Das Böse – in Dir, in mir, in ihr. Jeong Yu-jeong über ihren Roman “Der gute Sohn”. Ein Gastbeitrag

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Das Böse – in Dir, in mir, in ihr. Jeong Yu-jeong über ihren Roman “Der gute Sohn”. Ein Gastbeitrag

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Vor langer Zeit versetzte ein junger Mann aus einer wohlhabenden Familie ganz Korea in einen Schockzustand. Er ging für sein Studium in die USA und kam wegen seiner Spielsucht hoch verschuldet zurück. Als Reaktion auf die Vorwürfe seiner Eltern, er sei zu nichts nütze, erstach er seinen Vater und seine Mutter mit fast einhundert Messerstichen. Um seine Spuren zu verwischen, brannte er deren Haus nieder, in dem noch sein kleiner Neffe schlief. Den Safe seines Vaters schaffte er beiseite. Auf der Beerdigung seiner Eltern und seines Neffen scherzte er völlig unbekümmert mit seiner Freundin. Nach seiner Festnahme versuchte er sich unbeirrt mit Rechtfertigungen, Ausreden und Lügen aus der Verantwortung zu ziehen, sodass er den Zorn der Öffentlichkeit auf sich zog. Einen solch außergewöhnlichen Kriminellen hatte Korea noch nie erlebt.

Ich interessierte mich für sein wahres Gesicht. Was für ein Mensch ist zu einer solchen Tat fähig? Was verbarg sich hinter dem harmlosen Äußeren? Ein Wahnsinniger? Ein Teufel? Ein Biest? Was war der Auslöser für seine brutale Tat? Die äußeren Umstände? Sein Charakter? Ein einschneidendes Ereignis in seiner Kindheit? Der Druck einer auf Konkurrenz beruhenden Gesellschaft? Oder ist es ein grundlegendes Problem des Menschen an sich?

Bevor ich Schriftstellerin wurde, verbrachte ich viel Zeit mit der Suche nach der Antworten auf diese Fragen. Mein Studium des Menschen begann mit Psychoanalyse und ging dann weiter über Biologie, Psychologie, Neurowissenschaften, Soziologie, die Evolutionstheorie, evolutionäre Psychologie bis hin zur Kriminalpsychologie. Dabei dachte ich immer wieder an den Mörder von damals, den ich nie verstehen konnte. Mein Interesse galt vor allem dem »dunklen Wald« in unserem Inneren, den man als Abgrund bezeichnet. Dort ruht alles, was im menschlichen Leben Probleme verursacht – Eifersucht, Begierde, Hass, Wut, Verzweiflung, Minderwertigkeits-gefühle, Gewalt und Opfermentalität. All diese Bestien in unserem Inneren erwachen jedoch nicht von allein. Sie müssen entzündet werden. Jemand oder etwas muss in diesem Wald das Feuer entfachen.

Nachdem ich Schriftstellerin geworden war, wurde dieser »dunkle Wald« zu meinem zentralen Thema. Die speziellen Verbrechertypen kommen in verschiedenen Charakteren in meinen Romanen vor. Dennoch war ich nicht zufrieden, denn die Figuren waren immer in der dritten Person beschrieben. Das erzeugte Grenzen, die ich nicht überschreiten konnte. Also mussten sie »Ich« werden. Nur so konnte ich beschreiben, wie das Biest in unserem Inneren zum Aufwachen animiert wird und wie es sich entwickelt.

Für diesen Roman wollte ich, dass der Leser nicht nur eine Geschichte über einen Verbrecher liest. Mein Anspruch war es, diesen beim Lesen anfassen, riechen, sehen und fühlen zu können. Ich wollte nicht das Böse auf seinem Höhepunkt beschreiben, sondern die Geburt eines Dämons, die Entwicklung von einem normalen Jungen zu einem Raubtier. Der Zugang zu seinem »dunklen Wald« wird zwar lange von anderen geschützt, aber irgendwann durchbricht er die Schranken, betritt den Wald und wirft ein brennendes Holzscheit.

Es sollte ein Plädoyer für den Verbrecher gegenüber der Welt werden. Dafür musste der psychopathische Serienmörder in der ersten Person im Vordergrund stehen. Als Yu-jin und nicht als Erzählerin musste ich die Leser in Versuchung führen und dazu bringen, mit Yu-jin zu fühlen und sich mit ihm zu identifizieren. Ich wollte, dass die Leser nicht mit einem Roman, sondern mit einem Verbrecher eine schlaflose Nacht erleben. Dafür besorgte ich mir ein neues Heft und notierte, in Anlehnung an einen Schriftsteller-Kollegen: »Schließlich bin ich auf den größten Feind meines Lebens getroffen. Und dieser bin ich selbst.«

Ich bin tatsächlich auf meinen größten Feind getroffen. Nach langjährigem Forschen und Recherchieren über Psychopathen und Interviews mit Profilern und Psychiatern fühlte ich mich gut vorbereitet. Aber die Geschichte gelang mir nicht richtig und es dauerte etliche Monate, bis ich mir den Fehler eingestand. Story und Struktur waren zu kompliziert und zu umfangreich. Der Hauptdarsteller hetzte von einem Konfliktpunkt zum nächsten. Da der erste Entwurf im Moment der Initiation des eingeschlafenen Biests im »dunklen Wald« startete, war eine knappe und klare Beschreibung dieses Moments wichtig. Es brauchte dazu nur eine einzige entzündende Geste. Dass eine kompliziert gebaute Bombe die ganze Umgebung in Schutt und Asche legt, wäre Stoff für ein ganzes Epos. Ich verwarf den ersten Entwurf.

Im zweiten Manuskript minimalisierte ich den Aufbau – möglichst wenige Figuren, die die Geschichte trugen, der kleinstmögliche Schauplatz, der kürzeste Zeitrahmen, die einfachste Struktur. Im Gegensatz dazu musste der Plot sehr detailliert und dicht konstruiert sein, um die Situation, die Konflikte und die verschiedenen Emotionen des »Ichs« im Sekundentakt beschreiben zu können. Nur dann würde ich die Leser in die Mitte des »dunklen Waldes« führen können. Ich schrieb eine neue Geschichte.

Auch das zweite Manuskript gefiel mir nicht. Die technischen Probleme mit dem Aufbau und dem Plot konnte ich einigermaßen bewältigen, das Kernproblem blieb jedoch das »Ich«. Es war nur oberflächlich ein Ich-Roman und unterschied sich kaum von den üblichen Romanen in der dritten Person. Als Autorin war ich nicht wirklich zum »Ich« geworden. Zu keinem Moment war ich der Psychopath Yu-jin. Ich wurde von meinen Eltern mit normalen Vorstellungen von Moral und Ethik erzogen. Ich bin ein sehr sozialer Mensch. Weil ich alles aus meiner Perspektive beschrieben hatte, blieb das »Ich« im Roman ein seelenloser Avatar. Ich hatte wohl Angst davor, mein eigenes »Ich« zu beschädigen.

Während ich das dritte Manuskript verfasste, erkannte ich, wie stabil das erlernte »Ich« eines Menschen ist. Permanent kämpfte ich gegen mich. Ich bemühte mich, mich von meinen moralischen und ethischen Maßstäben für Entscheidungen und Handlungen zu entfernen. Statt zu fragen, ob ich jemanden verletzen würde, ob etwas von der Gesellschaft akzeptiert werden würde, ob ich Gewissensbisse bekommen würde, versuchte ich, alles mit den Maßstäben des Roman-»Ichs« zu betrachten: ob es mir etwas nützen oder schaden würde, ob etwas die schnellste und sicherste Lösung sein würde, ob ich etwas brauchen würde oder nicht.

So wurde das vorliegende »Ich« geboren. Erst im dritten Versuch konnte es zur Welt kommen. Man kann dem »Ich« jedoch nicht trauen. Es ist ein Dämon, der mit seinen glänzenden Augen in Ihre schaut und seine sanften Lippen öffnet, um Sie zu fragen: Wodurch unterscheiden wir uns voneinander? Die Antwort auf diese Frage muss sich jeder Leser selbst geben. Ich habe diesen Roman lediglich geschrieben, um uns in den »dunklen Wald« in unserem Inneren zu führen.

»Lasst uns verstehen lernen, was unsere eigenen egoistischen Gene vorhaben, denn dann haben wir vielleicht die Chance, ihre Pläne zu durchkreuzen – etwas, das keine andere Art bisher jemals angestrebt hat.«
Aus: Das egoistische Gen von Richard Dawkins

(Bei dem Text handelt es sich um das Nachwort des Romans “Der gute Sohn”. Unsionsverlag, 2019, Euro 19,–. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags, 1000 Dank dafür.)

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