Mal was anderes: Literatur zur Migration

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Mal was anderes: Literatur zur Migration

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Eine Woche lang berichtet COSMO aus einer Flüchtlingsunterkunft in Düsseldorf, wo drei KollegInnen vorübergehend eingezogen sind. Hier ein paar Lese-Tipps zur Begleitlektüre.

Schon fast 30 Jahre! So lange gibt’s die großartigen Malausséne-Romane von Daniel Pennac, die mit zum Wichtigsten gehören (für mich zumindest), was die Literatur in diesem Zeitraum hervorgebracht hat: Expeditionen in die Einwanderungsgesellschaft, mit wachem Blick, großem Herzen, sehr viel Witz – und den Mitteln der Kriminalliteratur. („Paradies der Ungeheuer“, Wenn nette alte Damen schießen“ und „Sündenbock im Bücherdschungel“ – alle lieferbar als KiWi-Taschenbücher für um die 10 Euro, am besten in dieser Reihenfolge lesen.)

Klar, Migration war schon immer ein Thema für SchriftstellerInnen, der Literatur wohnt das Thema sozusagen grundlegend inne, in vielerlei Hinsicht, allem voran Übersetzungen, nicht zuletzt in Sachen Exilliteratur. In den letzten Jahrzehnten (der Globalisierung) ist es aber zu dem Thema schlechthin geworden, halt wie im Leben auch. Ein Thema, das Lebenslagen zu Literatur verdichtet – und dabei, was ja nicht das Schlechteste ist, auch jede Menge neue Sicht- und Erzählweisen in der Literatur etabliert hat.

Krimi und Migration

Pennac, dessen Romane man auch als Liebeserklärungen an den Pariser Stadtteil Belleville verstehen kann, ist so was wie ein Initiator dieses Trends im Krimimetier – wo sich die Migration mit allen (mehr oder minder) kriminellen Facetten des Themas längst ebenfalls zu dem Thema schlechthin entwickelt hat, und zwar global gesehen. Dutzende lesenswerte Genreromane könnte man dazu empfehlen, was natürlich nicht geht, jetzt und hier zumindest nicht. Deshalb, beispielhaft: Der Roman „Regengötter“ von James Lee Burke (Heyne, Euro 16,99) ist ein episches Krimi-Drama in Breitwandformat dazu, angesiedelt in Texas, an der Grenze zu Mexiko. „Havarie“ von Merle Kröger (ariadne, Euro 12) erzählt experimentell, als dokumentarischer Thriller gewissermaßen, von den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer; ein Roman zur Stunde, auch noch zwei Jahre nach dem Erscheinen der gebundenen Ausgabe. Sehr besonders sind auch die beiden letzten Thriller von Max Annas, „Illegal“ und „Finsterwalde“, in der der in Berlin lebende Autor mit Geschichten, die an die großen Filme von Alfred Hitchcock erinnern, aus dem Leben von (illegalen) Einwandern erzählt; zwei im besten Sinn radikale Entwürfe. Wichtig auch: Eher „journalistische“ Kriminalromane, in denen Investigativjournalisten ihre Erkenntnisse, etwa über die Verstrickungen der Mafia in die „Flüchtlingsindustrie“, so „verpacken”, dass sie nicht über Gerichtsverfahren in den Ruin getrieben werden, Petra Reski wäre ein Beispiel dafür.

Was interessant ist: Wie die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht, hinkte auch die Normalo-Krimiproduktion in Deutschland dieser zentralen Entwicklung lange Jahre hilflos hinterher, erst in den letzten Jahren wurde das Thema aufgegriffen, weltläufige Ausnahmen wie Detlef B. Blettenberg bestätigen die Regel.

Migration – ohne Krimi

Jenseits des Bereichs der Genreliteratur war das anders, da hatte der Buchmarkt seit den 1990er Jahren ein großes Interesse am Thema der Migration mit all ihren Aspekten. Vorläufer war die so genannte „Gastarbeiterliteratur“, dann kamen (mehr oder minder) selbstbewusste Einwandererkinder der zweiten Generation, die sich ihre eigenen Plätze in der literaturinteressierten Öffentlichkeit erschrieben. Allen voran Feridun Zaimoglu, der eben seit den 90ern publiziert – und der längst zu einem der wichtigsten Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur geworden ist, die er, finde ich zumindest, mit seinem umfangreichen Werk (insbesondere sprachlich) enorm bereichert hat. Mein Zaimoglu-Lieblingsbuch, zumindest im Moment: „Siebentürmeviertel“ (Fischer Taschenbuch, Euro 15). Wer zurück zu seinen Wurzeln will, der sollte „Kanak Sprak/Koppstoff. Die gesammelten Mißtöne vom Rand der Gesellschaft“ anschauen (KiWi-Taschenbuch, Euro 8,–)

Aktuell gibt’s jede Menge spannende Literatur von Einwandern oder Einwandererkindern oder Einwandererkindeskindern – und häufig ist diese Literatur autobiographisch unterfüttert. Eigentlich kann man da (fast) niemanden herausgreifen, das wäre ungerecht, deshalb nur schnell drei Lese-Tipps mit dem Hinweis, dass das eine streng subjektive Auswahl ist, die auch nur dem Moment gerade geschuldet ist. Aber die drei Romane sind jedenfalls so oder so absolut lesenswert, versprochen: „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann (Suhrkamp Verlag, Euro 22, kommt im Dezember als Taschenbuch raus). „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ von Karosh Taha (Dumont Verlag, Euro 22). Und „Ellbogen“ von Fatma Aydemir (Kiepenheuer & Witsch, Euro 20; erscheint Ende September bei DTV für Euro 10,90 auch als Taschenbuch).

Und sonst? Navid Kermani, Erzähler und öffentlicher Intellektueller, darf in solch einer Aufzählung natürlich nicht fehlen – sein Opus Magnum ist der Roman „Dein Name“ (rororo, Euro 16,99); etwas bekömmlicher der Liebesroman „Große Liebe“ (rororo, Euro 9,99) samt Folgeroman „Sozusagen Paris“ (rororo, Euro 10,99). Und natürlich Abbas Khider, der als Asylsuchender Anfang der 2000er-Jahre aus dem Irak nach Deutschland kam – zuletzt erschienen „Die Ohrfeige“ (btb, Euro 10), empfehlenswert außerdem auch „Der falsche Inder“ (btb, Euro 8,99)

Und international?

In der internationalen Literatur gibt’s natürlich ebenfalls jede Menge Geschichten, die sich mit Migration auseinander setzen, weltweit. Ein aktuelles Beispiel: „Nach dem Winter“ (Suhrkamp, Euro 22); ein moderner Liebesroman, geschrieben von der mexikanischen Schriftstellerin Guadeloupe Nettel, die sich zwischen Mexiko, Cuba, Frankreich und den USA damit beschäftigt, was es für Beziehungen bedeuten kann, wenn Menschen in andere Länder ziehen und dort kleben bleiben. Die amerikanische Literatur ist reich bestückt mit Einwanderer(familien)geschichten, klar, das gehört ja auch zum Selbstverständnis des Landes, eigentlich zumindest; ein lesenswertes Beispiel ist der Roman „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie (Fischer Taschenbuch, Euro 10). Pflichtlektüre für Migrationsskeptiker: „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq, der satirisch für Frankreich durchkonjugiert, was passieren könnte, wenn „die Muslime“ die Macht übernehmen. (Dumont, Euro 10,99) Sehr spannend last not least auch „Exit West“ (Dumont Verlag, Euro 22) von Mohsen Hamid, einem Schriftsteller, der die so genannte „Flüchtlingskrise“ aus pakistanischer Perspektive beschreibt – als ein Phänomen, das kein Mensch, kein Populist, kein Regierender irgendwie regeln, begrenzen oder beenden kann, sondern mit dem man, irgendwie, „menschlich“ umgehen muss, es gibt sowieso keine andere Wahl – gelingt das den Akteuren nicht, so Mohsen Hamids Vorstellung, übernimmt halt die Migration selbst das Kommando …

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