Literatur aus Syrien: Interview mit der Übersetzerin Larissa Bender

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Literatur aus Syrien: Interview mit der Übersetzerin Larissa Bender

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Die Islamwissenschaftlerin Larissa Bender ist literarische Übersetzerin und Journalistin; die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen insbesondere bei der Politik, Gesellschaft und Kunst Syriens. Larissa Bender, die in Köln lebt, gilt als eine der anerkanntesten ÜbersetzerInnen aus dem Arabischen. Ein paar Fragen zum Stand der Dinge in der Literatur Syriens – und daran anschließend eine Liste mit den zeitgenössischen syrischen Romanen, die Larissa Bender im Moment am interessantesten findet. Spannend zur Einführung auch ein Band mit Bildern, Texten und Fotografien, den sie selbst herausgegeben hat: “Innenansichten aus Syrien”, erschienen in der Edition Faust, zu haben für 24 Euro.

Literatur aus Syrien – was gibt es da zu entdecken?
Tatsächlich hat die syrische Literatur in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. Der syrische Literaturkritiker Nabil Sulaiman hat allein für das Jahr 2014 die Veröffentlichung von achtzehn Romanen syrischer Autoren gezählt, die Hälfte von ihnen von Frauen geschrieben. Allein sechs dieser Werke waren Debüts. Und bis auf zwei setzten sich alle mit den Ereignissen in Syrien seit 2011, also dem Beginn der Aufstände und dem Abrutschen in einen national und international geführten Krieg auseinander.

Wie haben SchriftstellerInnen auf den Aufstand gegen das Assad-Regime reagiert?

Sie schreiben darüber. Sie verarbeiten die Ereignisse literarisch. Viele haben, solange sie noch in Syrien lebten, alles aufgezeichnet, was sie gesehen und erlebt haben. Manche, wie Samar Yazbek oder Rosa Yasssin Hassan, haben gezielt recherchiert, sind durchs Land gefahren und haben die Menschen interviewt. Die Ergebnisse ihrer Recherchen sind dann in ihre Bücher eingeflossen. Viele betrachten es geradezu als ihre Aufgabe, das, was in Syrien geschieht, zu dokumentieren, um ein Gegengewicht zu den staatlich kontrollierten Medien darzustellen.

Welche Folgen hatte der Krieg für die Literatur aus Syrien?
Es war ja zunächst einmal ein Aufstand gegen ein diktatorisches Regime, bevor es ein Krieg wurde. Viele Künstler und Schriftsteller hatten zunächst die Hoffnung, sich endlich frei und ohne Zensur ausdrücken zu können. Immer wieder hieß es, die Mauer der Angst sei eingestürzt. Das führte zu einer nie dagewesenen künstlerischen Produktion. Aber die Künstler und Schriftsteller haben für ihre neu gewonnene Freiheit einen hohen Preis zahlen müssen. Die Mehrheit von ihnen ist vor Verfolgung aus dem Land geflohen. Nun leben viele von ihnen in Europa, insbesondere in Deutschland, wo ihnen vergleichsweise viele Türen offenstehen. Es gibt etliche Lesungen mit syrischen Schriftstellern und Veröffentlichungen ihrer Texte und Gedichte in Zeitungen und Zeitschriften.

Welche Rolle spielt Niroz Malek mit seinem „Spaziergänger von Aleppo“?
Das ist schwer zu sagen, denn die Texte sind auf Arabisch noch nicht als Buch erschienen. Er hat sie auf Facebook veröffentlicht. Das ist nicht außergewöhnlich, viele Schriftsteller nutzen Facebook als Mittel, um ihre Texte publik zu machen. Die Texte von Niroz Malek haben aber meiner Meinung nach eine ganz besondere Tiefe.

Niroz Malek arbeitet mit den Mitteln des Surrealismus. Ist das typisch? Mit welchen literarischen Strategien schreiben syrische SchriftstellerInnen über den Krieg in Syrien?
Ja, das Mittel des Surrealismus und das Metaphorische sind tatsächlich wichtige Stilmittel der arabischen Literatur. Das gilt wahrscheinlich aber noch mehr in einer Zeit, in der Tod, Vertreibung, Krieg, Verlust, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung die eigene Existenz und das eigene Selbstverständnis massiv bedrohen. Um das zu verarbeiten, ist es vermutlich unumgänglich, Grenzen zu überschreiten, weil ja da eigene Leben in einem ständigen Zustand von Grenzüberschreitungen stattfindet.

Inwiefern schreiben „die Jungen“ anders als „die Alten“?
Ich glaube, die jüngeren Schriftsteller sind experimentierfreudiger als die älteren. Außerdem sind sie in ihrem Schreiben freier, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass sie im Ausland keine Zensur fürchten müssen. Aber wie sich die syrische Literatur in Zukunft entwickelt, ob das dringende Bedürfnis, zu schreiben, bei so vielen weiter anhält, ob es eine syrische Exilliteratur geben wird, all das wird auch davon abhängen, wie die Situation in Syrien weitergeht.

Zuletzt gab es relativ wenig Übersetzungen aus dem arabischen Sprachraum ins Deutsche, warum?
Das ist richtig, die Verlage haben sich in letzter Zeit noch stärker als sonst mit arabischer Literatur zurückgehalten. Zur letzten Frankfurter Buchmesse ist kein einziger aus dem Arabischen übersetzter Roman auf Deutsch erschienen. Das war schon recht ungewöhnlich. Vielleicht haben sie auf den ultimativen Roman über den Arabischen Frühling gewartet. Wenn es um arabische Literatur geht, spielen ja meistens nach wie vor andere Kriterien eine Rolle als die Qualität oder die Universalität der Literatur. Häufig sollen einfach bestimmte Erwartungen bedient werden, und wenn die gängigen Klischees vom Araber und Muslim, von der Brutalität der Gesellschaft oder der Frauenunterdrückung nicht thematisiert werden, verlieren viele Verlage das Interesse. Man muss allerdings eingestehen, dass sich die Entwicklung allmählich wieder umkehrt. Sich mit der Literatur des Heimatlandes auseinanderzusetzen, aus dem viele der Menschen kommen, die zu uns geflohen sind, ist meiner Meinung nach auch sehr wichtig. Literatur kann schließlich Verständnis für den Anderen wecken.

Arbeiten Sie an neuen Projekten? Was dürfen wir demnächst erwarten?
Zurzeit übersetze ich Prosagedichte des in Schweden lebenden palästinensisch-syrischen Lyrikers Ghayath Almadhoun sowie einen neuen Roman der syrischen Autorin Dima Wannous, von der ich schon den Kurzgeschichtenband “Dunkle Wolken über Damaskus” ins Deutsche übertragen habe. Beide Bücher werden nächstes Jahr erscheinen.

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Auf Deutsch: Literatur aus Syrien. Acht Tipps von Larissa Bender

Niroz Malek: Der Spaziergäner von Aleppo. Miniaturen.
Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Weidle Verlag 2017

Hamed Abboud: Der Tod backt einen Geburtstagskuchen. Texte.
Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Verlag pudelundpinscher 2017
Arabisch-deutsche Ausgabe.

Samar Yazbek: Die gestohlene Revolution. Reise in mein zerstörtes Syrien. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Verlag Nagel & Kimche 2015 (arabisch 2015)

Dima Wannous: Dunkle Wolken über Damaskus. Geschichten. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Nautilus Verlag 2014 (arabisch 2007)

Samar Yazbek: Die Fremde im Spiegel. Roman. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Verlag Nagel & Kimche 2014 (arabisch 2010)

Fawwaz Haddad: Gottes blutiger Himmel. Roman.
Aus dem Arabischen von Günther Orth. Aufbau Verlag 2013 (arabisch 2010)

Rosa Yassin Hassan: Wächter der Lüfte. Roman. Aus dem Arabischen von Stephan Milich und Christine Battermann. Alawi Verlag 2013 (arabisch 2009)

Nihad Siris: Ali Hassans Intrige. Roman. Aus dem Arabischen von Regina Karachouli. Lenos Verlag 2008 (arabisch 2004).

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