Besatzung und Verbrechen

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Besatzung und Verbrechen

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Am 14. Juni 1940 gleicht Paris einer Totenstadt, die Stimmung liegt weit unter dem Gefrierpunkt. Wer irgendwie konnte, hat die Metropole verlassen. Die Deutschen haben die Stadt besetzt. Genau genommen – sind sie gerade dabei. Und sie sind allgegenwärtig. In dieser Gemengelage ermittelt die Pariser Polizei die Todesfälle mehrere Flüchtlingen aus Polen, vier wurden am Gare d´Austerlitz in einem Eisenbahnwagon mit Gas aus dem Ersten Weltkrieg umgebracht, einer hat sich andernorts aus dem Fenster gestürzt, und zwar zusammen mit seinem kleinen Sohn. Gibt es einen Zusammenhang? Und wer interessiert sich – außer Inspecteur Eddie Giral – schon für ein paar Flüchtlinge aus Polen in dieser krassen Zeit? Chris Lloyd unternimmt in „Die Toten vom Gare d´Austerlitz“ (übersetzt von Andreas Heckmann, Suhrkamp, Euro 15,95) eine kriminalistische und eine zeitgeschichtliche Ermittlung; beide Ebenen sind natürlich so intensiv wie explizit miteinander verbunden: Es geht um Belege für Gräueltaten der Deutschen in Polen, so scheint´s, und es beginnt eine große Hatz auf den Spuren dieser Materialien: Die einen wollen sie den Amerikanern zuspielen, damit diese in den Krieg gegen die Nazis eintreten, die anderen wollen das um jeden Preis verhindern. Und sowieso ist dann in vielerlei Hinsicht doch wenig, wie es erstmal scheint – wer genau welche Interessen vertritt, das ist dann die große Frage. Denn weder sind „die Deutschen“ so eindeutig die eine Front und „das Böse“, noch kann man die Franzosen uneingeschränkt als „die Guten“ betrachten: Erstaunlich, wer da alles wie mit den Deutschen sympathisiert. Mittendrin: Eben jener Eddie Giral, ein vielfach gebrochener und komplett respektloser Ermittler, der mit seiner rotzfrechen Art immer hart am Untergang operiert, insbesondere in der Zusammenarbeit mit dem Verbindungsoffizier der Wehrmacht. Ein zeitgeschichtlicher Polizeiroman mit Zügen des Noirs, der durch seine Hauptfigur auch jede Meng Biss und, ja, Witz enthält. Macht Spaß. Auch wenn einem das Lachen meist schnell im Hals stecken bleibt. Und erinnert an Schriftsteller wie Philipp Kerr oder Robert Harris mit ihren berühmten „Ermittlungen“ in der NS-Zeit. Das ist durchaus die Liga, in der Chris Lloyd spielt.

Noch ein zeitgeschichtlicher Kriminalroman, und nochmals geht es um eine Verbrechensermittlung unter den speziellen Umständen der Besatzung: „Tokio, neue Stadt“ (übersetzt von Peter Torberg, Liebeskind, Euro 24,–) ist der lang erwartete neue Roman von David Peace; Abschluss einer Trilogie, die sich mit historischen Verbrechen in Tokio beschäftigt, wo der Engländer lange lebte. Tokio also, im Jahr 1949, die Amerikaner haben die Macht im Land übernommen. Auch das bedeutet eine komplexe Gemengelage für alle polizeilichen Ermittlungen, und der Fall, um den es hier geht, birgt nochmal extra Zunder, denn es ist ein hoch politischer: Sadanori Shimoyama, der Chef der Eisenbahn, von den Amerikanern eingesetzt, ist zunächst verschwunden – dann wird er ermordet aufgefunden. Ein Verbrechen, wie gesagt, das es tatsächlich gegeben hat, und das bis heute nicht aufgeklärt werden konnte. Beziehungsweise: möglicherweise gar nicht aufgeklärt werden sollte. Zumindest sind die Akten bei den Amerikanern, wie David Peace notiert, nach wie vor nicht zugänglich – als einzige aus der Zeit. Sadanori Shimoyama jedenfalls hatte die undankbare Aufgabe, die Bahn reformieren zu müssen, die Entlassung von 30.000 Mitarbeitern wurde schon bekannt gegeben, weitere 100.000 werden folgen. Jede Menge Verdächtige. Und die Frage: Steckt die Gewerkschaft in irgendeiner Weise hinter der Tat? Zumindest käme das gewissen politischen Kreisen entgegegen, sowohl auf Seiten der Besatzer wie auch der Besetzten, denen, die mit aller Macht gegen „die Kommunisten“ vorgehen wollen. Aber wäre das nicht viel zu einfach? Die Spuren führen den Ermittler Harry Sweeney unter anderem ins Organisierte Verbrechen, zum Militär, zu diversen Geheimdiensten und natürlich in die Politik – und uns LeserInnen mitten hinein in die Gemengelagen dieser Zeit. Zugleich ist „Tokio, neue Stadt“ auch ein Roman darüber, was den Menschen ausmacht in solchen Kontexten wie auch darüber, wie (und ob) man dem schreibend gerecht werden kann. Ein dichter, düsterer und auf verschiedenen Ebenen packender Kriminalroman, ästhetisch ambitioniert, eine Herausforderung, teils auch eine Zumutung. Um die zehn Jahre hat es gedauert, bis er den Abschluss seiner Tokio-Trilogie fertig gestellt hatte, David Peace hatte wohl massiv mit Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten zu kämpfen, und auch das passt eigentlich bestens zu dieser spektakulär dramatisierten Geschichte, die nicht zuletzt eine über die Brüche ist, die kein Schicksal jemals wieder kitten kann.

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