Literaturtipp März: Neue Romane von Kim Thúy und Feridun Zaimoglu

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Literaturtipp März: Neue Romane von Kim Thúy und Feridun Zaimoglu

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Ganz frisch auf dem Buchmarkt: „Die vielen Namen der Liebe“, der neue Roman der vietnamesisch-kanadischen Autorin Kim Thúy, die gerade auf Lesereise in Deutschland unterwegs ist – und „Evangelio“, der neue Roman von Feridun Zaimoglu, der ebenfalls allerorten auf Tour ist.

Erinnert sich noch jemand an die „Boat People“? Flüchtlinge aus Vietnam also, die nach der Wiedervereinigung in den 1970er Jahren zu Zigtausenden flohen, und zwar in Booten, viele ertranken, viele wurden von Piraten ermordet, die Überlebenden in aller Herren Länder verstreut, wo sie sich seither durchschlagen.

Kim Thúy, geboren 1968, erzählt in ihrem dritten Roman die Geschichte einer solchen Familie, genauer gesagt die einer Mutter, die sich samt ihrer vier Kinder auf die gefährliche Flucht wagt und schließlich in Kanada landet, der Vater, ihre große Liebe, bleibt in Vietnam. Erzählt wird aus der Perspektive von Vi, der Jüngsten; und ihre Erzählung umspannt die Familiengeschichte von den 1950er Jahren bis in die Gegenwart. In ihre Gegenwart, Vi ist eine Einwanderin der zweiten Generation, eine moderne und zunehmend selbstbewusste Frau, die ihren Weg geht und doch permanent zerrissen wird zwischen den Traditionen (des Herkunftslandes, der Familie) und den Freiheiten des „westlichen“ Lebens, die sie sich herauszunehmen wagt, um die sein zu können, die sie sein möchte.

Kim Thúy ist selbst mit 10 Jahren aus Vietnam nach Kanada geflüchtet, und es gibt auch andere Parallelen mit Vi, insofern darf man annehmen, dass vieles von dem, was die Erzählerin berichtet, auf eigenen Erfahrungen der Autorin beruht. „Die vielen Namen der Liebe“ (Kunstmann, 18 Euro) ist ein reichhaltiger Roman, der eine Fülle an spannenden Themen und Geschichten zu bieten hat – trotzdem aber knapp gehalten ist. Diesen reichen Stoff, den andere auf 800 Seiten auswälzen würden, konzentriert Kim Thúy auf abendfüllenden 140 Seiten – extrem angenehm das.

Ein “Luther-Roman“, so lautet der Untertitel von „Evangelio“ (Kiepenheuer & Witsch, 22 Euro), dem neuen Roman von Feridun Zaimoglu. Zaimoglu schreibt zum 500. Jahrestag der Reformation über die Zeit, die Luther in einer Art „Schutzhaft“ auf der Wartburg verbringen musste, zu seinem eigenen Besten, weil Papst und Kaiser und überhaupt die halbe Welt ihm ans Leder wollte. Die Zeit also auch, in der er binnen weniger Wochen die Bibel ins „Teutsche“ übersetzt hat, ein Meilenstein der Geschichte, nicht bloß der christlichen Kirche.

Die Story, die Zaimoglu dazu erfunden hat, ist vor allem die des Landsknechts Burkhard, der den Reformator bewachen und beschützen soll. Eine Art vormoderner Bodyguard also. Aus seiner Sicht werden ein paar entscheidende Monate von und für Luther geschildert, ergänzt durch einige (erfundene) Briefe des „Meisters“, den der Leibwächter bloß dann „Ketzer“ nennt, wenn er mit seinen Gedanken für sich ist. Völlig zu Recht findet der Knappe, der selbst katholisch ist, den berühmten Mönch mit seinen, freundlich gesagt, merkwürdigen Verhaltensweisen ausnehmend schräg. Aber er lernt, den Reformator zunehmend zu schätzen, trotz dessen irrer Phasen, insbesondere wegen Luthers Beharrlichkeit und Unbeugsamkeit. Und so hauen und stechen die beiden sich als ungleiches Team durch ihre Zeit, der eine mit Worten, der andere mit Taten…

“Evangelio“ ist ein besonderes, um nicht so zusagen: einzigartiges Buch zum Lutherjahr, keine Frage. Wegen der, sagen wir, Inbrunst, mit der der Autor sich das Thema angeeignet hat, das spürt man permanent bei der Lektüre. Wegen der beeindruckenden Art und Weise, wie die Zeitumstände, wie das Leben um 1500 stilisiert wird. Vor allem aber wegen der Sprache, die Zaimoglu entwickelt hat, um „seinem“ Luther möglichst nahe auf den Pelz zu rücken. Die Sprache der Lutherzeit sozusagen – wie der Sprachkünstler Feridun Zaimoglu sie sich vorstellt. Das ist alles andere als leicht zugänglich; aber dann, wenn man sich Zugang verschafft hat, ein großes, sinnliches, auch: drastisches Vergnügen.

Zaimoglu ist ja gebürtiger Türke, und er ist Muslim – dass ausgerechnet er sich so an „den“ Deutschen, der Luther ja irgendwie auch ist, heranwagt, das ist eine besondere Pointe dieses Buches. Und wie Zaimoglu dabei mit der „teutschen“ Sprache arbeitet, wie er sich vor ihr verbeugt und sie zugleich auch auf ungeahnte Weise klingen lässt, das ist fantastisch, und eine Hommage auch eben an diese Sprache (nicht nur der Lutherzeit). Sagen wir so: Allen Pluralismusskeptikern, die zur Zeit wieder insbesondere in Bezug auf „die Türken“ laut werden, sollte man dieses Buch als Pflichtlektüre verordnen, „teutscher“ als Zaimoglu geht es eigentlich kaum.

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