Wie ein flirrend heißer Sommertag: Interview mit Markus Naegele über Larry Browns tollen Roman “Fay”

https://blog.wdr.de/nollerliest/ein-roman-wie-ein-flirrend-heisser-sommertag-interview-mit-dem-verleger-markus-naegele-ueber-larry-browns-grossartigen-roman-fay/

Wie ein flirrend heißer Sommertag: Interview mit Markus Naegele über Larry Browns tollen Roman “Fay”

Kommentare zum Artikel: 0

Fay ist 17, als sie es nicht mehr aushält und abhaut, weg von ihrer verwahrlosten Familie, weg vom Vater, weg aus dem namenlosen Kaff irgendwo im Nirgendwo des amerikanischen Südens. Fay, 17, war davor noch nichtmal in der nächsten Stadt, sie weiß nichts von der Welt und schon gar nichts von den Männern, die ab sofort allerorten lauern werden; aber es kann nur besser werden. Fay läuft und trampt und lässt sich treiben, sie schlägt sich durch, erlebt jede Menge Mist, hat auch ein paar wenige glückliche Momente; und doch muss sie immer wieder weg, weiter. Dabei sehnt sich Fay, nach der Geborgenheit, die sie nie hatte, nach dem zu Hause, dass es nie gegeben hat. Das weiß sie aber nicht. Und das eine Mal, die eine Chance, die sie vielleicht haben könnte, verhagelt ihr das Schicksal; es gibt kein Glück, kann keines geben. Am Ende der Geschichte von Larry Browns Roman ist Fay 18, erwachsen, und sie weiß alles – nicht über die Welt, die reicht nur bis Biloxi, aber über die Männer. Die zumindest, denen sie begegnet ist. Sam, der Autobahnpolizist, trotz allem ein Guter – und Aaron, Türsteher im Club seines Bruders, weniger gut. Sie werden an ihr zugrunde gehen. Geht auch gar nicht anders, denn Fay ist 17. Aber sie alles andere als dumm, schon gar nicht hilflos; Fay kann sich wehren, und sie weiß sich zu behaupten…

Larry Brown lebte von 1951 bis 2004, ein großer Unbekannter der Literatur der amerikanischen Südstaaten, “Fay” ist das erste Buch von ihm, das ins Deutsche übertragen wurde. Eine packende und anrührende Geschichte mit Sogwirkung, einfach und klar geschrieben und dramatisiert, mit Bildern und Sequenzen, die lange im Hirn arbeiten und nachhallen – samt einer Heldin, die man nicht mehr vergisst. Ein sehr besonderes, um nicht zu sagen: einzigartiges Buch, das im übrigen auch toll gemacht ist.

Markus Naegele, 51, ist Musiker und Verleger, beim Heyne Verlag verantwortet er die Programme von Henye Hardcore und Heyne Encore. “Fay” begleitet ihn seit vielen Jahren, schon als junger Nachwuchslektor faszinierte ihn das Manuskript, es ergab sich aber nie die Gelegenheit, es zu veröffentlichen – bis jetzt…

Eine Frage an den Verleger: Warum “muss” man diesen Roman lesen, Markus Naegele?

Weil er zu Herzen geht, weil man mit seiner Hauptfigur, der 17-jährigen Fay mitzittert, weil der amerikanische Süden mit all seinem Licht aber auch den Schattenseiten lebendig wird. Weil “Fay” die perfekte Symbiose aus Spannungsroman und der Great American Novel darstellt, ein Sittenbild der dunklen Seiten des Südens.

Das war die Antwort des Verlegers – jetzt bitte die Argumente des Fans.

In diesem Fall sind Verleger und Fan eins. Ich las das Romanmanuskript 1999 als Taschenbuchjunglektor. Damals passte der Roman nicht ins Verlagsprogramm, zumal er sehr umfangreich ist, mit entsprechenden Übersetzungskosten. Über die Jahre ging mir der Roman mit seiner Hauptfigur Fay aber nicht aus dem Kopf. Das Buch blieb in meinem Regal in der Ecke der potenziellen Bücher, überstand mehrere Büroumzüge, und nachdem der Relaunch von James Lee Burke erfolgreich war, kam der Augenblick für Larry Brown, der seine deutsche Erstveröffentlichung leider nicht mehr miterleben kann, da er 2004 überraschend und viel zu früh verstarb.

Ich würde sagen: Ein Buch wie ein flirrender, heißer Sommertag – an dem das Gewitter jederzeit losbrechen kann. Oder?

Ja, man fühlt sich an schöne Urlaubsbilder erinnert, glückliche Momente, heiße Tage, aber dann zeigen sich später tiefe Schatten, zieht ein Sturm auf. So ergeht es Fay permanent auf ihrer Suche nach einem besseren Leben. Immer wieder trifft sie auf Menschen und speziell Männer, die es zunächst gut mit ihr zu meinen scheinen. Aber kaum einer von ihnen hat wirklich gute Absichten. Doch Fay weiß sich zu wehren.

Fay, Sam oder Aaron – wer ist für Dich die Hauptfigur dieser Geschichte?

Für mich ist das eindeutig Fay, sie hält die Geschichte zusammen. Man mag sie hier und da für naiv halten, darf aber nicht vergessen, aus welchen Verhältnissen sie kommt, und dass sie erst 17 Jahre alt ist. Die andere wichtige Figur im Roman ist Sam, ein Streifenpolizist, der Fay am Straßenrand aufgabelt und sie zu Hause aufnimmt, wo sie für ihn und seine depressive Frau zu einer Art Ersatztochter wird. Nach dem Tod seiner Frau beginnen er und Fay eine Liebesbeziehung, doch das Glück hält nur kurz. Und auch wenn man ihm diese Beziehung erst nicht durchgehen lassen will, so bleibt er doch ein durch und durch guter Mensch. Wie überhaupt alle Figuren im Roman nie eindimensional sind; alle haben ihre guten und abgründigen Seiten. Eine der großen Stärken des Romans.

Ein Liebesroman? Ein “Südstaatenroman”? Und wieso geht einem diese Geschichte eigentlich so zu Herzen?

Beides. Und dazu eben noch ein Spannungsroman und ein Sittenbild Amerikas. Ich glaube, der Roman berührt so sehr, weil der Leser Fay ständig Gutes wünscht und sie beschützen will vor all der Gewalt und dem Bösen in der Welt.

Wer ist denn dieser Larry Brown, und was kann er?

Larry Brown war Feuerwehrmann und stammte aus einfachen Verhältnissen. Ähnlich wie bei Donald Ray Pollock, für den Brown ein großes Vorbild war, war das Schreiben eine Art Katharsis. Jahrelang schrieb er Stories, die niemand abdrucken wollte. Doch er schrieb weiter auf seiner Schreibmaschine, bis sich endlich ein Verleger fand, der sich traute ihn zu veröffentlichen, mit einem Sachbuch über seine Zeit bei der Feuerwehr. Die Inspiration für seine Geschichten fand er in den Kneipen seines Wohnortes Oxford, Mississippi.

Du bist ja nicht bloß Verleger, sondern auch Musiker – wie “klingt” dieser Roman für Dich?

So gut, dass ich mit meiner Band Fuck Yeah kürzlich einen Song über Fay geschrieben habe, quasi in Memorandum für sie und Larry Brown. Der Song wird dann 2018 auf dem nächsten Album zu hören sein. Larry Brown hatte einen ursprünglichen Sound, sehr einfach und klar, eben genau so wie die Leute reden. Das klingt simpel, ist aber eine große Kunst.

Wie kommt´s eigentlich, dass so viele Musiker Larry Brown so schätzen? Als er starb, wurde ja sogar eine Platte ihm zu Ehren veröffentlicht, mit Leuten wie Vic Chestnutt…

Er war einer jener Autoren, der dem Süden der Vereinigten Staaten eine Stimme gaben, ein Autor, der über die einfachen Leute schrieb, über die, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Das inspirierte viele Songwriter, die ihm nach seinem Tod mit einem großartigen Tribute-Album namens “Just One More: A Musical Tribute to Larry Brown” ihre Ehre erwiesen. Da sind zum Beispiel Alejandro Escovedo, Jim Dickinson, Robert Earl Keen, die North Mississippi Allstars zu hören, übrigens auch Larry Brown selbst. Und besagter Vic Chestnutt, der auch den Soundtrack zur Filmdoku zuständig war und einer meiner absoluten Alltime-Favourites ist. Da schließt sich dann wieder der Kreis zu Larry Brown.

Einen Kommentar schicken

Die mit * gekennzeichneten Felder müssen ausgefüllt werden.

Rechenaufgabe: 18 − 11 =


Top