Aktuelle Kriminalromane aus Frankreich, Australien und Japan

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Aktuelle Kriminalromane aus Frankreich, Australien und Japan

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Estelle Surbranche: So kam die Nacht (Polar Verlag, Euro 16)

Drogen machen auf Dauer nicht glücklich. Aber zufrieden. Mitunter, eine Zeit lang. Zum Beispiel, wenn man zwei Kilo reinsten Kokains gefunden hat und den Stoff unauffällig zu Kasse macht. Wenn man das kann. Wenn nicht, dauert´s erfahrungsgemäß nicht lange, bis man einen hohen Preis zu zahlen hat – dann, wenn die Handlanger des Kartells, dessen Kurieren der Stoff abhanden gekommen ist, einem auf die Spur kommen und die Abrechnung präsentieren.

Diese Geschichte vom Zufallsdrogenfund, der allerlei Lebensläufe verändert (und beendet), wurde in der Kriminalliteratur schon des öfteren erzählt und variiert. In Estelle Surbranches Debütroman “So kam die Nacht” kreist sie um zwei in Biarritz wellenreitende Pariser Jurastudenten, eine im Jugoslawienkrieg schwerst traumatisierte serbische Killerin und eine verkrachte Polizistin, die schon lange keiner mehr ernst nimmt. Estelle Surbranche richtet das Ganze als knallharte, düsterschwarze Genregeschichte an, zugleich lässt sie immer wieder grimmigen Witz durchschimmern, und nicht zuletzt transportiert ihre Geschichte einen gewissen gesellschaftskritischen Touch.

Ein typischer „Néo polar“ also, die französische Variante des Noir, und zwar kein schlechter – die Story kommt anfangs (wohl auch wegen ihrer etwas braven Übersetzung; ich sag nur: “Flittchen”…) zwar schleppend in Gang, entfaltet aber bald eine wuchtige Dynamik. Dann fetzt der Roman und wird zur schwarzen Perle. Sollte man sich merken, diese Autorin.

Tania Chandler: Zwei Leben (Suhrkamp, Euro 9,95)

Die Australierin Tania Chandler erzählt in ihrem Debütroman von einer braven Frau namens Brigitte, die in Melbourne lebt, zusammen mit dem Polizisten Sam, die beiden haben zwei Kinder, Zwillinge. Es ächzt und krächzt in der Beziehung, wie das halt so ist, Leben mit kleinen Kindern. Was keiner weiß: Brigitte hatte früher ein ganz anderes Leben, sie war Tabledancerin, hat alle verfügbaren Drogen konsumiert, möglicherweise ab und an auch angeschafft. Und: Sie hat mit einem deutlich älteren Musikmanager zusammen gelebt – so lange bis der, ein fieses Stück, ermordet wurde. Alles scheint geklärt, dafür hat wohl auch Sam gesorgt – dann holt das Gestern das Heute ein: In den Nachrichten hört Brigitte, dass der alte Fall, dass der Mord an Eric Tucker wieder aufgerollt werden soll, sie hat kein gutes Gefühl, und das ist erst der Anfang…

Ja, auch diese Geschichte – die zwei Leben einer soliden Hausfrau – hat man schon öfter gelesen, sehr schön ausgeführt etwa mehrfach bei Harlan Coben, dem amerikanischen Thrillerstar. Aber genau das ist ja unter anderem auch das Spannende bei solchen Thrillern: Wie die Autoren und (meist) Autorinnen es schaffen, aus den ewig gleichen Zutaten doch immer wieder was Neues zu machen, wenn sie gut sind zumindest; wie sie einen überraschen können durch den speziellen Dreh, mit dem sie die Geschichte erzählen. Und in der Hinsicht ist „Zwei Leben“ auf jeden Fall etwas Besonderes: Zum einen, weil der Roman nicht vorgaukelt (im Gegensatz zu den Geschichten von Harlan Coben etwa), dass das Heute eine allzu „heile“ Welt ist, die plötzlich von finsteren Mächten angegriffen wird; zum anderen, weil das Buch auch eine Hommage an die Grunge-Zeit und an Kurt Cobain ist, der „damalige“ Strang spielt zur Zeit seines Todes. Das schlägt sich übrigens auch stilistisch nieder, die Geschichte ist sehr rau und direkt geschrieben, ein Family-Thriller im Flanellhemd und unplugged, sozusagen. Abgesehen davon: Klar, gerade, einfach und packend – ein Debüt, das Lust auf mehr macht.

Kanae Minato: Geständnisse (C. Bertelsmann, Euro 16,99)

Eine schlimme Sache: Im Schwimmbecken der Schule, an der Frau Moriguchi unterrichtet, ist ihre vierjährige Tochter ertrunken aufgefunden worden. Die Lehrerin war alleinerziehend, deshalb musste sie die Kleine manchmal mit zur Schule nehmen. Richtig übel wird es dadurch, dass Moriguchi herausfindet, dass ihre Tochter nicht ertrunken ist, sondern ermordet wurde, von zwei Schülern. Wie kann man das ertragen? Frau Moriguchi fehlt ein paar Wochen, dann kommt sie in den Schuldienst zurück, scheinbar unberührt. Erst am letzten Schultag kommt sie auf den Tod ihrer Tochter zu sprechen: Sie hält der Klasse eine Abschiedsrede, denn sie wird den Schuldienst verlassen. In dieser Rede erzählt sie der ganzen Klasse, dass sie weiß, wie ihre Tochter zu Tode kam und wer verantwortlich ist. Und sie eröffnet den Schülern, dass sie die beiden, deren Namen sie nicht nennt, über die tägliche Ration Schulmilch mit dem Aids-Virus infiziert hat. Damit ist das Jahr beendet – und die Dinge nehmen ihren Lauf. Denn natürlich wird dieser Racheplan Folgen haben…

Wie gravierend die Konsequenzen sind, bis zur letzten Wendung, bis zum letzten Twist des Buches, das hat es in sich, in der Grundstruktur der Story ist „Geständnisse“ ein Thriller par excellence. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht einiger Menschen, die mit den Betroffenen zu tun haben, und es zeigt sich, dass jeder etwas zu verbergen hat; es geht also weniger um Thrill und Suspense, denn um den Blick auf die Mechanismen einer Gesellschaft – deren moralische Gebote und starre Verhaltensrituale nicht bloß das eigene Leben in vielfacher Weise ersticken lassen können.

Wie also kann man das ertragen, wie kann man dem begegnen? Frau Moriguchi glaubt längst nicht mehr daran, dass man mit Pädagogik etwas erwirken kann – außer vielleicht, man ist böse, richtig böse. Wie sie das geradezu exemplarisch in die Tat umsetzt, das ist konsequent: Sie nimmt die Schüler ernst, sie lässt keine mildernden Umstände gelten – sie sorgt dafür, dass die kleinen Scheißer genau das bekommen, was sie verdient haben. Und die letzte Wendung, mit der die Lehrerin dem einen der beiden Schüler, der dann noch am Leben ist, auch den finalen Punch verpasst, die ist richtig gut, darauf muss man erstmal kommen.

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