Bestsellercheck: Ferdinand von Schirach, Éric Vuillard, Kim Stanley Robinson

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Bestsellercheck: Ferdinand von Schirach, Éric Vuillard, Kim Stanley Robinson

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Die Lücken und die Tücken des Rechtssystems – keiner erfasst sie so glasklar wie Ferdinand von Schirach. Seit 2009 veröffentlicht der Berliner Anwalt Geschichten zu Fällen und Begebenheiten, die ihm im Rahmen seiner Arbeit begegnet sind; zwei Bände mit Erzählungen, zwei Romane und Essays sind bislang erschienen. „Strafe“ (Luchterhand, Euro 18), der aktuelle Bestseller des schreibenden Juristen, komplettiert eine Trilogie mit Storys, die mit „Verbrechen“ und „Schuld“ begann: 12 Geschichten von 12 Schicksalen; Menschen, die irgendwie im Justizsystem zerrieben wurden oder auch nicht; wenn nicht, dann wenigstens komprommitiert. Zwei, drei dieser Storys überzeugen nicht ganz, die meisten sind sehr gut – und einige brillant. Die einer jungen, türkischstämmigen Anwältin zum Beispiel, die sich gegen alle Wahrscheinlichkeit ganz hocharbeiten kann – dann aber einen Pakt mit dem Teufel eingehen muss, bei dem sie nur verlieren kann, für immer. Sehr empfehlenswert auch das Hörbuch, vom Autor selbst eingelesen, lakonisch und präzise. Die Tücken und Lücken des Rechtssystem? Zum Gruseln…

Eine Konferenz der Schande: Am 20. Februar 1933 bestellten die Nazis, die damals noch keine parlamentarische Mehrheit hatten, die führenden deutschen Industriellen ein, um den Herren Konzernchefs Spenden für den anstehenden Wahlkampf aus den Rippen zu leiern. Die Partei war pleite, die Wahl musste noch gewonnen werden, danach, keine Sorge, würde es keine Wahlen mehr geben. Keiner der mächtigen Männer muckte auf, alle zahlten, teils enorme Beträge – die NSDAP war gerettet. Die Konzerne, die später fast durchgehend mit Zwangsarbeitern operierten und dabei Tausende in den Tod trieben, sind bis heute ein Rückrat der Wirtschaft – teils, ohne die blutige Vergangenheit aufgearbeitet zu haben. Der französische Schriftsteller und Filmemacher Éric Vuillard beschreibt die Szene in seinem Überraschungsbesteller „Die Tagesordnung“ (Matthes & Seitz, Euro 18, Deutsch von Nicola Denis) wie andere ausgewählte Situationen des NS-Wahnsinns auch in, sagen wir, so genüßlicher Verachtung, dass man das, was man aus dem Geschichtsunterricht kennt, nochmal mit ganz anderen Augen liest. Und dabei bekommen nicht bloß die Nazis ihr Fett weg – sondern auch die, die ihren europäischen Durchmarsch nicht von Anfang an mit aller Macht zu verhindern versucht haben. Interessant – und erschütternd, einmal mehr.

Kim Stanley Robinson, der amerikanischen Science Fiction-Erfolgsautor, ist einer der Mitbegründer des relativ neuen Genres der Climate Fiction, kurz: CliFi. Gemeint sind damit Geschichten, die sich mit den Folgen des Klimawandels beschäftigen; die ausmalen, was wann wie geschehen könnte, wenn die Erderwärmung nicht gestoppt wird. „New York 2140“ (Heyne, Euro 16,99, Deutsch von Jakob Schmidt), Kim Stanley Robinsons neue Klima-Geschichte, ist in diesem Kontext sicherlich ein Meilenstein – ein Schwergewicht von einem Roman, der das Thema extrem detailliert und facettenreich erzählt. New York im Jahr 2140, das ist eine Art Wolkenkratzer-Venedig, nachdem die Pole weitgehend abgeschmolzen sind und zwei katastrophale Flutwellen den Meeresspiegel um mindestens 15 Meter haben ansteigen lassen. Ein Bild, das im Prinzip schon die ganze Geschichte beinhaltet – Kim Stanley Robinson erzählt sie, in dem er die Schicksale verschiedener Menschen verfolgt, die in einem genossenschaftlich organisierten Hochhaus zusammenleben, als Mischung aus Abenteuerroman und Kapitalismuskritik. Die Lektüre dieses Romans ist eine Art Tanz auf dem Vulkan – beste Unterhaltung im Angesicht der Apokalypse.

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