Die besten Geschichten aus dem globalen Süden – Interview mit Anita Djafari vom Verein Litprom, der Frau hinter der “Weltempfänger”-Bestenliste

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Die besten Geschichten aus dem globalen Süden – Interview mit Anita Djafari vom Verein Litprom, der Frau hinter der “Weltempfänger”-Bestenliste

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Anita Djafari (im Bild rechts, im Kreis ihres “Kern-Teams”) ist die Geschäftsführerin des Vereins Litprom, der im Auftrag der Frankfurter Buchmesse daran arbeitet, Literaturen “aus dem globalen Süden”, also vor allem aus Afrika, Asien und Lateinamerika bei uns bekannter zu machen. Ein Mittel, um das zu erreichen, ist die “Weltempflänger”-Bestenliste: Vier Mal im Jahr werden seit 2008 die sieben Titel nominiert, die eine Expertenjury für die besten des jeweiligen Quartals hält. Im Dezember 2017 ist der “Weltempfänger” zum 37. Mal erschienen – mit einem deutlichen Schwerpunkt auf asiatischer Literatur. Ganz oben landete der Erzählungsband “Endlose Felder” von Nguyen Ngoc Tu, einer jungen Autorin aus Vietnam, die dort bereits sehr erfolgreich ist…

Hier geht es zum aktuellen “Weltempfänger”.

Anita, der Roman „Endlose Felder“ von Nguyen Ngoc Tu ist auf Rang 1 der Weltemfänger-Bestenliste: Überrascht?

Ja, durchaus. Aber freudig überrascht.

Warum hast du für das Buch gestimmt?

Hier ist es mir gegangen wie vielen Leser*innen, die über den Weltempfänger auf bestimmte Bücher aufmerksam werden und dann eine Entdeckung machen. Wir erfahren selten etwas vom Alltagsleben in Vietnam, und diese Erzählungen der Autorin Nguyen Ngoc Tu bringen ihn uns näher, gut geschrieben wie sie sind. Ich bin also durch die “Pflichtlektüre” darauf gestoßen – und habe mich über das Lese-Erlebnis gefreut.

Ist das eigentlich ein typischer „Weltempfänger“-Titel?

Ich würde sagen ja. Wir haben uns ja von Beginn an auf die Fahnen geschrieben, den Schwerpunkt bei dieser Liste auf Entdeckungen zu legen, unbekannte Autor*innen, die zudem in kleinen engagierten Verlagen erscheinen. Diese Verlage haben oft eine große Kenntnis einzelner Regionen und Länder und machen uns deren Literaturen zugänglich. Wir helfen gern, diese dann auch hier zu verbreiten.

Was genau macht einen Roman zum Kandidaten für diese Bestenliste?

Für Litprom als Herausgeber des “Weltempfängers” gehört es zu unseren genuien Aufgaben, Literatur aus dem globalen Süden zu fördern, und dazu gehört auch, die Übersetzungen der Romane, Erzählungen und Gedichte aus diesen Ländern für die deutschsprachigen Leser*innen zugänglich zu machen. Je unbekannter die Autor*innen sind bzw. je weniger sie bisher wahrgenommen wurden, desto wichtiger finden wir es, sie mit der Bestenliste ans Licht zu holen. Das ist allen Juroren ein großes Anliegen. Dazu gehören dann manchmal auch die Werke prominenter Autor*innen wie Arundathi Roy oder David Grossman zum Beispiel, die zwar die durch den Weltempfänger geschaffene Öffentlichkeit eigentlich nicht benötigen, die wir aber inhaltlich außerordentlich wichtig finden. Manchmal finden sich auch Titel auf der aktuellen Liste, die schon vor Monaten erschienen sind, die aber aus unserer Sicht komplett untergegangen sind. Ich persönlich genieße die Freiheit, nicht dem Neuerscheinungs-“Wahn”, wie ich es nenne, untergeordnet zu sein. Gute Bücher sind es auch noch nach Monaten und richtig gute Bücher auch noch nach Jahren und Jahrzehnten, das wissen wir alle.

Wie kam´s 2008 zur „Weltempfänger“-Gründung – und warum?

Der Schriftsteller Ilija Trojanow, langjähriges Mitglied bei Litprom, hatte die Idee, und wir haben sie sofort und gerne umgesetzt. Es galt dann zunächst Mitstreiter*innen für die Jury zu finden, einige sind vom ersten Tag an dabei, man kannte sich aus punktueller Zusammenarbeit und wusste, dass man ein gemeinsames Anliegen hat. Dieses ausschließlich ehrenamtliche Engagement, gepaart mit unglaublicher Sachkenntnis, was einzelne Literaturen und Regionen angeht, kann ich gar nicht genug loben und preisen. Litprom hatte damals schon lange eine eigene Publikation, die Zeitschrift “LiteraturNachrichten”, die aber über eine Auflage von ca. 3000 Exemplaren nie hinauskam. Wir wollten einfach den Buchhandel und damit allgemein mehr Leser*innen erreichen und dafür ist eine solche Liste bestens geeignet. Alle noch so Interessierten brauchen Orientierung im Neuerscheinungsdschungel und lassen sich gerne etwas empfehlen.

Asien, Afrika oder Lateinamerika – wo passieren die spannendsten literarischen Entwicklungen?

Das ist eine schwierige Frage. Mein Eindruck ist, dass auf allen drei Kontinenten spannende Entwicklungen stattfinden. Die Rezeption lateinamerikanischer Literatur war oder ist nach dem legendären Boom mit Márquez und Allende hierzulande enttäuschend. Inzwischen gibt es aber eine neue Generation, vor allem der Enkel, die sich von den großen Vorbildern des magischen Realismus gelöst hat und eigene neue Wege geht, darunter sehr spannende Autorinnen. Auch in Afrika gibt es jenseits der “Stars” wie Chimamanda Ngozi Adichie oder Helon Habila, die vor allem in der Diaspora leben bzw. zwischen den Welten pendeln, viele Initaitiven und sehr beachtliche Talente, die allmählich bekannter werden. Beispiele sind Yvonne Adhiambo Owuor und Petina Gappah. Und Asien? Da gehen wir alle, glaube ich, gerade auf ganz große Entdeckungsreise. Südkorea hatte nach sehr vielen Jahren großer Anstrengung mit der “Vegetarierin” von Han Kang endlich den Durchbruch bei uns geschafft, Indonesien hat einen recht beachtlichen Ehrengastauftritt auf der Buchmesse hingelegt und einigen ihrer besten Autor*innen zu Übersetzungen verholfen, was durchaus nachhaltig ist. Es tut sich also überall recht viel.

Wie kontrovers darf man sich die Diskussionen in der Jury vorstellen?

Oh, die sind durchaus kontrovers, nachzulesen übrigens bei uns in den LiteraturNachrichten, die auf unserer Website zu finden sind: www.litprom.de. Das ist per E-Mail mitunter gar nicht so einfach, aber missen möchten wir die Diskussionen alle nicht. Denn nur Punkte zusammenzutragen und diese zu addieren, das würde uns allen nicht genügen und auch keinen Spaß machen.

Wie oft gibt es Titel, bei denen sich „alle“ einig sind?

Oft. Das sind dann die Titel, die ganz oben stehen. Die kristallisieren sich meistens sehr schnell heraus, und das ist ein schönes Gefühl, wenn wir alle gemeinsam ein Juwel gefunden haben und es würdigen können.

Im “Weltempfänger” werden alle drei Monate sieben Bücher empfohlen. Welche sind die sieben, die Dich im Lauf der Jahre am meisten beeindruckt haben?

Ich bewundere Tomás González aus Kolumbien für alle seine Werke, aber mein liebstes Buch von ihm ist “Sprödes Licht”. Vergnügt habe ich mich mit Ngugi wa Thiongo’s “Herr der Krähen”, tief beeindruckt hat mich Han Kang mit “Die Vegetarierin” und die Japanerin Hiromi Kawakami hat mit dem Roman „Bis nächstes Jahr im Frühling“ nachhaltige Bewunderung bei mir ausgelöst. Eine weitere Lieblingsautorin ist Jamaica Kincaid, die wir mit “Die Autobiografie meiner Mutter” gewürdigt haben sowie Jean Rhys, die mit “Die weite Sargassosee” ein Jahrhundertwerk geschaffen hat, das viel zu wenige kennen. Und nicht zuletzt Madeleine Thien mit dem Meisterwerk „Flüchtige Seelen”, für das sie ja auch unseren LiBeraturpreis bekommen hat. Das sind meine Highlights. Ich habe natürlich noch mehr wertvolle Entdeckungen gemacht, aber ich sollte ja nur sieben nennen.

Gibt´s ein Buch, bei dem sich Dein Blick durch Jury-Diskussionen fundamental verändert hat?

Ja, das kommt immer mal wieder vor, dass durch die Diskussion Neugier geweckt wird für ein Buch, das man schon etwas genervt oder gelangweilt oder was auch immer nach den ersten Seiten zur Seite gelegt hat. So ging es mir mit Yvonne Adhiambo Owuor; bei ihrem Roman dache ich, den brauche ich nicht, der fängt mir schon zu verschraubt und anstrengend an. Als die anderen dann insistiert haben, habe ich es gelesen und war sehr dankbar für dieses Lektüreerlebnis. Aber fundamental geändert nach der Lektüre habe ich, glaube ich, meine Meinung selten oder gar nicht. Eher war ich enttäuscht, wenn so gar keiner der anderen Juroren meiner Ablehnung oder meiner Fürsprache folgen wollten.

Wie viel Stoff bietet der Buchmarkt an „Weltempfänger“-kompatiblen Titeln?

Gerade so viel, dass der Weltempfänger alle drei Monate erscheinen kann, ohne dass wir Kompromisse machen müssen bei der Beurteilung der Bücher. Klar gibt es mal eine Saison, in der es uns schmerzt, dass wir auf die eine oder andere Empfehlung verzichten müssen, weil es zu viele gute Titel gibt. Aber dass es insgesamt zu viele Werke aus dem globalen Süden sind, die erscheinen, kann man nicht sagen.

Anders gefragt: Ist das nicht unglaublich viel Lesearbeit?

Doch, es ist viel Lesearbeit, aber das ist eben unser Job. Den wir ja auch genau deshalb lieben. Bei einigen Büchern weiß man ja auch nach wenigen Seiten, dass es sich nicht lohnt weiterzulesen. Und, um es gleich vorwegzunehmen: Ich weiß nicht, wieviele Bücher ich im Jahr lese oder wieviele Seiten. Ich lese immer. Der Alltag ist natürlich geprägt von vielem Organisatorischen, was ja auch solche Liste unter anderem auch überhaupt erst möglich macht.

Was hat sich geändert in Sachen der Literaturen aus Asien, Afrika und Lateinamerika, seit es den „Weltempfänger“ gibt?

Das ist schwer zu messen. Die Verlage freuen sich immer sehr über die Nominierungen. Wie weit die Liste im Buchhandel ankommt und damit bei den Leser*innen, haben wir noch nicht systematisch erforscht, die Klickzahlen auf unserer Website nach Erscheinen teilen uns aber mit, dass die Empfehlungen des Weltempfängers recht beliebt sind. Mehr kann man wahrscheinlich nicht erwarten.

Wie sind denn die Chancen solcher Titel auf dem Buchmarkt?

Das können wir auch nicht pauschal beantworten. Die Verlage melden uns zurück, dass durch die Empfehlung auf dem Weltempfänger mehr Rezensionsexemplare angefordert werden und die kleinen Verlage bemerken auch gestiegene Verkaufszahlen. Die Chancen sind sehr unterschiedlich, aber es gibt immer wieder Überraschungen wie z. B. der Titel des kurdischen Autors Bachtyar Ali mit „Der letzte Granatapfel“, der regelrecht Furore gemacht hat. Eine Übersetzung aus dem Sorani, einem kurdischen Dialekt! Wer hätte das gedacht. Und genau so etwas macht für uns Büchermenschen den Reiz aus.

Drei Wünsche frei – welche wären das bei Dir für den „Weltempfänger“?

Oh, die sind recht banal. Ich wünsche mir erstens Geld und zweitens Geld. Dann könnten wir einfach noch mehr machen mit dem Weltempfänger. Aktionen für den Buchhandel, Öffentlichkeitsarbeit durch eine geeignete Agentur etc. Noch mehr Veranstaltungen, finanziellen Ausgleich für die Juroren. Und so weiter. Aber drittens wünsche ich mir einfach, dass die Verlage unsere Anstrengungen würdigen und mit dem Weltempfänger werben und die Buchhandlungen alle drei Monate einen Tisch mit den Weltempfänger-Titeln machen oder auch mal ein Schaufenster. Das ist doch eigentlich ein recht bescheidener Wunsch, oder? Ich frage mich, wieso der noch nicht in Erfüllung gegangen ist.

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