Aktuelle Krimis aus den USA

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Aktuelle Krimis aus den USA

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Im August darf man schon ein erstes Mal über den Krimi des Jahres nachdenken, oder? Kurz zumindest, nebenbei, als erstes Halbjahresfazit… Also, Dan Chaons Roman “Der Wille zum Bösen” (Heyne, Euro 14,99) hat mich – in einem bislang starken Jahrgang – fast am meisten überzeugt: Ein verstörender Psychothriller, der die Untiefen diverser Seelenlandschaften auch strukturell so eiskalt auslotet, dass es knirscht und kracht. Ein Psychologe, der selbst zwischen Wahn und Sinn borderlinet, macht sich mit einem grenzwertig-übergriffigen Patienten, der in mehrfacher Hinsicht nicht der sein könnte, der er zu sein glaubt oder vorgibt, daran, eine Mordserie aufzuklären, von der auch nicht klar ist, ob sie eine ist. Ein Grenzgang zwischen Wahn und “Normalität” (was auch immer das sein könnte), zwischen Fake und Fakten (was auch immer das …). Und ein Roman, dessen Autor sich traut, Dinge nicht aufzulösen, Dinge nicht komplett zu Ende zu erzählen – großartig. (Übersetzt von Kristian Lutze.)

Mit den gerinsten Mitteln den größten Profit erzielen – das ist ja nicht bloß ein ökonomisches Urprinzip, sondern auch eines der Kriminalliteratur. Stichwort Reihe/Serie: Wer mit dem Ensemble, das er mühsam (oder: sorgsam) kreiert hat, möglichst viele Teile/Folgen lang wirtschaften kann, der weiß, wie´s funktioniert. Einer, der diese, äh, Kunst beherrscht wie wenig andere, ist Lee Child mit seinen Jack Reacher-Romanen: Eine Figur, eine Straße ins Irgendwo – und schwupp, ist der nächste Fall in Gang. Diesmal, mit “Im Visier” (Blanvalet, Euro 20) der Neunzehnte, genauer gesagt. Nachdem Reacher ein paar Geschichten lang in diversen amerikanischen Provinzörtchen aufräumen durfte, verschlägt das Schicksal, das Lee Child ihm zugedacht hat, nach Paris und London – auf der Jagd nach einem (oder mehreren?) Scharfschützen, mit knappem Zeitlimit natürlich, ein schweres Attentat droht. Die Frage ist nur: Welches? Ein luftigerer Reacher diesmal, den Lee Child mit spürbar großem Vergnügen geschrieben hat – und unter Zuhilfenahme der Mathematik, insbesondere der Geometrie, deren Regeln hier im Prinzip alles strukturieren. Ein geometrischer Thriller also – der auch Mathehassern Spass macht, versprochen. (Übersetzt von Wulf Bergner.)

Und noch ein – sehr – starker neuer Krimi aus den Staaten mit Potential für´s Treppchen: “Stille Feinde” (Suhrkamp, Euro 14,95) von Joe Ide, der zweite Roman mit seinem hochbegabten Ermittler Isaiah Quintabe, genannt IQ. Der schwarze Detektiv aus Long Beach, L.A. leidet unter einem Trauma, seit sein älterer Bruder, Mentor und Vorbild Marcus getötet wurde, offiziell war´s ein Verkehrsunfall, Isaiah glaubt an Mord. Natürlich sagt er nicht nein, als Marcus´ Exfreundin sich meldet und ihn bittet, ihrer halbchinesischen Halbschwester in Las Vegas zu helfen. Deren Probleme haben es allerdings in sich: Eher aus Versehen hat Janine sich mit einer Triade angelegt, für die ihr Vater arbeitet, was sie nicht wusste – nachdem sie und ihr spielsüchtiger Freund Geld brauchten, um Spielschulden bei einer lokalen Mafia zu begleichen. So entsteht ziemlich schnell ein ziemlich irrsinniges Kuddelmuddel an (schießwütigen) Akteuren und Interessen – und IQ muss schon alles, was er drauf hat, in die Waagschale werfen, um diesen gordischen Knoten so zu entwirren, dass Janine, er und noch ein paar andere – vielleicht! – ohne allzu große Blessuren rauskommen können aus der vermaledeiten Geschichte. Bis dahin: Spaß und Spiel, Sensationen und Überraschungen, Witze, Zoten und Kalauer – alles vom Feinsten und alles in allem: ziemlich beste Unterhaltung. (Übersetzt von Conny Lösch.)

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