CliFi – Climate Fiction

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CliFi – Climate Fiction

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Wie, äh, ökologisch ist eigentlich die Literatur? Wie steht´s um ihre Klimabilanz? Quantitativ, vermute ich, im Vergleich zu anderen Metiers ganz gut. Qualitativ dagegen siehts vermutlich eher düster aus: So viele so dicke Schwarten mit den letztlich immer gleichen Geschichten, das kann nicht gut sein, oder? Insbesondere für´s Klima. Jedenfalls: CliFi, so heißt der neueste Trend in der Literatur, der jetzt mehr und mehr Raum gewinnt und langsam, aber sicher in den Mainstream wandert: CliFi wie Climate Fiction – angelehnt bei SciFi von Science Fcition – Romane also, die sich mit dem Klimawandel beschäftigen.

Ein Beispiel, apropos Mainstream: Maja Lunde, die norwegische Autorin, die mit ihrem Debüt „Die Geschichte der Bienen“ im letzten Jahr einen Welterfolg landete. Gerade neu raus und auch schon wieder ganz oben: „Die Geschichte des Wassers“ (btb, 20 Euro), ihr zweiter Roman; der zweite von Vieren übrigens, das Ganze soll nämlich ein „Klima-Quartett“ werden, wir werden sehen. Jedenfalls: Im ersten Roman rund um die Bienen waren es drei zeitliche Ebenen, auf denen die Autorin das Thema ausbreitete, im zweiten sind es bloß noch zwei: 2017, die Gegenwart also, in Norwegen, als noch nicht sichtbar, möglicherweise aber durchaus schon spürbar ist, wie gravierend die Welt sich ändern wird; rund um einen Gletscher in Norwegen angesiedelt. Und 2041, als eine extreme Dürre über mehrere Jahre (nicht nur in Frankreich) die Infrastruktur zerstört und die Menschen zu Nomaden auf der Suche nach Wasser gemacht hat. Und natürlich gibt es ein Verbindungsglied zwischen den beiden Ebenen… Der Klimawandel, das ist ja ein hochgradig abstrakter Prozess, es gibt keine Sicherheit über die konkret möglichen Folgen, auch keine Erfahrungswerte im engeren Sinn – und genau da setzt das Potential der CliFi-Literatur ein: Was der Klimawandel tatsächlich bedeuten und bewirken könnte, darüber kann man mit literarischen Mitteln spekulieren, das kann man sich ausmalen und fühlbar machen. Maja Lunde nutzt dazu die Techniken und Topoi der Unterhaltungsliteratur, einen Genremix mit Anteilen aus Familienroman, Liebesgeschichte und Spannungssetting – zeitgenössische Unterhaltung zum Weltuntergang für die literarische Primetime, interessantes Konzept.

Ja, sowieso – die Lust an der Apokalypse. Ein Thema, das so alt ist wie die Literatur – und das natürlich der CliFi-Literatur den Turbo verpasst. Was wäre so eine dystopische Story wert, wenn nicht tatsächlich DAS ENDE drohen würde, DER UNTERGANG? Der Klimawandel, könnte man folgern, ist gut für Schriftsteller und Verlage, er gibt dem Business Pfeffer. Ja, gut, okay, ist zynisch, fast zumindest, lassen wir das. Wer jedenfalls ganz exzellent mit Weltuntergangszenarien hantiert: Uwe Laub, mit seinem Thriller „Sturm“ (Heyne, Euro 14). Das Wetter ist´s, dass da für Chaos sorgt, und zwar in großem Maßstab. Chaos im Sinne eines Emmerich-Films, mit Blockbusterqualität. Dahinter stecken, so zeigt sich bald, allerdings weniger Phänomene des guten alten Klimawandels als klandestine Regierungsmächte, die globale Wettermanipulationen als militärische Mittel nutzen – und die ganze Welt ins Unglück zu stürzen drohen. Oder so. Wären da nicht ein paar wackere Durchblicker, denen, natürlich in letzter Sekunde, ein Weg einfällt, das Ganze zu beenden, so dass ein US-Special-Geheimteam im klandestinen Wettermanipulatorental (mitten in China, schon klar…) aufräumen und das Übel beenden kann. Na ja: Tolle Action, klar; gut gerade erzählt auch. Aber: Gesellschaftspolitisch und figurenpsychologisch ist „Sturm“ viel zu simpel, ja unterkomplex gestrickt. Taugt als Bewerbung für die Drehbuchassistenz eines Hollywood B-Movies; gute Unterhaltungsliteratur ist “Sturm” bloß sehr bedingt. Und was wirklich nervt: Dieses verklemmte, weil noch nichtmal ehrlich ausagierte “Lügenpresse”-Geraune, mit dem wohl auch das entsprechende Neurotiker-Klientel bedient werden soll. Braucht´s das? Immerhin aber: Interessant und spannend die ganzen Recherchen zum Thema der Wettermanipulation – was in der Realität vielerorts schon längst Alltag ist. Wie weit wird das in einigen Jahren gehen? Man wüsste natürlich gerne viel mehr darüber, ob diese Techniken, die da denkbar sind, möglicherweise auch im positiven Sinn genutzt werden können, also gegen den Klimawandel…

Last not least: „Das Meer“ von Wolfram Fleischhauer (Droemer, Euro 19,99). Thema: Die Überfischung der Meere und die (im wahrsten Sinn des Wortes) mafiösen Verstrickungen von Teilen der globalen Fischfangindustrie – sowie strukturelle Unfähigkeit der (EU-)Politik, dagegen etwas zu tun. Sehr geschickt und hoch spannend verpackt Wolfram Fleischhauer all das in eine Story, die vor allem um zwei Frauen kreist: Die eine, eine aus Portugal stammende EU-Meeresbiologin, soll bei der Kontrolle eines Trawlers über Bord gegangen sein – wir Leser, bester Suspense das, wissen mehr. Die andere, eine desillusionierte Umweltaktivistin will radikale Pläne umsetzen, um auf die Problematik aufmerksam zu machen (was man nachvollziehen kann angesichts der Fakten und Entwicklungen, die der Autor zum Thema Fischfang in seinem Roman präsentiert). “Das Meer” ist ein gut gemachter, extrem gehaltvoller Roman; Information und Unterhaltung sind gekonnt verzahnt. Klar, man kann sich natürlich fragen, ob das nun CliFi ist oder „bloß“ ein Ökothriller. Ich würde den Begriff „CliFi“ eher weit fassen und die Ökothriller, die´s ja schon länger gibt, mit reinpacken. Entscheidender Aspekt, in allen Romanen, die sich mit dem Thema beschäftigen: Der Turbokapitalismus, der die Natur ausplündert, um jeden Preis, das Kernproblem. Insofern: Klar, warum nicht? Auf jeden Fall: Ausgesprochen lesenswert. Dann zumindest, wenn man bereit ist, in nächster Zeit auf Fisch zu verzichten.

Und sonst? Der amerikanische Schriftsteller Kim Stanley Robinson ist DER Vorreiter in Sachen CliFi/Climate Fiction. Das Erscheinen seines Romans „New York 2140“ (Heyne, Euro 16,99), der eigentlich Anfang April auf Deutsch rauskommen sollte, wurde auf Mitte Mai verschoben. Schade! Denn das hört sich wirklich verlockend an: New York, eben im Jahr 2140, nach der großen Flut, nurmehr die Wolkenkratzer ragen aus dem Wasser; die Geschichte einer Hausgemeinschaft. Oder so. Wie auch immer: Wir können warten, wir bleiben dran. Mehr also im Mai. Dann zumindest, wenn die Welt bis dahin nicht untergegangen ist.

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