Der beste Burger seines Lebens – Gastbeitrag von Alf Mayer über seinen Lockdown in Christchurch/Neuseeland

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Der beste Burger seines Lebens – Gastbeitrag von Alf Mayer über seinen Lockdown in Christchurch/Neuseeland

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Zwölftausend Deutsche, so liest man allerorten, hängen in diesen Lockdown-Tagen noch in Neuseeland fest. 12.000!! Das wirft ein Licht auf die gigantische Logistik, die das Außenministerium derzeit zu bewältigen hat, und das AA holt ja nun nicht bloß Touristen aus Neuseeland und Australien zurück nach Hause, sondern aus der ganzen Welt.
Lockdown: Einer von denen, die in Christchurch der Dinge harren, ist Alf Mayer. Wer ihn kennt, weiß – er ist nun nicht eben der Typus Kreuzfahrt-Tourist. Ganz im Gegenteil: Seit fast zwei Monaten ist Alf unterwegs, zusammen mit seiner Frau, in Singapur, Australien, Neuseeland. Und zwar: Ausgesprochen individuell. Die Reise sollte noch andauern, jetzt fand sie ihr jähes Ende.
Vielleicht zumindest. Denn so, wie sich dieser Gastbeitrag über Alfs Zwangspause in Christchurch liest, könnte man sich auch vorstellen, dass die beiden dort noch ein bisschen bleiben. Ein paar Eindrücke vom gelockdownten anderen Ende der Welt – und das Zeugnis von einem, der offensichtlich die Fähigkeit besitzt, gut gelaunt und entspannt das Beste aus den Situationen zu machen, die ihm das Leben bietet: Ein Improvisateur reinsten Wassers.
Alf Mayer ist Publizist, Kritiker, Übersetzer – und einer der Macher des Crimemag, dessen neueste, prallvolle, super interessante Ausgabe gerade erschienen ist. Dieser Text ist im Original dort erschienen.

Unsere erste ernsthafte Berührung mit Covid-19 – und wir sind seit Ende Januar in Tasmanien und Neuseeland unterwegs – haben wir am Tag 55 unserer Reise in einem kleinen Kaff an der einsamen Westküste der Südinsel. An der Eingangstür hängt ein Plakat der Regierung, dass die Zahl der Gäste nicht mehr als 99 betragen soll. So groß ist die Lokalität gar nicht, aber die Tische sind weiter auseinander gerückt als gestern Abend, alle Restaurant-Gäste müssen sich mit ihren Kontaktdaten in eine Liste eintragen, Bedienung und Chef üben offenkundig eine neue Distanzregel ein, verletzen sie aber mindestens genauso oft wie sie ihnen gelingt. Alles ist freundlich, wie immer.

Wir haben in diesen Tagen ein Beach-Haus direkt an einem wilden 20-Meilen-Strand, unsere Fußspuren sind dort oft die einzigen, wenn wir spazieren gehen. Zum nächsten Ort sind es 22 Kilometer. Die Welt ist weit weg. Europa erst recht.

Als wir im Januar durch Singapur gekommen sind, gab es im Transit von Changi Airport einige Gesichtsmasken. Zwei Medizinstudenten scannten mit einer Wärmebildkamera Passagiere, das eher unbeholfen und keineswegs systematisch, es sah eher aus wie eine Übung. In Melbourne und auf der Mornington Peninsula waren die gerade erlöschenden Buschfeuer das Thema – siehe auch den letzten CrimeMag-Schwerpunkt „Wildfire Australia“. Als wir mit der Fähre an der Nordküste Tasmaniens ankamen befanden sich die Lobster- und Seafood-Preise im freien Fall, ich freute mich über erschwingliche Abalone und spottbillige Austern. Australien (und uns) wurde klar, dass 95 Prozent der heimischen Lobster nach China exportiert werden: „Lobsters in limbo as China bans live import“, lautete die Zeitungsüberschrift.

Auch auf der ganzen Nordinsel Neuseelands, das mit Hochhäusern zubetonierte Auckland inklusive, war Covid-19 noch fern. Eine erste richtige Diskussion über die Auswirkungen hatten wir auf der Südinsel, tief im Marlborough Sound in einer nur per Boot erreichbaren Lodge, die Gäste eine internationale Schar, von Israel bis Oregon und Barcelona. Hier traf ich den „Black Journalists Matter“-Aktivisten Damaso Reyes, er schrieb dort unter Palmen und Farn den Text „Coronavirus: Keeping to the Facts. Avoiding Misinformation During the Pandemic“.

Unser Gastgeber Dave, ein Multitasker als Klempner, Bootsführer, Muschelsammler, Koch und Majordomo, erzählte da noch von seiner in einer Woche bevorstehenden Hüftoperation (die er dann vermutlich nicht mehr erhalten konnte), seine Partnerin Lynley von ersten Absagen internationaler Gäste. Aber erst auf unserer nächsten Station in der Golden Bay oben am Abel Tasman Park – wo eine kleine Maori-Destillerie mit dem klarsten Wasser der Welt, optische Sehtiefe 63 Meter, Tequila, Gin und Wodka fabriziert – traf es uns der erste Flügelschlag der Krise. Singapore Airlines sagte unseren Rückflug ab Singapur ab. Zwei Tage später war auch die Verbindung von Neuseeland gestrichen. Unser nächstes Ticket über Dubai hielt nur zehn Stunden. Es folgten Tokyo (auf die 19 Stunden Aufenthalt hätte ich mich gefreut) und dann noch eines über L.A., New York und Reykjavik of all places. Auch das platzte, weil Australien mittlerweile sogar jeden Transit untersagt hatte.

Tolle Fahrt dann quer durchs Gebirge, durch Landschaften aus zwanzig verschiedenen Westernfilmen. Werden in Christchurch von unserem B & B, wo wir drei Nächten bleiben wollen, begrüßt, dass sie uns nur zwei behalten können und dann schließen müssen, so wie landesweit alle Hotels und größeren Pensionen.

Dann erleben wir mit, wie NZ binnen 48 in den Lockdown geht. Ohne Motzen, auf freundliche Weise ernsthaft, ganz und gar unbiestig. Manche TV-Werbung wirkt jetzt unzeitgemäß, aber es gibt jede Menge neuer Spots, die das alles multikulturell und witzig anpacken. „Corona, you dick“, sagt da etwa ein Rapper.

An unserem ersten Abend in Christchurch müssen die Restaurants schon geschlossen haben, nur noch Take-aways sind erlaubt. Vera fragt ein Paar, das gerade in einer Joggingpause Dehnübungen macht, wo es denn etwas Vernünftiges gäbe. Wir bekommen eine Empfehlung: Shaka Bros auf der Cambridge Terrace. Es wird der beste Burger, den ich je hatte, Vera hat etwas köstlich Vegetarisches. Obendrauf gibt es kostenlos tolle Fritten. „Because of the situation“, sagt der junge Mann. Als ich das Essen lobe, schenkt er uns für den nächsten Tag einen Zehn-Dollar-Gutschein. Das Paar von vorhin kommt zufällig (?) wieder vorbei, fragt nach, wie es uns schmeckt. Daraus entwickelt sich eine Unterhaltung. “We hate that you experience Christchurch in such a situation”, sagt Rose. Dann fällt ihr und ihren Mann David ein, dass ein Nachbar doch manchmal seine Einliegerwohnung vermietet. Sie wollen ihn fragen.

Noch am gleichen Abend bekommen wir ihr eine E-Mail mit seiner Telefonnummer, kombiniert mit Tipps, was und wo die besten Supermärkte sind. Am nächsten Mittag stellen wir uns bei „JR“ vor, es ist ein 70jähriger cooler Rechtsanwalt, der dem JR aus „Dallas“ sogar ziemlich ähnlich sieht, ordentlich Humor und guten Wein im Vorrat hat. Wir trinken gemeinsam Tee, ziehen am Nachmittag ein – nur wenige Stunden bevor das Land um Mitternacht in den Lockdown geht. JR zuckt dabei mit keiner Wimper. „What the hell, why should I sit alone in my house during this situation? It sure is more fun having you around for a while.“

Wir können bei ihm bleiben, bis ein Flieger geht. Und JR hilft uns auch, ein deutsches Ehepaar gut unterzubringen, das wir als hilflos gestrandet erleben, kaum Englisch kann und kein Internet. JR braucht genau zwei Anrufe, dann haben sie ein Apartment bei einem Freund. Wie bei uns ist dort ein großer Park in der Nähe, täglich kann man jetzt dem Laub zusehen, wie es bunter wird. Indian Summer. Es wird Herbst.

Aber nicht in den Gemütern. Wir kochen zusammen, haben Spaß, werkeln im Garten, durch den JR ein Tennisnetz gespannt hat, kochen Äpfel ein. Eines der Projekte ist, die Garage aufzuräumen. Hinter dem roten Ford Mustang Cabrio von 1965 und einem alter Landrover findet JR a) seine Briefmarkensammlung und b) in einer Kiste voller alter Bücher ein Reisetagebuch Deutschland und Europa von 1978. Das zusammen zu lesen und zu ergänzen macht einen Heidenspaß.

Das Paar, das uns die Bleibe bei JR vermittelt hat, wohnt gegenüber. Sie fragen immer mal nach, ob wir noch Hilfe brauchen. Jeder hier in Christchurch hat Erdbeben-Geschichten zu erzählen. So wie JR gestern: Als wir seinen Swimming Pool wintertauglich machten – nicht ohne noch einen Plantsch zu machen – berichtete er trocken, wie das Erdbeben die Betonschale des Pools senkrecht gestellt hat. Von Katastrophen lässt man sich hier nicht umwerfen, die Resilienz ist bewundernswert. Auch die Werbung im Fernsehen hat umgestellt, wirbt für Verständnis und Gemeinsamkeit. „Unite against Covid-19!“ Hauptargument: Alle müssen und können dafür sorgen, dass die Pflege- und Medizinkräfte einen leichteren Job haben.

Um Bewegung zu haben, gehen wir täglich einkaufen. Keine Hamsterkäufe, keine leeren Regale, freundliche Verkäufer, kaum Gesichtsmasken, aber höflicher Abstand – und immer wieder ein Lächeln von Fremden. Es gibt eine kollektiv gelassene Entschlossenheit, das alles anständig durchzuziehen. Die Leute begegnen sich mit Respekt und Solidarität. “Be calm and carry on”, jenes alte britische Weltkriegsmotto, steht mit Kreide gemalt auf einer Tafel in einer geschlossenen Eisdiele. Das trifft es.

So lässt es sich gut auf den derzeitig einzig möglichen Flug warten – auf die Rückholaktion der Bundesregierung. Die war Ende letzter Woche bereits angelaufen, wurde dann aber von der neuseeländischen Regierung bis mindestens 31.03. gestoppt, nur ein Flieger mit Schulkindern durfte raus. Jetzt soll erst ein Sicherheitskonzept erstellt werden, wie die ausreisewilligen Personen “gesichert” zu den Flughäfen Christchurch und Auckland kommen. Es handelt sich – staggering numbers – um rund 12.000 deutsche Touristen. (Wir haben davon auf unserer Tour, aber wir waren auch nicht in Queenstown, noch keine zehn getroffen.)

Eine meiner Freuden derzeit ist es, das aktuelle CrimeMag mit zu organisieren. Es ist ein schönes Gefühl, dabei rund um die Welt zu kommunizieren und es mit klugen und nachdenklichen Menschen zu tun zu haben – siehe etwa (alphabetisch geordnet) James Lee Burke, Alan Carter, Sulari Gentill, James Grady, Regina Nössler, Lisa Sandlin, Jock Serong, Robert Wilson in dieser Ausgabe. Als ich Robert Wilson aus NZ berichte, schreibt er mir:

„Dear Alf, an incredible turn of events. What brilliant people to have met. As I said in my piece, we will all, in the next months, rediscover what it is to be human and, with any luck, never go back to the unconcern of 21st Century capitalism. We have, effectively, brought Universal Basic Income to the people of the UK. Can it last? Will the Tories allow it to last? It smacks too much of socialism. Of course we are all astonished that Boris Johnson’s very right wing government has been forced into developing policies that not even Jeremy Corbyn would have dared to dream. 12,000 Germans in NZ alone! That’s incredible. That’ll be 14 Boeing a380s to get you all back. When you see these numbers you realise just how much air travel was going on. At the beginning of the crisis I read that Norwegian was going to cancel 3000 flights in a month. I thought, my God, that’s just Norwegian, not a big carrier like British Airways. You then find yourself looking up how many flights worldwide there were in a day on average and find yourself aghast at the answer: 102,465. On July 25th 2019, which was apparently aviation’s busiest day in history, there were 230,000 flights. It will never be the same again. I can’t imagine half the carriers surviving, those that do will be more expensive, business people will be more accustomed to online interaction and people’s desire for holidays involving air travel will diminish. It is the end of an era.“

Während der zu keiner Emphase fähige Donald Trump schwadroniert, dass er einen „very good Job“ gemacht hätte, wenn es am Ende in den USA nur 100.000 Tote sein werden, gibt die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern eine bewegende Pressekonferenz anlässlich des ersten Covid-19-Todesfalls in Neuseeland. „Jeder Tod ist einer zu viel“, sagt sie. „Unser aller Pflicht ist es, niemand in Leid zu stürzen. Dafür kann jeder etwas tun.“

Und ja, ich gebe Robert Wilson voll und ganz Recht. In diesen Wochen und Monaten geht es darum, uns unserer Menschlichkeit zu entsinnen. Das zurzeit in Christchurch am meisten fotografierte Motiv ist die 46 Meter lange Neonschrift oben an der Art Gallery, eine Installation des britischen Künstlers Martin Creed, eigentlich auf die Erdbebenkatastrophe von 2011 bezogen. Sie lautet, ironisches Understatement inklusive: EVERYTHING IS GOING TO BE ALRIGHT. Es liegt an uns. Allen.

Oder wie James Grady es in seinem Beitrag “Jungleworld” hier in dieser Ausgabe sagt: “This is not the show we thought we had bought tickets for, but this is the show we paid for.”
À bientôt.

Ich widme diesen Text meinen Freunden in Italien, in Spanien und in den USA. Wallace Stroby hat mir von dort geschrieben: „Not sure if I have the distance to write anything at the moment. I’m just south of NYC, and as you know, that’s the epicenter right now, and things keep getting worse. 90 % of businesses around me are closed, and the grocery stores have strict procedures in place regarding crowding and stockpiling. It’s a strange time. If that changes, and I get an idea, I’ll let you know asap. But I don’t think I can pull it off right now.“

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