Deutschrussische Geschichten

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Deutschrussische Geschichten

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Zwei aktuelle Romane mit russisch-jüdisch-deutschen Wurzeln – geschrieben von Autorinnen, die beide 1981 in Leningrad zur Welt kamen und in den 90ern als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen: „Mehr Schwarz als Lila“ von Lena Gorelik und „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ von Kat Kaufmann.

Lena Gorelik: Mehr Schwarz als Lila

Oach ne, bitte nicht noch einer. Oder? Es gibt so viele Coming of Age-Romane, sowieso, insbesondere aber seit „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf. Ein Welle. Muss das sein, geht das noch? Doch, geht; dann zumindest, wenn das Ganze so gekonnt angerichtet ist wie in „Mehr Schwarz als Lila“ von Lena Gorelik (Rowohlt Berlin, Euro 19.95):

Drei Jugendliche in der Abschlussklasse, ein eingespieltes Outsider-Team; ein junger Referendar, haufenweise Gefühlsverwirrungen und Identitätsfragen; eine Abschlussfahrt nach Auschwitz und das Foto eines Kusses dort, ausgerechnet – das sind die Zutaten aus denen diese Autorin eine sehr, sagen wir, wunderbar zarte Geschichte entwickelt, die eben den Identitätsfragen, Gefühlsverwirrungen auf geschickte Weise Räume schafft und zugleich auch schlau das Thema der Erinnerungskultur mit trägt, von hinten durch die Brust gewissermaßen.

Toll die Art, wie Lena Gorelik ihre Charaktere zeichnet und leben lässt; beeindruckend, wie sie durch die Konstruktion ihrer Geschichte so eine ganz spezielle, sachte Dynamik walten lässt; sehr unterhaltsam ihr stetes Spiel mit der deutschen Sprache. Etwas merkwürdig die Auswahl der Songs, die in dem Buch eine Rolle spielen, Rock-Klassiker vor allem, nicht eben aktuelle Jugendkultur – aber wer weiß schon, welch bekloppte Spleens die Kids in irgendwelchen Subkulturen gerade haben…

Kat Kaufmann: Die Nacht ist laut, der Tag ist finster

Selbstfindung kann dauern. Unter Umständen ein Leben lang. Und wenn heutzutage einer seine Identitätsfragen mit dem Coming of Age noch nicht gelöst hat, ist das ja möglicherweise eher ein Zeichen von Intelligenz denn von Lebensunfähigkeit. Wie auch immer: Jonas, ein ziemlich wirrer Typ und der Held in Kat Kaufmanns zweitem Roman „Die Nacht ist laut, der Tag ist finster“ (Hoffmann & Campe, Euro 20) ist so Anfang 20, als sein Großvater stirbt. Sein geliebter Opa, müsste man sagen, einen Vater hatte Jonas nicht. Dafür bekommt er bei der Testamentseröffnung 5000 Euro und einen Zettel in die Hand gedrückt: „Finde diesen Mann! VALERI BUTZUKIN“.

Der unbekannte Vater, klar. Oder? Die einzige Chance die Jonas hat, das zu checken ist die, dass er diesen Butzukin findet. Wer auch immer der ist. Das Problem: Dazu muss er nach Russland. Und da der neue Kalte Krieg zwischen Westen und Osten – der Roman spielt in einer nicht weit entfernten Zukunft – sich gerade zu einem „richtigen“ Krieg auszuwachsen scheint, gibt’s keine Chance, ein Visum zu bekommen. Gut, dass Jonas in einer Berliner Russenkneipe Stas und Juri kennen lernt, zwei jüdisch-russisch-deutsche Kleingangster mit Herz und Verstand. Na gut, weniger Verstand – als Stolz und Wagemut. Herz aber auf jeden Fall. Egal, die Drei machen sich zusammen auf den Weg – und der wird nicht bloß für Jonas jede Menge Abenteuer zu bieten haben. Und Erkenntnisse natürlich. Aber ob das der Identitätsfindung hilft?

Kat Kaufmann ist nicht bloß Schriftstellerin, sondern auch ausgebildete Jazzmusikerin, Komponistin und Fotografin. Sie gilt als eines der interessantesten Talente der jüngeren deutschen Literatur, zu Recht, denn sie schreibt so wie die heimlichen Helden ihrer Geschichte agieren: Eben mit Herz und Verstand – und mit Stolz und Wagemut. Das funktioniert zwar nicht immer perfekt, mal haut sie zu sehr auf die Kacke, mal baut sie aus dem Jonglieren mit Klischees bloß neue statt wie gewollt Neues draus zu schöpfen. Egal, denn das Gesamtergebnis stimmt, eine klasse Geschichte, die rau und wild und berührend erzählt ist. Ganz großartig sind Juri und Stas, die großmäuligen Kleingangster mit den großen Herzen – insbesondere auch als Statement in einer Zeit, in der der Antisemitismus wieder nach oben zu brodeln droht.

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