Gastbeitrag von Alf Mayer: Interview mit Janis Otsiemi

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Gastbeitrag von Alf Mayer: Interview mit Janis Otsiemi

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Krimi aus Gabun? Hat man selten. Oder nie. Bislang zumindest. Denn jetzt ist “Libreville” von Janis Otsiemi erschienen, ein packender Polizeiroman, ein gepfeffertes Sittenbild, auch eine Hommage an die Stadt – und jedenfalls ein richtiger guter Krimi, aus Gabun. Mit freundlicher Genehmigung des Polar Verlages veröffentliche ich hier ein Interview, das sich hinten im Buch findet, der Publizist Alf Mayer hat es geführt. Danke! Das Interview ist leicht gekürzt, wer es ganz lesen will, muss sich das Buch kaufen, aber das lohnt sich allemal…


„Der Ort meiner Geburt gehört mir, seine Sprache besitzt mich“

„Ein Chamäleon“ nennt Janis Otsiemi die Stadt, in der er lebt und schreibt. Libreville, die Hauptstadt von Gabun, hat etwa so viele Einwohner wie Dortmund, Essen oder Leipzig. Das dünn besiedelte und rohstoffreiche Land (Erdöl, Mangan, Gold, Uran und Holz) ist zwar so groß wie Deutschland minus Bayern, hat insgesamt aber nur die Bevölkerungszahl von Hamburg. Etwa 80 Prozent leben in extremer Armut. 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehen an die oberen zehn Prozent. Das Bildungssystem ist vergleichsweise gut, die Analphabetenrate liegt unter 18 Prozent. Wie in Kenya und im Kongo regiert der Sohn eines langjährigen Staatspräsidenten. Omar Bongo war mit 41 Dienstjahren und 193 Tagen einst der bis heute am längsten herrschende Staatschef in Afrika. „Libreville“ spielt in den letzten Wochen seiner Amtszeit. Die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) übrigens baut gerade für den Ölkonzern Shell und die Republik Gabun eine Straße in eine entlegene Region des Landes.

Es scheinen gerade schwierige Zeiten zu sein in Gabun. Das Land ist immer noch in Aufruhr über den Ausgang der Wahlen vom letzten August. Auch das Fußballereignis „Africa Cup“, das gerade ausgetragen wird, hilft da anscheinend nicht. „Düster und angespannt“ sei die Stimmung, schreiben die Zeitungen. Wir schlimm ist die Lage?

Gabun befindet sich seit 2009 in einer politischen Krise, seit damals der langjährige Präsident Omar Bongo im Juni dieses Jahres gestorben war. Was sich seither abspielt, ist der Kampf um seine Nachfolge zwischen Ali Bongo und dessen Widersachern. Die Wahlen von 2009 und 2016 waren von Unregelmäßigkeiten überschattet, sie wurden nie geklärt. Der „Africa Cup“ ist schlicht zu einer Geisel dieser Situation geworden.

„Libreville“ spielt kurz vor der Parlamentswahl von 2009, die damals den Sohn des früheren Präsidenten an die Macht gebracht hat. Im Buch tragen diese Politiker fiktionale Namen, und Sie weisen auch darauf hin, dass etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und tatsächlichen Begebenheiten rein zufällig sind. Gleichwohl beruhe alles auf Tatsachen. Wie nahe sind Sie an der Realität?

Präsident Omar Bongo starb 2009 in Barcelona, nachdem er mehr als 40 Jahre unser Land regiert hat. Diese Situation hat unser Land in ein ungewisses Schicksal geworfen. Dynastien übrigens gibt es auch mit den Bushs in den USA, mit den Clintons. Ich wollte und will verstehen, was da bei uns Gabun passiert und habe in „Libreville“ all die politischen Akteure eingeführt, die in dieser Übergangsperiode eine Rolle spielen.

Könnte es gefährlich werden, in Gabun über gewisse Dinge zu schreiben?

Ich habe noch nie irgendwelche Probleme mit meinen Büchern gehabt, aber es ist immer gefährlich, in Gabun über das politische Leben zu schreiben. In vielen afrikanischen Staaten ist das so. Die Politiker haben sich ein gottgleiches Recht angewöhnt, für alle anderen zu sprechen, und sie lassen sich nicht gerne von anderen zu ihren Handlungen befragen.

Wer sind die Hauptakteure in Ihrem Land? Ist Gabun noch ein Ölland?

In den Nachwirkungen des Wahlsiegs von Ali Bongo, dem Sohn des früheren Präsidenten, ist die Regierungspartei zerbrochen. Einige der früheren Barone des Regimes füllen jetzt die Ränge der traditionellen Opposition. Ali Bongo hatte 2009 die Wahl gewonnen. Das gleiche Szenario hat sich jetzt 2016 wiederholt, wieder mit dem gleichen Resultat. Man kann Ali Bongo vieles vorwerfen, aber er hat die Wirtschaft Gabuns auf breitere Füße gestellt, denn unser Öl wird knapp(er). Frankreich ist nicht mehr unser einziger Hauptwirtschaftspartner. Heutzutage spielt China in den afrikanischen Volkswirtschaften eine größere Rolle. Das ist auch so in Gabun.

Ich habe im Internet ein Zitat von Ihnen gefunden: „Das Leben in Afrika ist, wie jeden Tag in einem Kriminalroman zu sein. Deshalb bin ich Autor geworden.“ Wirklich? Sehen Sie das so?

Ich kann mich nicht erinnern, das je gesagt zu haben. Bitte verwenden Sie es nicht – nein, besser: Dementieren Sie solchen Unsinn.

Ich habe gelesen, dass Sie in nicht gerade üppigen Verhältnissen groß geworden sind. Stimmt das?

Ich bin in einem der größten Slums von Libreville aufgewachsen, allgemein bekannt als die “United States of Akébé“. Ich bin kein Gelehrter, ich habe nie studiert. Es war mein Appetit aufs Lesen, der mich zum Schreiben gebracht hat. Und damit geht es mir ziemlich gut.

Können Sie sich, was Libreville angeht, James Ellroy anschließen, der als sein Motto für „White Jazz“ einen Satz von Ross Macdonald zitiert: „Am Ende gehört er mir, der Ort meiner Geburt, und seine Sprache besitzt mich.“

Aber ja. Das kann ich schnurgerade von James Ellroy übernehmen. Mit Libreville habe ich die gleiche Liebesbeziehung wie mit der französischen Sprache.

Es ist sehr farbkräftig, wie Sie Sprichworte und Ausdrücke der Umgangssprache verwenden: „Ein Kerl so lang wie ein Tag ohne Brot“, „Du trinkst Wasser mit der Gabel“, „embaumés“ (die Einbalsamierten) für die Importhähnchen aus Europa…. Ist das sehr typisch für Gabun?

Überall im französischsprachigen Afrika gibt es ein gesprochenes Französisch, das im Gegensatz zum Sprachgebrauch in Frankreich steht. Ich schreibe nicht in meiner Sprache, um ein wenig lokale Farbe zu bekommen. Im Gegenteil, das auch nochmal zu dem Ellroy-Zitat eben: Unsere mit Sprichworten getrüffelte Sprache, der lokale Slang, der Argot und unsere Wortschöpfungen sind es, die meiner Vorstellungskraft Ausdruck geben und sie formen.

Pierre-Emerick Aubameyang, der bei uns für Borossia Dortmund spielt, ist der Kapitän Ihrer Nationalmannschaft. Was sollten wir Deutschen über Fußball in Gabun wissen?

Pierre-Emerick Aubameyang ist einer unserer besten Fußballspieler. Unglücklicherweise ist Gabun jetzt im Januar 2017 schon in der ersten Runde der afrikanischen Fußballmeisterschaft ausgeschieden, und das, obwohl unser Land dieses Jahr diesen Wettbewerb organisiert. Fußball ist der beliebteste Sport in unserem Land. In meiner Muttersprache Teke heißt das „Bulu“ (der Ball).

Das bringt uns zu den Sprachen, die in Ihrem Land gesprochen werden. Ich habe gelesen, es sind mehr als 40. Französisch ist aber die Hauptsprache?

Gabun ist ein Land mit 40 Ethnien und Sprachen. Die Amtssprache ist Französisch, das ist ein Erbe der Kolonialzeit. Wir sind 1960 unabhängig geworden. Das Französisch, das wir sprechen, ist sehr besonders, weil wir es ziemlich verbiegen, um unsere Erfahrungen und unsere Welt damit darstellen und ausdrücken zu können. Sie können das ruhig farbig nennen. (Lacht.)

Sie arbeiten für eine Fluggesellschaft, stimmt das?

Von meinen Büchern kann ich nicht leben. Ich arbeite in der Personalabteilung einer Luftfahrtgesellschaft in Libreville.

Ihre Polizisten haben kaum Arbeitsmittel. Auch ihre Methoden sind, sagen wir, ziemlich hemdsärmelig. Wie realitätstüchtig ist das?

Wie überall in Afrika dient die Polizei nicht den Bürgern, sondern eher den Regierungen. Und weil es keine anderen Möglichkeiten gibt, beruhen ihre Methoden meist auf Folter, Gangstertum, Erpressung und Korruption, wie ich das in den meisten meiner Romane beschreibe. Natürlich sind nicht alle Polizisten korrupt. Es gibt auch die mit einem Sinn von Verantwortung.

So sind wir also nun zum Kriminalroman zurück. Sie schreiben Ihre Version von „African Noir“, oder wie würden Sie es nennen?

Ich würde nicht sagen, dass ich den afrikanischen Polar in allen Aspekten repräsentiere. Jedes Land unseres Kontinents hat hier ebenso seine Eigenheiten, wie das auch in Europa der Fall ist. Insofern schreibe ich „polar noir“ aus Gabun.

(Das Gespräch fand Ende Januar 2017 statt. Übersetzungen: Pierre Astier)

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