Black Noir

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Klasse Krimis aus Haiti und Gabun – von schwarzen Autoren mit schwarzen Ermittlern, Black Noir, sozusagen. “Suff und Sühne” von Gary Victor (Litradukt Verlag, Euro 11,90) und “Libreville” von Janis Otsiemi (Polar Verlag, Euro 14,90)

Gary Victor: Suff und Sühne

Gary Victor, geboren 1958, stammt aus Haiti, er ist dort ein sehr bekannter Journalist und auch Autor. Er hat schon so einiges veröffentlicht – hierzulande bekannt wurde er mit zwei Krimis, „Schweinezeiten“ und „Soro“. Beide waren richtig gut, waren auch auf der Krimibestenliste.

In „Suff und Sühne“, seinem neuen Roman, geht’s wieder um den Inspektor Azémar, der der einzig nicht korrupte Bulle in Port-au-Prince ist. Der Polizist ist besonders schlecht drauf, er macht eine Entziehungskur, die Folgen sind höllisch, und natürlich taucht genau im Moment einer besonders üblen Krise eine junge Frau aus Brasilien in seiner vermüllten Wohnung auf, die Tochter des ehemaligen Chefs der UN-Mission. Sie will Azémar töten, weil sie glaubt, dass er ihren Vater umgebracht hat; er kann sich an nichts erinnern, aber sie hat Fotos. Eine Ratte, die durch die Wohnung streift, rettet Azémar erstmal, aber plötzlich stürmen Soldaten das Haus – und bringen die Frau um. Der Kommissar kann gerade so entkommen, nun ist er ein Gejagter, und natürlich muss er unbedingt herausfinden, was damals, beim vermeintlichen Selbstmord des UN-Chefs tatsächlich passiert ist…

„Suff und Sühne“ ist ein toll erzählter, packender Ermittlerkrimi mit Thrillerelementen. Gary Victor bedient einerseits die Krimi-Erzählmuster versiert und kreativ; andererseits nutzt er diese Muster, um den Finger in die Wunde zu legen, um so von politischen und gesellschaftlichen Prozessen in Haiti erzählen, dass es weh tut. Keine Frage: einer der interessantesten Autoren der internationalen Krimilandschaft derzeit.

Janis Otsiemi: Libreville

Ein spannender Newcomer: Janis Otsiemi, ein Kriminalschriftsteller aus Gabun, dessen Roman „Libreville“ der Polar Verlag dankenswerterweise jetzt ins Deutsche übertragen hat. Vor allem anderen, kann man sagen, geht es in diesem Roman tatsächlich um die Stadt, die dem Buch den Titel gibt, also um Libreville, die Hauptstadt Gabuns. Eine afrikanische Metropole, wie sie hier im wahrsten Sinn des Wortes im Buche steht. „Libreville“ ist ein Polizeiroman – und zugleich eine Art Zeit- und Sittenportrait dieser Metropole wie auch des Landes, das sie repräsentiert.

Janis Otsiemi erzählt nicht bloß einen, sondern gleich mehrere Fälle parallel: Ein Betrüger hat das Scheckheft eines korrupten Exministers geklaut, der Mann ist ein wichtiger Kunde, er hat immer noch Einfluss. Eine Mutter mit ihrem Baby ist nachts totgefahren worden, der Fahrer hat Unfallflucht begangen. Ein übler Perverser hat junge Mädchen nackt gefilmt und die Filme ins Netz gestellt, woraufhin sich zwei 15jährige umgebracht haben. Im Zentrum steht allerdings der Hauptfall eines getöteten Journalisten, dessen Leiche – ausgerechnet – in der Nähe des Verteidigungsministeriums am Strand angespült wird. Das kann alles und nichts heißen: Möglicherweise steckt der Verteidigungsminister, ein Sohn des Diktators, mit seinen Leuten dahinter; möglicherweise soll auch einfach der Verdacht in diese Richtung gelenkt werden. Auf jeden Fall: hoch brisant. Und die entscheidende Frage ist natürlich: Woran hat die Journalist gearbeitet?

Janis Otsiemi, geboren 1976, stammt aus Gabun und lebt auch dort – im Brotberuf arbeitet er in der Personalabteilung einer Fluggesellschaft. Er hat schon einige Bücher veröffentlicht, unter anderem auch politische Essays. Die – wie auch seine Krimis – schreibt er, sagt Otsiemi, weil er wissen will, wie das Land tickt und funktioniert; er will die Gesellschaft verstehen, in der er lebt. Und wie Otsiemi in „Libreville“ das Miteinander in Libreville auslotet, über die Ermittler, von denen er erzählt, nicht bloß von ihren Fällen, auch aus dem Privatleben, das ist schon grandios. Was Otsiemi nicht so sagt, aber durchaus mitschwingen lässt: Er ist auch ein ziemlich radikaler Gesellschaftskritiker. Aber es wäre wohl zu gefährlich, das auch genau so zu benennen.

Toll jedenfalls, wie Otsiemi diesen, seinen Blick auf das Land in Literatur verpackt: „Libreville“ ist ein extrem vielschichtiger, geschickt erzählender, ausgesprochen reichhaltiger Polizeiroman, der vor Erzähl- und Spielfreude geradezu glänzt, eine echte Entdeckung.

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