Bestsellercheck: Ganz schön große Sprünge

https://blog.wdr.de/nollerliest/bestsellercheck-ganz-schoen-grosse-spruenge/

Bestsellercheck: Ganz schön große Sprünge

Kommentare zum Artikel: 0

Vier aktuelle und ein kommender Bestseller: von Jojo Moyes, Elena Ferrante, Bernhard Schlink, Haruki Murakami – und Adam Haslett

Große Sprünge waren, was eher selten ist, in den letzten Wochen insbesondere an der Spitze der Hardcover-Bestsellerliste zu beobachten: Zum zweiten Mal ganz und gar vorne ist die englische Autorin Jojo Moyes gelandet, nachdem sie zunächst auf Rang 40 eingestiegen war. „Mein Herz in zwei Welten“ (Wunderlich, Euro 22,95) ist der dritte Teil ihrer Reihe um Louise Clarke, nach „Ein ganzes halbes Jahr“ und „Ein ganz neues Leben“: Die sich fortsetzende Geschichte einer Frau aus einfachen Verhältnissen, die sich durch´s Leben kämpft, allen Wirrnissen, Widerständen und Dramen zum Trotz. Mit Betonung auf: Dramen. Das ist Sozialkitsch reinsten Wassers, zwar schon sympathisch und auch gut gemacht, letztlich aber aufgebläht und redundant, im dritten Aufguss sowieso nur interessant für die, die sich auch den ersten und den zweiten schon haben schmecken lassen. So funktioniert halt Literaturkapitalismus: Die Masche, die zum Welterfolg geführt hat, sie wird bedient, bedient, bedient – bedient. To be continued…

Was man von Elena Ferrantes Roman „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ (Suhrkamp, Euro 25) nicht behaupten kann – dieser vierte Teil ihrer neapolitanischen Geschichte der Freundschaft zweier Frauen von der Wiege bis zur Bahre soll auch der letzte sein. Schauen wir mal. Ferrantes Projekt scheidet die Geister, die einen sind begeistert von ihrer kleinteiligen Erzählkunst, die anderen winken schon prophylaktisch ermüdet entnervt ab. Von 0 auf 2 in der Bestsellerliste zu springen, mit dem vierten Teil einer Reihe, das ist schon beeindruckend, keine Frage. Tatsache ist: Solch neorealistisch anmutende Lebenschroniken aus der italienischen Zeitgeschichte gibt’s schon länger zuhauf; Frau Ferrante hat mit ihrem Projekt sicher nichts Neues erfunden, garantiert aber das Vorgefundene meisterlich für die globale Bestsellerindustrie markttauglich gemacht. Sagen wir so: Wer Zeit hat, etwa in der Reha nach einem schweren Motorradunfall oder so, für den ist das sicher eine empfehlenswerte Lektüre. Dann zumindest, wenn das Netz nicht gut genug ist, um Serien zu streamen. Oder so…

Wer soll da mithalten? Na, klar, Bernhard Schlink. Mit seinem neuen Roman „Olga“ (Diogenes, Euro 24) ist er vor vier Wochen auf Rang 10 eingestiegen, seitdem war er immer unter den Top 3 auf dem Treppchen. Schlink ist ein globaler Bestseller, vielleicht der bekannteste deutsche Autor weltweit derzeit; zu danken hat er dies seinem Welterfolg „Der Vorleser“ von 1995, der 2008 mit Kate Winslet verfilmt wurde. In „Olga“ erzählt Schlink eine Liebesgeschichte, die dank zweier so simpler wie listiger erzählerischer Kniffe von den 1890er Jahren bis fast in die Gegenwart reicht – und transportiert dabei sehr viel deutsche Geschichte von der Kolonialzeit über die Weltkriege, einschließlich der NS-Zeit natürlich, bis in die bürgerlich-demokratischen Wohlstandszeiten, die derzeit einer unklaren Zukunft entgegen schauen. Schlink ist ein – im besten Sinn – bescheidener Erzähler, der alles Wesentliche unbefangen auf den Punkt bringt und auf jegliches Brimborium verzichtet, er hält sich sprachlich angenehm zurück, stößt zwar auch hier und da an eine Grenze, da wird’s dann etwas zu simpel – passt aber schon, denn die Ausstrahlung seiner Geschichte samt ihrer Charaktere spricht sozusagen für sich. Ein einnehmendes Buch, angenehm karg, trotzdem reich an Erleben; ein Jahrhundertroman, der genau in den großen Trend passt, den man derzeit beobachten kann: Erzählungen, die die deutsche Zeitgeschichte (noch einmal, wieder einmal) durchforsten – mit Blick auf die Frage, auf welche Weise und wie sehr die Geschichte das Leben der Individuen, von denen erzählt wird, prägte. SEHR, logisch, keine Frage…

Nichts ist sicher in der Welt? Doch, klar, die Tatsache nämlich, dass der jeweils neueste Roman von Haruki Murakami ein Bestseller werden wird, mag er auch noch so sperrig und lang, naja, atmig sein. Aktuell: „Die Ermordung des Commandante. I. Eine Idee erscheint“ (Dumont, Euro 26) – eingestiegen in die Spiegel-Bestsellerliste vor zwei Wochen auf Rang 17, dann 3, jetzt Platz 4. Ein Künstlerroman, nur der erste Teil von zweien, wie es der Titel ja schon andeutet. 32 Kapitel, 477 Seiten, ein brillanter Spannungsbogen um viel Nichts – und nach der Lektüre erstmal Ambivalenz: Großartig, keine Frage, wie Murakami hier wieder einmal eben aus dem Nichts Welten erscheinen lässt. Aber ein Teil der Motive, die er verwendet, ist doch schon sehr sattsam bekannt. Und manches, zu viel – wirkt plattitüdenhaft. Dann aber wieder Bilder, die einem nächtelang beim plötzlichen Erwachen im Kopf rumgeistern. Hm, abwarten, mal sacken lassen. Mehr dazu deshalb demnächst an dieser Stelle – mit der Hörbuchvariante.

Noch kein Sprung, aber das Potential dazu hat er: „Stellt euch vor, ich bin fort“ (Rowohlt, Euro 22,95), ein gewichtiger Familienroman von Adam Haslett, der in den USA ein dicker Erfolg und für viele wichtige Literaturpreise nominiert war. Basierend auf eigener Erfahrung spürt Haslett, geboren 1970, der Frage nach, wie sehr ein depressives Elternteil ein Familiensystem über Jahrzehnte prägen kann. Der Vater, um den es hier speziell geht, so viel kann man verraten, begeht irgendwann Suizid – und damit entsteht das moralische Dilemma, um das die Geschichte unter anderem zentral kreist: Durch so einen Suizid entsteht für alle Beteiligten ein fast unfaßbares Loch, das sich nie wieder wird schließen lassen können. Zugleich bedeutet er aber auch, was man sich eigentlich kaum zu denken trauen mag, Erleichterung: Endlich ist ein Alpdruck, der das Dasein prägte, geschwunden. Darf man so fühlen? Was hat das für Folgen? Wie kann man damit umgehen, wie lässt sich unter diese Prämisse überhaupt ein eigenes Leben gestalten? – „Stellt euch vor, ich bin fort“ ist ein Roman, der im Grunde eine groß angelegte Anamnese für eine Familientherapie darstellt – sehr lesenswert, wenn man sich für diese Thematik interessiert. Die Längen, die der Roman hat, werden so möglicherweise auch plausibel – man muss auch durch´s Ungefähre gelangen in so einer Bestandsaufnahme, um das Wesentliche ermessen zu können. Abgesehen davon und alles in allem: Ein souverän geplotteter, facettenreicher, wendungsstarker und hoch emotionaler Familienroman, in dem man sich für eine Zeit lang fasziniert verlieren kann.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Rechenaufgabe: 9 + 11 =


Top