Aktuelle Kriminalliteratur aus Deutschland

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Aktuelle Kriminalliteratur aus Deutschland

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SyrerInnen gab´s ja schon vor 2015 in Deutschland – und sogar einen aus Syrien stammenden Schriftsteller-Star, Rafik Schami nämlich, geboren 1954, den es schon 1970 ins Exil in die BRD verschlug. Ein syrisch-deutscher Autor also, vielfach preisgekört, mit fast unendlich langer Publikationsliste – der jetzt mit einem einem Krimi überrascht: In „Die geheime Mission des Kardinals“ (Hanser, Euro 26,–) wird ein vatikanischer Würdenträger im Syrien des Jahrs 2011 ermordet; Kommissar Barudi, der kurz vor der Rente steht, ermittelt zusammen mit seinem italienischen Kollegen Mancini. Diese Ermittlungen sind, sagen wir, ein Eiertanz – in einem Land, in dem Korruption und Despotie à la Assad das Maß der Dinge sind. Rafik Schami nutzt die Krimi-Struktur, um ein syrisches Gesellschaftsbild vor dem Beginn der Demokratiebewegung zu zeichnen, mit Blick speziell auf die Vielfalt und das Nebeneinander der Religionen. Das Ergebnis ist – eher durchwachsen: Die Krimiebene, auch wenn sie nicht sonderlich ausgefuchst ist, funktioniert gut, um das Thema zu transportieren. Zugleich haftet dem Ganzen angesichts dessen, was man über die Gräuel der Assad-Diktatur weiß, fast etwas Verharmlosendes an, sicher ungewollt, weil der gemütliche Herr Kommissar seinen Eiertanz in Konsequenz des Krimiplots letztlich so hurtig und schlau besteht – und das, obwohl der Erzähler eigentlich kein Blatt vor den Mund nimmt, was die herrschenden Verhältnisse angeht. Erstaunlich.

Syrische Bezüge finden sich auch in „All die unbewohnten Zimmer“ (Suhrkamp, Euro 22,–), dem neuen Roman des Münchener Autors Friedrich Ani, jetzt mal abgesehen davon, dass der Ur-Bayer Ani selbst Halb-Syrer ist: Zwei Flüchtlingsjungs werden von einem Streifenpolizisten, der eigentlich das Umfeld einer rechtsextremen Demo absichern soll, beim Klauen eines Apfels beobachtet – der Polizist verfolgt die beiden und wird wenig später in einer kleinen Gasse tot aufgefunden. Wer hat ihn warum erschlagen – und welche Rolle spielen die beiden den Ermittlern lange unbekannten Jungs? Das ist der zentrale Fall, von dem dieser Roman auf mehreren zeitlichen Ebenen und aus Sicht verschiedener Charaktere erzählt – und zugleich tief in verschiedene Sphären der Gesellschaft zielt. Mit dabei diverse bekannte ErmittlerInnen aus dem Ani´schen Erzähluniversum, die bislang noch nicht gemeinsam in einem Roman auftraten – neben Tabor Süden, Jakob Franck und Polonius Fischer auch die Halbsyrerin Fariza Nasri. Eine aufregende, komplex angelegte, kühn arrangierte und klasse erzählte Geschichte. Einmal mehr spürt Friedrich Ani einem Thema nach, das ihn immer wieder beschäftigt, den Umtrieben alter und neuer Nazis – und einmal mehr belegt Ani eindrucksvoll, warum er als herausragender deutscher Krimischaffender gilt.

Apropos Nazis, alte und neue: „Morduntersuchungskommission“ (Rowohlt, Euro 20,–), der neue Roman von Max Annas hat dazu auch etwas zu sagen. Wenn auch ohne syrische Bezüge – dafür aber mit mosambikanischem: Otto Castorp, Kripoermittler in der DDR der 1980er Jahre, muss mit seinen Kollegen von der MUK einen ganz besonderen Mord aufklären: Ein „afrikanischer“ Vertragsarbeiter, dessen Identität lange nicht geklärt werden kann, wurde in einem Zug extrem grausam zu Tode gequält und anschließend ins Gleisbett geworfen, das ist der Fall. Der uns LeserInnen mitten hinein führt in die DDR zu Zeiten, als ihr Ende noch kaum absehbar war. Und der die Ermittler erschüttert: „So was macht doch in der DDR keiner!“ Doch, so etwas macht jemand, die Frage ist nur: Wer? Eine Frage, der Otto schließlich allein und in seiner Freizeit nachgehen wird – auf Weisung von oben wurden die Ermittlungen eingestellt. Grund: So etwas macht doch keiner, in der DDR. Ein zeitgeschichtlicher Kriminalroman also, basierend auf einem realen Fall übrigens, dessen aktuelle Bezüge auf der Hand liegen: in der viel diskutierten Frage, inwieweit die rechtsradikalen Umtriebe der Nachwendezeit bis heute auch Wurzeln eben schon in der DDR haben. Abgesehen davon: Eine Erkundung in Sachen Migration in der DDR, ebenfalls spannend zu lesen. „Morduntersuchungskommission“ ist jedenfalls ein straff inszenierter Kriminalroman, der auf Konzentration und Reduktion setzt, was hervorragend gelingt, fast könnte man von einem Dogma-Krimi sprechen: Ein nüchterner, dokumentarischer Genreroman, der auf jeden Firlefanz und billigen Effekt verzichtet.

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