verschwunden; Morgen muss ihr nachspüren, die einzige Chance, mehr über seine Geschichte und seine Identität zu erfahren. Das allerdings, also das Nachspüren, ist weit weniger einfach getan als gedacht … – Ein „Krimi“ ist „Kongo Blues“ (Edition Nautilus, 16,90 Euro, übersetzt von Jan-Frederik Bandel) nicht im engen Sinne, trotzdem sehr spannend zu lesen, wie Jonathan Robijn hier eines der großen Traumata (vor allem für Menschen wie Morgan) der belgisch-kongolesischen Kolonialgeschichte aufbereitet: Nach der Unabhängigkeit 1960 wurden „Mischlingskinder“ belgischer Väter zwangsweise von ihren kongolesischen Müttern getrennt und schließlich eben in Belgien zur Adoption freigegeben. Wichtiges Thema, toller Roman, bei dessen Lektüre einem jederzeit der eine oder andere Jazz-Klassiker im Hirn rum schwirren kann, bei mir persönlich übrigens von Thelenious Monk.

Wir fahrn, fahrn, fahrn – auf der Autobahn. Was da, nebenbei, so alles geschehen könnte? Der Schweizer Schriftsteller Joseph Incardona hat mit „Asphaltdschungel“ (Lenos Polar, Euro 22,–, übersetzt von Lydia Dimitrov) aus diesem Gedanken einen exzellenten „französischen“ Roman geschrieben – „französisch“, weil die Geschichte nicht nur komplett auf Frankreichs Autobahnen angesiedelt ist, zwischen Rasthöfen, Parkplätzen, Randgefilden und natürlich den Trassen. Und auch deshalb, weil dieser Roman stilistisch sehr „französisch“ gehalten ist, also ein tiefschwarzer, radikal erzählter und montierter Noir, der in Hochgeschwindigkeit voran rast und vor keinem Abgrund Halt macht. Worum es geht: Auf den Autobahnen verschwinden weibliche Teenager; der Vater eines dieser Mädchen gibt alles auf und bleibt auf der Straße, für Monate, auf der Jagd; die Polizei nimmt den Gedanken, es könne sich um eine Serie an Vergewaltigungen und Morden handeln, erst sehr spät so ernst, dass auch in diese Richtung ermittelt wird. Und der Täter? Auch er lebt oder arbeitet auf der Autobahn, irgendwo; und die Frage ist, ob er sich von irgendwem ermitteln lässt, bevor das nächste von der langweiligen Fahrt mit den streitenden Eltern genervte Mädchen an irgendeinem Rastplatz an der Reihe ist. Abgesehen davon, hat die Autobahn samt ihres Umfelds noch jede Menge andere Geheimnisse und Geschichten zu bieten, man muss nur genau hinschauen, so wie Josef Incardona …

Krimi aus Polen, darüber wissen wir hierzulande nicht viel. Was erstaunlich ist. Nicht nur, weil Polen ja nun nicht unbedingt weiter entfernt ist als, sagen wir, Südafrika. Sondern auch, weil es in unserem Nachbarland offensichtlich Schriftsteller zu entdecken gibt, bei deren Erfolg dort man sich schon die Augen reibt, dass noch kein deutscher Verlag auf die Idee kam, es mal mit einer Übersetzung zu versuchen. (So wie Rowohlt jetzt, herzlichen Glückwunsch zu dieser Entscheidung!) Der Schriftsteller Remigiusz Mróz, dem die Freude (für uns) nun zuteil wurde, geboren 1987, ehemaliger Anwalt, ist in Polen wohl schon ein Krimi-Superstar. In seinem Roman „Die kalten Sekunden“ (rororo thriller, Euro 9,99, übersetzt Marlena Breuer und Jakob Walosczyk) erzählt er die ziemlich erschütternde Geschichte von Damian Werner, der gerade seiner Jugendliebe einen Heiratsantrag gemacht hatte, erfolgreich, als die beiden von ein paar Männern überfallen werden, die ihn zwingen zuzuschauen, während sie seine Freundin brutalst vergewaltigen. Als Damian nach der Tat aufwacht, ist Ewa verschwunden – und zwar für um die 10 Jahre, dann taucht ein Bild von ihr plötzlich auf einem Facebook-Profil auf. So beginnt der Roman, der dann extrem cliffhängerig und turbo-wendungsreich eine Geschichte erzählt, die immer neue Abgründe bereit hält, für Damian, für uns Leser. Sehr klasse gemacht – bis zu einem bestimmten Punkt im Verlauf der Auflösung; mehr kann an dieser Stelle aber nicht verraten werden, um nicht zu dicke zu spoilern. Nebenbei bemerkt: Auf dem Cover steht ein Blurb, in dem die US-Schriftstellerin Tess Geritsen Remigiusz Mróz mit Stieg Lasson und Jo Nesbø vergleicht. Beides ist Kokolores. Viel eher erinnert die Art, wie Remigiusz Mróz plottet und erzählt, an den Amerikaner Harlan Coben – und hier ein bisschen sehr auch an dessen grandiosen Roman „Kein Sterbenswort“, einen der besten Love-Thriller ever. Macht aber nichts, ist trotzdem ein Tipp und macht Lust auf mehr Krimi aus Polen.

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