Die Gesichter des Terrors

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Die Gesichter des Terrors

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Neue Romane aus Indien, Pakistan und Südkorea: „In Gesellschaft kleiner Bomben“ von Karan Mahajan, „Exit West“ von Mohsin Hamid und Han Kangs „Menschenwerk“.

Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben (Culturbooks, Euro 25)

Wahrscheinlich weiß kein Mensch, wie viele Bomben mit wie vielen Opfern, also Toten, Verletzten und Traumatisierten, weltweit, sagen wir, wöchentlich explodieren – die meisten sind sowieso bloß „kleine“ Bomben, die keinen interessieren; unter 50 Betroffenen ist so ein Attentat längst noch nichtmal mehr eine Nachricht wert, es sei denn, es gäbe an dem Tag sonst nichts zu berichten. Wenn man also überhaupt davon erfährt: kurzer Schock, ein Moment der Empathie, ein Augenblick des Hasses auf den Attentäter – und schwups, schon ist das Ganze wieder vergessen, die nächste Bombe kommt bestimmt, spätestens morgen. Der Schock ist das, was zählt, zwei Sekunden insgesamt: Die der Explosion – und die unserer Aufmerksamkeit. Nur darum geht es. Was natürlich ein krasses Missverhältnis zu der Zeitspanne ist, mit der die Betroffenen zurechtkommen müssen: endlos, eine Ewigkeit – die Toten sowieso, aber natürlich auch die Überlebenden. Wie kann man diese Absurdität ertragen, gar verstehen?

Möglicherweise gar nicht. Aber immerhin lässt sich die Spanne füllen, lässt sich die Geschichte erzählen – so wie es der indische Schriftsteller Karan Mahajan, geboren 1984, in seinem zweiten Roman „In Gesellschaft kleiner Bomben“ unternimmt: Mahajan erzählt von einem „kleinen“ Bombenanschlag, der sich in Dehli ereignet hat – und zwar aus Sicht der Opfer und der Täter. Er lässt dabei die emotionalen Reflexe, die solche Anschläge typischerweise verursachen, konsequent beiseite und erforscht die merkwürdige „Gemeinschaft“, die durch die Bombe hergestellt wird, nüchtern, fast mit soziologischem Blick. Mahajan stellt so, wie er es in Interviews sagt, einen Link her zwischen allen, die mit so einem Anschlag zu tun haben. Die Wirkung ist erstaunlich: Der Terror verliert Glanz und Gloria seines demonstrativen Nihilismus, er steht nackt da und stumm in seiner ganzen Erbärmlichkeit – sein Schrecken verpufft. Abgesehen davon: Ein untypisch unblumiger Blick auf die indische Gesellschaft, spannend zu lesen gerade wegen seiner unaufgeregten, versiert inszenierten Nüchternheit.

Mohsin Hamid: Exit West (Dumont, Euro 22)

Wie „wir“ hierzulande auf die Fluchtbewegungen der letzten Jahre schauen, ist ja – dank endloser Debatten in den Medien und facettenreicher Hetze im Netz – hinlänglich bekannt. Und „die“ dort? In den Ländern, in denen die Fluchtursachen das Leben prägen? Mohsin Hamid, geboren 1971, aus Lahore, einer der bekanntesten Autoren Pakistans, spielt das Thema als Liebesgeschichte mit phantastischen Elementen durch: Nadia und Saeed, die sich in einer namenlosen pakistanischen Stadt bei einem Abendkurs kennen gelernt haben, können nicht anders, als vor dem Terror zu fliehen, den die aus den Bergen einsickernden Radikalislamisten gebracht haben – es geht ums Überleben. Also bezahlen sie einen Schleuser – einen von denen, die die Türen kennen, durch die man bloß kurz treten muss, um sich plötzlich irgendwo in Europa wiederzufinden. Zum Beispiel auf der griechischen Insel Mykonos; wo es zwar keinen Terror mehr, allerdings auch keine Perspektive, dafür aber eine weitere Tür gibt – die nach London führt. Und so weiter und so fort…

Das Problem: Viele kommen durch die Türen, viel zu viele, die Perspektivlosen aus aller Herren Länder. Europa wird voll und voller, quillt über, die Alteingesessenen gehen auf die Barrikaden, ein Gemetzel droht – oder gibt es doch eine Lösung? Wird nicht verraten bzw. nur so viel: Mohsin Hamid hat, etwas schüchtern zwar, eine Vision, und er scheint ein Optimist zu sein; seine – gewitzte – Geschichte endet ausnahmsweise mal mit der vermutlich besten aller denkbaren Optionen. Die kann man zwar naiv finden und reichlich unrealistisch – aber sind Liebesgeschichten mit Happy End das nicht letztlich immer? In den dunklen Zeiten des Terrors (auch in der Literatur) ist es ja bemerkenswert, wenn jemand das Licht am Ende des Tunnels überhaupt mal wieder nur zu denken und zu formulieren wagt – insofern: Ein Tusch auf diese Geschichte!

Han Kang: Menschenwerk (Aufbau, Euro 20)

Der Terror in seiner bösen Banalität hat viele Gesichter, und eine seiner hässlichsten Fratzen, weil effizienter als jeglicher „Terrorismus“, gehört immer noch der staatlich und militärisch organisierten Unterdrückung in Diktaturen. Beispiele dafür gibt’s zuhauf – unter anderem auch in Südkorea. Davon erzählt Han Kang, geboren 1970, internationaler Shootingstar der südkoreanischen Literatur, in ihrem jüngst auf Deutsch erschienenen Roman „Menschenwerk“. Han Kang, die in Seoul lebt, stammt eigentlich aus der Stadt Gwangju, wo sich im Jahr 1980 ein zunächst von Schülern und Studenten, später von breiten Bevölkerungsteilen getragener Aufstand gegen die damalige Militärdiktatur ereignete – der vom Militär demonstrativ gnadenlos extrem blutig niedergeschlagen wurde, mit Tausenden Toten und unzähligen Folteropfern.

In „Menschenwerk“ leuchtet Han Kang die Biographien einiger Beteiligter und Betroffener mit einem ganzen Arsenal an literarischen Mitteln kunstvoll aus; sie erzählt so einerseits den Aufstand an sich – und untersucht andererseits die Spuren der Traumatisierungen, die die entfesselte Willkür hinterließ, bis in die Gegenwart. „Menschenwerk“ reiht sich ein in eine ganze Reihe an grundlegenden Romanen zu diesem Themenkomplex aus allen möglichen Ländern, die in den letzten Monaten auch auf Deutsch erschienen. Sie beziehen glasklar und sehr vehement Position, eine engagierte Literatur, wenn man so will – die man in satten westlich-liberal-demokratischen Systemen auch als Warnung lesen kann: Seht her, so dünn ist das Eis, der brüchige Firnis der Zivilisation, drunter, des Menschen Werk, harren Geister und Monster, die schlechteste Demokratie auf Jahre hinaus ist besser als nur eine Sekunde in ihrer Gesellschaft.

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