Grenzgänger, hier und da

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Grenzgänger, hier und da

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Hüben – oder drüben? Grenzen unterscheiden zwischen Wohl und Wehe, zwischen Arm und Reich, häufig auch: über Leben und Tod. Diese Unterscheidung passiert jeden Tag an Hunderten Grenzen der Welt – die symbolstärkste ist aber sicher die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Der Flüchtlingstreck, der sich derzeit von Mittelamerika aus auf diese Grenze zubewegt, zeigt natürlich besonders schlagkräftig, wie stark der Migrationsdruck in Ländern wie Honduras, Guatemala oder El Salvador ist, wie unerträglich für die Menschen in ihrer Heimat das ist, was man gemeinhin „Fluchtursachen“ nennt – aber auch jenseits dieses Schlaglichts fand und findet auf diese Route jeden Tag Flucht und Migration statt, teils unter krassen Bedingungen.

Davon zeugt zum Beispiel „Ich hatte einen Traum. Jugendliche Grenzgänger in Amerika“, das neue Buch des mexikanischen Schriftstellers Juan Pablo Villalobos (Berenberg, 2018. Aus dem Spanischen von Carsten Regling. Euro 22,–). Die Mutter lebt für´s Geldverdienen in den USA, der Vater ist längst weg, die Kids wuchsen bei den Großeltern auf, bis diese zu alt sind oder sterben – also bleibt für die 10-, 12- oder 15jährigen keine andere Wahl, als sich auf den Weg über die Grenze zum Wohlstand zu machen, mit oder ohne Wissen der Mutter. Das ist das typische Muster, der Geschichten die Villalobos im Gespräch mit elf Jugendlichen recherchiert – und mit sacht eingesetzten literarischen Mitteln aufbereitet hat. Unglaublich, welchen Mut und welchen Willen diese Jugendlichen aufbrachten – unfassbar, welche Wege sie, die ja meist im Prinzip noch Kinder sind, eingehen und überstehen müssen. Ein wichtiger Beitrag zum Blick auf die Migration, dieses Buch, sehr interessant und spannend. Und erschütternd.

Wenn´s um die mexikanisch-amerikanische Grenze (und überhaupt um Mexiko) geht, kennt sich hierzulande kaum jemand so gut aus wie die Potsdamer Anthropologin Jeanette Erazo Heufelder, Tochter einer Deutschen und eines Ecuadorianers, davon zeugt einmal mehr auch ihr neuestes Buch „Welcome to Borderland. Die US-mexikanische Grenze“ (Berenberg Verlag, 2019, Euro 25,–) DIE Grenze der Welt (nicht nur) in Sachen Migration aus allen möglichen Perspektiven betrachtet, historisch, kulturgeschichtlich, politisch natürlich, ökonomisch, mit Blick auf den Drogenhandel, in Anbetracht der Migration gestern und heute natürlich ebenfalls. Eine Grenze, so zeigt sich, die in vielfacher Hinsicht fluide ist und durchlässig – und die letztlich auch nicht irgendwie historisch gewachsen entstand, sondern als (machtpolitische) Setzung, mitten hinein in ein Gebiet, in dem hier wie da, hüben wie drüben Latinas und Latinos dominieren. Mal abgesehen davon, dass weite Flächen der us-amerikanischen Grenzgebiete sowieso lange mexikanisch waren. Informative Hintergrundlektüre, mit leichter Hand geschrieben und voller Aha-Effekt – spannend!

Natürlich ist diese Grenze zwischen Mexiko und den USA – bzw. zwischen den USA und Mexiko – auch aus der „anderen“ Perspektive ein Thema. Zum Beispiel, ein Klassiker-Motiv der Genreliteratur, als Fluchtpunkt für Menschen, die den strengen US-Gesetzen entgehen wollen oder müssen. Aktuell erschienen zum Beispiel im neuen Dave-Robicheaux-Roman James Lee Burke, dem Großmeister der US-Spannungsliteratur: „Flucht nach Mexiko“ (Pendragon Verlag, 2018. Übersetzt von Jürgen Bürger. Euro 18,–) Mehr dazu demnächst an dieser Stelle bei „Noller liest“.

Und sonst, zum Thema Grenzgänger: „Grenzgänger“, der neue Roman der Bielefelder Schriftstellerin Mechthild Borrmann, die es wie keine Zweite versteht, die Kriegs- und Nachkriegszeit in Deutschland in ihren Romanen spürbar zu machen und lebendig werden zu lassen. Also: Weg von der Symbolgrenze zwischen Mexiko, hin zur deutsch belgischen – in den 1940er und 1950er Jahren. Die Menschen darben und hungern, viele sind kriegstraumatisiert, alle müssen sich irgendwie durchschlagen. So zum Beispiel Henni aus einem Dorf in der Nähe von Aachen, die ihre kleineren Geschwister durchbringen muss, nachdem die Mutter gestorben ist – und die sich nicht anders zu helfen weiß, als zur Kaffeeschmugglerin zu werden. Eine Entscheidung, die eigentlich keine ist, denn Henni hat kaum eine andere Wahl – eine Entscheidung aber auch, die fatale Konsequenzen haben wird, für sie und auch für ihre Geschwister, ein Leben lang. Mechthild Borrmann erzählt davon mit den Mitteln des Kriminalromans, die allerdings ganz sacht und sowieso sehr schlau eingesetzt werden; toll geschrieben und klasse konstruiert, diese Geschichte, mit Blick auf die „kleinen Leute“, auf Frauen, auf Kinder und Jugendliche. Ein ganz großer kleiner Roman, der das Herz am rechten Fleck hat, auf jeden Fall …

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