Das Billigfleisch und die Migration

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Das Billigfleisch und die Migration

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Gottesdienste, Partyzonen – und Schlachthöfe haben sich in den letzten Monaten als “die” Corona-Hotspots gezeigt. Ein ganz großes Thema in dem Zusammenhang war der (eigentlich längst bekannte) Skandal um die Situation von Billig-Arbeitskräften aus Südosteuropa, die unter unwürdigsten Umständen und weitgehend entrechtet für Firmen wie Tönnies und Co. arbeiten müssen – “müssen”, weil sie keine andere Wahl haben ansonsten, sich und ihre Familien irgendwie durchzubringen.
Bekannt waren diese Umstände, der Preis fürs Billigfleisch, schon seit Jahren, für die zumindest, die sich überhaupt für so etwas interessieren, inklusive vergeblicher (oft auch: halbherziger) Versuche, daran etwas zu ändern. BEKANNT sind die Mechanismen, die dahinter stecken, allerdings auch schon viel, viel länger – nämlich seit dem Erscheinen des Enthüllungsromans und Klassikers “Der Dschungel” von Upton Sinclair, der 1905 erstmals veröffentlicht wurde, und der solche Mechanismen fürs ausgehende 19. Jahrhundert beschreibt, rund um die Schlachthöfe von Chicago.
Erstaunlich ist – wenn man das Buch heute wieder liest – wie deckungsgleich bis hin in viele Details das Ganze zu aktuellen Mißständen verläuft, nur dass Upton Sinclair das Schicksal einer Einwandererfamilie aus Litauen in die USA beschreibt. Ein bedrückendes, ein atemberaubendes, ein historisch und auch aktuell wieder enorm wichtiges Buch – das man den BILD-Headline-Dichtern um die Ohren hauen sollte, wenn sie wieder einmal darüber lamentieren, dass “unser Schnitzel teurer” werden soll, sobald ein vernünftiger Politiker es wagt, sich des Themas auf eine vernüfntige Weise anzunehmen. Und da haben wir über den Umgang mit Tieren sowie über die Implikationen dieser Art der “Tierhaltung” für den Treibhauseffekt noch gar nicht gesprochen …
Ein Effekt der Corona-Zeit: Passende Klassiker zum Thema waren zwischendurch ausverkauft, “Die Pest” von Albert Camus etwa, Boccacios “Decamerone”, aber eben auch “Der Dschungel” von Upton Sinclair. Ich habe mir das Buch deshalb antiquarisch besorgt – mittlerweile ist allerdings auch eine frisch gedruckte Neuausgabe beim Unionsverlag erhältlich, für Euro 16,95. Wer es sich leisten will, dem sei auch die von Kristina Gehrmann toll inszenierte Graphic Novel zum Roman sehr empfohlen; sie macht die Dringlichkeit dieses Themas und all seinen Facetten geradezu plastisch spürbar. (Carlsen Verlag, 28,–)

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