“Literaturen ohne festen Wohnsitz” – ein kleiner Rückblick auf die litprom-Literaturtage 2020

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“Literaturen ohne festen Wohnsitz” – ein kleiner Rückblick auf die litprom-Literaturtage 2020

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“Ohne festen Wohnsitz” – dieser Begriff für Literatur “mit Migrationshintergrund”, wie man so sagt, stammt wohl vom Potsdamer Romanisten und Literaturwissenschaftler Ottmar Ette. Migration ist eines DER Themen unserer Zeit schlechthin, und natürlich sind auch Schreibende zunehmend unterwegs zwischen verschiedenen Kulturen.

Das zu erkunden, war das erklärte Ziel der Literaturtage 2020: “Wir wirken sich die Orts- und manchmal auch die damit verbundenen Sprachwechsel auf die literarische Arbeit der Autor*innen aus? Wie schlagen sich diese thematisch in den Werken nieder? Welche Bedeutung haben Begriffe wie Heimat und Herkunft, die im Zug des sich ausbreitenden Nationalismus auch bissbräuchlich verwendet werden? Ist es wirklich so einfach, Kosmopolit*in zu sein, oder gar die einzig erstrebenswerte Daseinsform? Ist das Konzept von Nationalliteratur noch aktuell oder müssten wir längst von globaler Literatur sprechen?”

Zehn Schriftsteller*innen aus verschiedensten Weltgegenden waren zu Gast, allesamt mit Migrationserfahrung, auf unterschiedlichste Arten und Weisen allerdings. Einer von ihnen, Eduardo Halfon, hat eine klare Meinung zur Frage von Nation und Nationalliteratur – ein Konzept, das sich ihm nicht erschließt:

Wenig verwunderlich, wenn man die Familiengeschichte von Eduardo Halfon kennt, die zugleich auch der Roh-Stoff ist, aus denen er seine Geschichten zaubert: Die Generation der Großeltern kam aus aller Welt nach Guatemala, von dort musste die Familie wegen des Bürgerkriegs in die USA migrieren, heute lebt er immer da, wo sich eine Einkommensmöglichkeit auftut, derzeit in Paris.

Auch die argentinische Comic-Künstlerin Nacha Vollenweider, für mich eine der großen Entdeckungen der Literaturtage, nutzt das eigene Leben als eine Art Steinbruch für ihre Geschichten:

Warum Deutschland? Nacha Vollenweider, die ihre Geschichten auch auf Deutsch textet, hat sich für die Wurzeln ihrer Familie, für die Mythen, die durch die Familiengeschichte wabern, interessiert. Deshalb beschloss sie eines Tages, Deutsch zu lernen.

Einige Jahre lang lebte Nacha anschließend in Deutschland – nach einer Trennung musste sie in die “alte Heimat” zurückkehren. Auch das ein interessanter Aspekt von “Migration und Schreiben”.

Die litprom-Literaturtage sind Ende Januar immer ein literarisches Highlight zum Jahresbeginn, diesmal waren die drei Tage noch intensiver. Wegen der exzellent diversen Besetzung der Tagung, die das Thema “Literatur und Migration” in seiner ganzen Vielschichtigkeit plastisch gemacht hat. Wohl aber auch wegen des Themas an sich: Persönliche “Betroffenheit” korrespondiert mit den verschiedensten ästhetischen Wegen der literarischen Umsetzung, das Ergebnis ist: Intensität.

Eine spannende Frage in diesem Kontext ist natürlich auch die der sprachlichen Gestaltung der entstehenden Geschichten. Dazu Tomer Gardi, der aus Israel stammt und in Berlin lebt:

Tomer Gardi schreibt mal auf Hebräisch, mal auf Deutsch – und zwar in seinem “gebrochenen Deutsch”, seinem “Broken German”, das seinem zweiten Buch auch den Titel gab. Das, so viel wurde deutlich, darf man auch als Statement verstehen: Wem gehört eine Sprache? Na, niemanden. Beziehungsweise: allen. Also auch denen, die sie (noch) nicht perfekt beherrschen. Und so hört sich das dann beispielsweise an:

“Sprachwechsler und Spracherfinder”, so Thema des Workshops, bei dem Tomer Gardi gemeinsam mit Yoko Tawada zu Gast war. Sie stammt aus Japan, lebt schon seit den 1980er Jahren in Deutschland, schreibt mal auf Japanisch, mal auf Deutsch. Sehr oft sind ihre Texte auch Sprach-Erkundungen, aus den Reibungen, die sich aus einem Leben zwischen den Sprachen ergeben, entstehen Reflexion und Poesie. Mehr dazu demnächst auf diesem Blog …

Auf dem Bild sieht man alle Gäste – außer Ravi Hage (Libanon/Kanada), der zu dem Zeitpunkt noch im Flugzeug saß. Von oben nach unten und von links nach rechts: Youssouf Amine Elalamy (Marokko), Yoko Tawada (Japan/Deutschland), Tomer Gardi (Israel/Deutschland), Pedro Kadivar (Iran/Frankreich/Deutschland), Nacha Vollenweider (Argentinien/Deutschland), Sharon Bala (Sri Lanka/Dubai/Kanada), Carmen Aguirre (Chile/Kanada), Lesley Nneka Arimah (Nigeria/USA), Eduardo Halfon (Guatemala/USA/Frankreich).

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