Gauner, Gangster, Ganoven

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Gauner, Gangster, Ganoven

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Von Wallace Stroby, Nicholas Searle, Denis Johnson, Giancarlo de Cataldo und Les Edgerton: Aktuelle Kriminalromane, die aus der Sicht von “Verbrechern” erzählen.

Wallace Stroby: Geld ist nicht genug

Crissa Stone ist was Besonderes. Sie ist ein Outlaw, Bankräuberin, Superheldin auch irgendwie, eine Gangsterin auf jeden Fall. Klar, weibliche „Helden“ sind in der Spannungsliteratur auf der anderen Seite des Gesetzes auch jenseits von Landhaus-Giftmorden längst Normalität, Killerinnen, Spioninnen, Polizistinnen sowieso. Aber im Subgenre des Gangsteromans sind sie immer noch eher Ausnahme, und insofern ist Crissa Stone, die Heldin von Wallace Stroby eben – etwas Besonderes. In „Geld ist nicht genug“, dem zweiten Roman mit ihr, der jetzt ins Deutsche übersetzt wurde, muss sie nicht bloß einem älteren Herrn, der nach Jahren im Zeugenschutz enttarnt wurde, den Hintern retten, sondern auch einer ganzen Gruppe hemmungloser New Yorker Mafia-Schergen rund um einen Typen namens Danny Talifierro den Schneid abkaufen, weil sie Benny, dem ehemaligen Kronzeugen, samt seiner Geliebten nicht nur nach dem Leben trachten. Wegen der Beute aus einem großen Raubüberfall, der anderen New Yorker Mafiosi schon vor fast 40 Jahren gelang, Benny könnte wissen, wo der Beute lagert, an der alle, Crissa inklusive, interessiert sind. Und so kommt ein recht blutiger Reigen an kriminellen Folgeereignissen in Gang… – „Geld ist nicht genug“ (Pendragon, Euro 17) bietet klar geplottete, reduziert geschriebene Genreliteratur mit Pfiff und Tempo; Witz und Spannung halten sich elegant die Waage. Gut gemachte Unterhaltung, ist vielleicht hier und da etwas glatt und geleckt, aber die treffsicheren Dialoge und die böse Situationskomik auf Kosten von Taliferro und seinen Leuten machen das dicke wieder wett.

Nicholas Searle: Das alte Böse

Romane mit Senioren, die nochmal neue Abenteuer erleben, sind in Mode. Zwangsläufig spielen dabei natürlich auch die Leben, die diese Senioren hatten, also die vergangenen Abenteuer, eine Rolle. Wenn sie denn welche erlebt haben. Bei den zwei alten Herrschaften, von denen Nicholas Searle in seinem Debütroman „Das alte Böse“ (Kindler, Euro 19,95) erzählt, ist das definitiv der Fall, wenn auch ganz und gar anders, als es zunächst, am Anfang der Lektüre, scheint: Betty und Roy, beide um die 80, haben sich über ein Online-Dating-Portal kennen gelernt, bald zieht er bei ihr ein. Roy ist allerdings nicht der nette, nur leicht schusselige Opa, der er zu sein vorgibt, sondern ein Betrüger, der sich im Alter auf´s Witwenausnehmen verlegt hat. Und genau das hat er auch mit Betty vor. Die verfügt allerdings über eigene Pläne, und zwar über welche, die es in sich haben; die Frage ist, wer am Ende die Nase vorn haben wird. Hört sich an wie eine nette Gauner-Geschichte für Bestager, aber „Das alte Böse“ ist und kann viel mehr als das, was eben mit den Lebensgeschichten der beiden Protagonisten zu tun hat: Auch Betty ist nicht die Person, die sie zu sein scheint; beide haben viel erlebt, sehr viel sogar; und die Zwei sind sich, so viel kann man verraten, vor sehr langer Zeit schon einmal begegnet. „Das alte Böse“ ist ein Buch mit sehr viel Potential, tolle, kreative Idee mit starker Schlusswendung; klasse, wie die Ebenen dieser Geschichte aus „der“ Geschichte ins Heute ragend verzahnt sind. Schade nur, dass die Story hier und da arg konstruiert und vorhersehbar erzählt wird, auf der Spannungsebene wäre mehr drin gewissen – ob es sich, wie das Cover behauptet, tatsächlich um einen „Thriller“ handelt, darüber könnte man diskutieren…

Denis Johnson, Gianrico De Cataldo, Les Edgerton

Last not least noch ein paar kurze Tipps für Interessierte, die sich darüber hinaus noch weiter mal etwas intensiver mit Gaunern und Konsorten befassen wollen: Denis Johnson lässt in „Die lachenden Ungeheuer“ (Rowohlt, Euro 22,95) auf der Suche nach dem großen Deal einen korrupten Nato-Geheimdienstler und einen desertierten US-Militär afrikanischer Herkunft durch Sierra Leone, Uganda und den Kongo reisen; eine surreal anmutende Irrfahrt als Spiegel des realen Chaos, das (nicht nur) westliche Mächte vielerorts in Afrika anrichten, insbesondere wenn es um „Sicherheitsinteressen“ geht. Bei Gianrico De Cataldo, dem italienischen Mafia-Chronisten („Suburra“), trifft in „Der Vater und der Fremde“ (Folio, Euro 20) ein Beamter aus dem Justizministerium auf einen mysteriösen persischen Geschäftsmann, dem der Geheimdienst auf den Fersen ist, die beiden eint, dass sie behinderte Söhne haben; ein kleines Buch, eher eine Stilübung, im Zentrum steht weniger „das Verbrechen“ als der emotionale Umgang mit der Behinderung der Söhne. Und Les Edgertons „Der Vergewaltiger“ (Pulp Mater, Euro 12,80) führt ins Herz des Bösen, zu einem Mann, der in der Todeszelle sitzt, kurz vor der Hinrichtung monologisiert er bar jeden Schuldgefühls über seine Tat und über sein nun endendes Leben; extraharter Stoff, eine nihilistische Reflexion über Schuld und Sühne, die darauf hinausläuft, dass es mit „der“ Schuld häufig nicht so eindeutig ist, wie es möglicherweise erstmal scheint.

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