Aktuelle Kriminalliteratur: Von Matthias Wittekindt, Denise Mina, Marcelo Figureras

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Aktuelle Kriminalliteratur: Von Matthias Wittekindt, Denise Mina, Marcelo Figureras

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Wittekindt hilft. Dann zum Beispiel, wenn man – wie ich – immer wieder mal zu hören bekommt: Ach, komm, der Krimi, der ist doch tot, kaputt geschrieben, auserzählt. Klar, in die Klage könnte man schon einstimmen, zumindest mit Blick auf weite Teile des Mainstreams, in der Literatur ebenso wie im Fernsehen. (Ausnahmen bestätigen jetzt mal die Regel.) Aber an den Rändern, da geht was. Immer noch – und immer wieder. Siehe – eben Matthias Wittekindt, der in seinen – dramaturgisch wie sprachlich herausragenden – Romanen das Genre so beeindruckend gegen den Strich bürstet und zugleich doch auch, na ja, nutzt, nicht bedient, das würde seiner einzigartigen Prosa nicht gerecht. Fast 100 Seiten dauert es zum Beispiel, bis in “Die Tankstelle von Courcelles” (Edition Nautilus, Euro 16,90) das Verbrechen geschieht, das die Geschichte von Beginn an getragen hat und auch bis zum Ende tragen wird: Zwei Männer wurden nachts an der Tanke erschossen, an der die Abiturientin Lou, Stieftochter des Pächters, Dienst hatte. Die Frage ist: Hatte Lou mit diesem Verbrechen zu tun? Im Mittelpunkt der Suche nach Antworten stehen zwei Menschen, eben Lou, deren Rolle nicht ganz eindeutig ist – und der Dorfpolizist Obayon am Anfang seiner Dienstjahre; das Ganze spielt im Kern in den späten Achtzigern. Obayon kennen wir aus den anderen Romanen von Matthias Wittekindt, wo er etwas älter ist und in Fleurville arbeitet; das hier ist also ein Prequel. So oder so – Matthias Wittekindt schaut ganz genau hin, sein Roman ist ein minutiöses Portrait der Gesellschaft um das Verbrechen herum, im Blick steht speziell eine Gruppe von Abiturienten und die Frage: Wie wird man zu dem, der man irgendwann geworden ist – und welche Brüche können dazu führen, dass man letztlich doch ein ganz anderer wurde, als man hätte sein können. Dieser Roman ist auf eine spektakuläre Weise unspektakulär, mit langem Nachhall, eine Art Vielklang, der sich im Hirn breitgemacht hat, durchaus nicht nur morbide. Ganz große (Kriminal-)literatur! Und der Beweis: Nein, der Krimi ist nicht tot noch auserzählt, er hat etwas zu sagen, sehr viel sogar – dann zumindest, wenn er (zum Beispiel) von Matthias Wittekindt stammt.

Dann wäre da noch Denise Mina, die Schottin, die ebenfalls über den Status eines Geheimtipps nie herausgekommen ist. Bis jetzt zumindest – mit ihrem neuen Roman “Blut Salz Wasser” (Ariadne, übersetzt von Zoe Beck, 19 Euro) rangiert sie nämlich nun schon den zweiten Monat nacheinander auf Rang 1 der Krimibestenliste, und zwar völlig zurecht. Alex Morrow, ihre Ermittlerin, spürt einer kürzlich aus London nach Glasgow gezogenen Spanierin nach, die eigentlich unter Beobachtung steht, Geldwäscheverdacht – eines schönen Tages aber plötzlich spurlos verschwindet. Aus der Überwachung wird also eine Vermisstenfahndung, möglicherweise später auch eine Mordermittlung; so ganz klar ist das allerdings nicht, vielleicht wollte die Frau ja auch verschwinden. Was allerdings merkwürdig wäre, immerhin hat sie Kinder. Die, so finden die Ermittler bald heraus, inkognito das Verschwinden ihrer Mutter angezeigt haben, warum das eigentlich? Wie auch immer: Noch so eine Geschichte, die eher unspektakulär anfängt, trotzdem aber einen ungeheuren Drive entwickelt – kraft der Energie, die die Autorin aus dem Durchleuchten von Milieus und Figurenpsychologien gewinnt. Solide Genreliteratur also, das im besten Sinne: exakt, souverän, wach, neugierig. Plus: Zeitgeschichte. Denise Mina arbeitet immer ein zeitgeschichtliches Geschehen mit ein, in “Blut Salz Wasser” ist es die Abstimmung zur schottischen Unabhängikeit 2014. Auch das: gut gemacht und ausgesprochen spannend.

Marcelo Figueras´ Roman “Das schwarze Herz des Verbrechens” (Nagel & Kimche, übersetzt von Sabine Giersberg, 24 Euro) ist, wenn man so will, ein Krimi über einen Krimi über einen Krimi, auch interessant: Als Krimi verpackt, erzählt Figueras die Geschichte des Kriminalromans “Das Massaker von San Martin”, in dem der argentinische Journalist Rodolfo Walsh 1957 von seinen Recherchen zu ebenjenem Massaker der damaligen Junta erzählt, das sich ein Jahr zuvor, also 1956 ereignet hatte – mit einem Überlebenden, über eben den er die Geschichte aufzog. Eine Hommage an einen Klassiker und seinen Schöpfer also, der zugleich die Entstehungsgeschichte dieses Klassikers packend erzählt, eben in Form eines Krimis. Oder Politthrillers. Oder wie auch immer. Samt Metaebene, Reflexionen über die Bedingungen des Schreibens. Jedenfalls: Unbedingt lesenswert, beides, das Original wie auch die Hommage. Und: Dieses Projekt, diese Art von True Crime, “Das Massaker von San Martin”, ein Gründungstext des Subgenres, ist alles andere als von vorgestern, im Gegenteil sogar eher hoch aktuell, in seiner Machart, als Fingerzeig: Auch auf diese Weise kann Kriminalliteratur hoch relevant sein, davon bräuchte es aktuelle Versionen – das ist noch längst nicht auserzählt.

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