Freiheit – oder Tod: Rüdiger Bertrams Jugendroman „Der Pfad“, eine deutsche Fluchtgeschichte

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Freiheit – oder Tod: Rüdiger Bertrams Jugendroman „Der Pfad“, eine deutsche Fluchtgeschichte

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Für ihn sei das heilige Erde, sagt der Kölner Kinder- und Jugendbuchautor Rüdiger Bertram bei Lesungen – und hält eine Art Reagenzglas in Luft, in dem er ein paar Krümel Staub und Dreck durch die Welt transportiert, die er auf einem Bergpfad in den Pyrenäen eingesammelt hat, und zwar unmittelbar hinter der französisch-spanischen Grenze. Heilig deshalb, weil der Schritt über diese Grenze für viele Verfolgte des deutschen Naziregimes, das 1940 auch Frankreich okkupiert hatte, die Rettung bedeutete: Wer es schaffte, diesen Schritt zu tun, der konnte nach Lissabon gelangen – und von dort aus in Freiheit und Sicherheit, etwa in die USA. Ein Weg, den Tausende Emigranten gingen, mit dabei auch sehr prominente, zum Beispiel der Schriftsteller Heinrich Mann. Manche schafften es auch nicht, etwa Walter Benjamin, damals einer der berühmtesten Philosophen weltweit.

Der Schmugglerpfad ist heute ein Wanderweg, der nach Walter Benjamin benannt ist; das Glas, in dem der Transporteur seine heilige Erde aufbewahrt, stammt aus einer Pension am Fuß der Berge, es enthielt einen Schluck Muscadet, ein trockener Weißwein aus der Nähe, zur Probe. Rüdiger Bertram war mehrfach in der Gegend unterwegs, er hat das Grenzgebiet und speziell den Schmugglerweg erkundet und erforscht – eine Recherche für seinen Roman „Der Pfad“, in dem er die Geschichte der Flucht über die Pyrenäen in den 1940er Jahren für Jugendliche erzählt, und zwar aus jugendlicher Sicht:

Rolf heißt sein Held, er ist um die 12 Jahre alt, sein Vater flieht mit ihm vor den Nazis, die beiden wollen samt Hund Adi über die Grenze und zur Mutter reisen, die schon in New York wartet. Von Marseille aus gelangen sie in die Berge, dort geschieht allerdings Ungeplantes, und Wolf muss sich fortan an alleine durchschlagen. Beziehungsweise – mit Manuel, einem Jungen aus den Bergen. Und weil die beiden noch etwas zu erledigen haben, nimmt Rolf nicht den sicheren Weg in die Freiheit, sondern begleitet Manuel zurück ins Landesinnere, was natürlich extrem gefährlich ist, Rolfs Flucht wird endgültig zum Abenteuer, mit ungewissem Ausgang…

„Der Pfad“ ist ein tolles (auch: toll illustriertes) Buch, dem man auf jeder Seite anmerkt, dass sein Autor für die Geschichte und für´s Thema brennt – der Roman eignet sich bestens, um Jugendlichen diese spezielle Facette des großen Themas „Flucht vor den politischen Verhältnissen“ spielerisch zu vermitteln. Aber auch als erwachsener Leser, der sich möglicherweise schon vielfach mit der Flucht und Emigration der deutschen Intellektuellen zur NS-Zeit beschäftigt hat, liest man das Buch mit Gewinn und einem Aha-Erlebnis, das, offen gesagt, fast etwas beschämend ist: So oft hat man darüber gelesen, geredet, nachgedacht – und nie wirklich überlegt, was das Ganze wohl eigentlich für die Kinder bedeutet haben mag. Dem hilft Rüdiger Bertram mit seinem Buch ab: So also könnte das gewesen sein.

Rüdiger Bertram: Der Pfad. cbj Verlag, 2017. Euro 12,99. ISBN: 978-3-570-17236-0

(Das Schnappschuss von uns beiden oben wurde von Wiebke Ladwig vor dem Buchladen Neusser Straße in Köln geschossen, wo wir Mitte Oktober zur Premierenlesung verabredet waren – auch die: mit Reagenzglas…)

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